Manche Musik verschwindet für Jahre aus dem Blickfeld, ohne jemals wirklich vergessen zu werden. Mit „Tears – A Collection of Silke Bischoff Songs“ kehrt ein Stück deutscher Dark-Wave-Geschichte zurück, das für viele weit mehr ist als eine nostalgische Erinnerung an die Neunziger. Das Duo gründete sich 1990, änderte 2002 den Projektnamen in 18 Summers. Die Compilation versammelt 14 Songs, die den charakteristischen Klang der Band erneut zugänglich machen – sorgfältig remastert und ergänzt durch den bislang unveröffentlichten Titeltrack „Tears“ mit dem Gesang des 2017 verstorbenen Felix Flaucher.

Schon der Einstieg macht deutlich, warum Silke Bischoff bis heute einen besonderen Stellenwert innerhalb der Gothic- und Dark-Wave-Szene besitzen. „Tears“ ist dabei nicht einfach nur eine Archivaufnahme, die nachträglich ans Licht geholt wurde. Der Song bildet einen emotionalen Auftakt, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Flauchers Stimme verleiht diesem Wiedersehen eine zusätzliche Bedeutung, ohne dass man die Musik allein auf ihren historischen Hintergrund reduzieren müsste.

Mit „I Don’t Love You Anymore“ folgt ein Stück, das die melancholische Seite der Band eindrucksvoll repräsentiert. Es war beim Erscheinen schon ein Klassiker und ist es auch weiterhin. Ebenso wie das „Under Your Skin“, welches anschließend einen weiteren Akzent setzt und verdeutlicht, wie viel Raum Silke Bischoff ihren musikalischen Ideen zugestanden haben. Gerade die Verbindung aus elektronischer Atmosphäre, markanten Melodien und dem unverwechselbaren Gesang macht den Reiz dieser Musik aus.

Silke Bischoff - Tears – A Collection of Silke Bischoff Songs
Silke Bischoff Tears A Collection of Silke Bischoff Songs

„No Paradise“ und „Northern Lights“ setzen diese starke erste Hälfte konsequent fort. Beide Titel gehören zu den Höhepunkten der Zusammenstellung und zeigen unterschiedliche Facetten des Bandkosmos. Hier treffen Dunkelheit und Melancholie auf eingängige Melodien, ohne dass daraus bloße musikalische Schwarzmalerei wird. Gerade diese Balance macht die Stücke so reizvoll: Sie sind atmosphärisch, besitzen Wiedererkennungswert und entfalten eine Wirkung, die über den Moment hinausreicht.

Auch die zweite Hälfte hat einiges zu bieten. „The Union“, „The Man on the Wooden Cross“ und „The Letter“ ergänzen das Gesamtbild um weitere Facetten des musikalischen Schaffens. „On the Other Side“ sticht für mich jedoch besonders hervor. Der Titel gehört zu jenen Momenten, in denen die emotionale Qualität von Silke Bischoff noch einmal besonders deutlich wird. Er fügt sich hervorragend in die Zusammenstellung ein und zählt neben den ersten fünf Songs zu meinen persönlichen Favoriten.

Die übrigen Stücke sind keineswegs schwach. „AJNA“, „Benetton Girl“, „Waste of Time“, „Sometimes“ und „To Protect and to Serve“ vervollständigen die Werkschau und machen deutlich, dass das musikalische Erbe der Band nicht auf eine Handvoll bekannter Titel reduziert werden sollte. Dennoch erreicht nicht jeder Song für mich dieselbe unmittelbare Wirkung. Die Compilation lebt vor allem von ihren herausragenden Momenten und weniger davon, dass ausnahmslos jeder Titel zum persönlichen Lieblingsstück wird.

Ein wesentlicher Pluspunkt ist die klangliche Überarbeitung durch Olaf Wollschläger. Das Remastering gibt den ausgewählten Aufnahmen eine neue Veröffentlichungsgrundlage. Es geht hier nicht darum, Silke Bischoff künstlich in die Gegenwart zu versetzen, sondern darum, diese Musik wieder zugänglich zu machen. Genau darin liegt der Wert dieses Releases.

Natürlich bleibt eine Compilation immer eine Momentaufnahme. Sie kann ein umfangreiches Werk nicht vollständig abbilden und ersetzt auch nicht die Beschäftigung mit den ursprünglichen Alben. Wer Silke Bischoff bereits lange kennt, wird manche Stücke vor allem als Wiederbegegnung erleben. Für neue Hörerinnen und Hörer bietet „Tears“ dagegen einen überzeugenden Einstieg in eine Band, deren Bedeutung sich nicht allein aus ihrem damaligen Szenestatus erklären lässt.

Besonders gelungen ist, dass die Veröffentlichung nicht nur auf Vergangenes zurückblickt, sondern mit dem bisher unveröffentlichten Titeltrack auch einen bislang verborgenen Teil der Bandgeschichte zugänglich macht. Das verleiht der Compilation einen zusätzlichen emotionalen Wert, der über eine gewöhnliche Best-of-Zusammenstellung hinausgeht.

Fazit:

„Tears – A Collection of Silke Bischoff Songs“ ist eine würdige Rückkehr eines wichtigen Dark-Wave-Projekts. Nicht jeder Titel erreicht dieselbe Strahlkraft, doch die starken Höhepunkte, die sorgfältige klangliche Aufarbeitung und Felix Flauchers Stimme machen diese Compilation zu einer lohnenden Veröffentlichung. Es war interessant, die Stücke heutzutage nochmal am Stück, mit einer gewissen Intensität statt einmalig monatlich wiederkehrend zu hören.