Diary of a Femen erschien 2016 beim belgischen Verlag Le Lombard und umfasst 122 Seiten. Das Szenario stammt von Michel Dufranne, die Zeichnungen von Séverine Lefebvre. Die englische Ausgabe wird von Europe Comics als Graphic Novel für Erwachsene ab 17 Jahren geführt.

Bei dieser Veröffentlichung handelt sich nicht um eine Dokumentation, sondern um eine fiktionale Geschichte, die auf realen Ereignissen und auf Aussagen von Zeitzeugen basiert. Dufranne stand nach Angaben des Verlags mehr als vier Jahre in persönlichem Kontakt mit FEMEN France. Sein erklärtes Ziel war es, das Phänomen FEMEN zu untersuchen und eine Diskussion darüber anzuregen, ohne ausdrücklich Partei für oder gegen die Organisation zu ergreifen.

Die Hauptfigur Apolline ist frei erfunden und entstand aus zahlreichen Gesprächen und Beobachtungen des Autors, der sich über mehrere Jahre mit FEMEN beschäftigte. Dadurch soll ein typischer Weg in den Aktivismus nachvollziehbar werden.

Diary Of A Femen - Script by Michel Dufranne - Art by Séverine Lefebvre (© Europe Comics)
Diary Of A Femen Script by Michel Dufranne Art by Séverine Lefebvre © Europe Comics

Eine „Schwäche“ könnte allerdings im Einstieg liegen. Apolline erlebt innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Situationen von Alltagssexismus – am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit und in ihrer Familie. Mehrere Kritiker empfinden diese Häufung als klischeehaft und teilweise übertrieben. Planète BD spricht von einer karikaturen Darstellung. Eine andere Rezension kritisiert, Apollines persönlichen wirkten vergleichsweise harmlos gegenüber den wesentlich härteren Erfahrungen, aus denen die ursprüngliche FEMEN-Bewegung in der Ukraine hervorging.

Dieser Meinung kann ich nicht zustimmen. Erstens ist der Platz eines Comics begrenzt. Es sollte also klar sein, dass das zeitlich zusammengerückt wird. Zweitens könnte man auch denken, das Apolline für mehrere Frauen außerhalb von FEMEN und Feminismus steht. Es wird wohl kaum jemand widersprechen, das beide Varianten Sinn ergeben. Leider muss man dazu sagen.

Eine große Stärke des Comics ist dagegen die differenzierte Darstellung von FEMEN. Die Geschichte zeigt nicht nur spektakuläre Protestaktionen, sondern auch Training, Vorbereitung, Organisation, persönliche Risiken und Zweifel der Aktivistinnen. Außerdem werden in Gesprächen die Ziele und Widersprüche der Bewegung thematisiert. Der Leser soll sich dadurch eine eigene Meinung bilden können.

Insgesamt liegt die Stärke von „Journal d’une Femen“, wie „Diary Of A Femen“ im Original heißt, weniger in einer tiefgehenden politischen Analyse als darin, FEMEN verständlicher und differenzierter darzustellen. Der Comic zeigt sowohl die emanzipatorische Motivation als auch die problematischen Seiten des Aktivismus. Gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einer guten Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit Feminismus, Protest und der Frage, ob provokante Methoden politische Inhalte stärken oder überlagern.

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Oliver Lippert
Autor ("Kaleidoskop - Abschnitt 1 -", "Kaleidoskop - Abschnitt 2 -") und Rezensent. Mehr hier: https://linktr.ee/OliverLippert
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