Die südkoreanische Comickünstlerin Keum Suk Gendry-Kim zählt zu den wichtigsten und international erfolgreichsten Graphic-Novel-Stimmen ihres Landes. Im vergangenen Jahr ist mit der Nordkorea-Comicreportage „Mein Freund Kim Jong-Un“ ihre erste deutsche Übersetzung erschienen. In diesem Jahr erschien mit „Gras“ ihr bislang umfangreichstes Werk. Es ist eine packende Comicerzählung über das Schicksal der sogenannten „Trostfrauen“, die während des Zweiten Weltkriegs im Bereich von mehreren Hundertausenden von der japanischen Armee verschleppt und zwangsprostitutiert worden sind.
Anfang Mai 2026 war die Autorin in Berlin, Hamburg und Dortmund und las aus ihrem Buch vor. Das Werk ist fast 500 Seiten stark. Auch wenn ich Comics lange Zeit mit leichter, unterhaltsamer Kost verbunden habe, bin ich froh, dass mir nun auch nicht so leichte Themen in dieser Form näher gebracht wurden und immer noch werden. So auch geschehen mit „Gras“.
Weit davon entfernt ein leichtes Thema zu sein, zog mich das Thema und die Biografie der ehemaligen Zwangsprostituierten und politischen Aktivistin Lee Ok-seon in den Bann. Die Erzählung ist bedrückend und emotional anspruchsvoll. Sie erinnert allerdings auch an das Leben und Schicksal all jener Frauen. Bisher scheint die Anerkennung dieser Verbrechen und Taten Probleme zu bereiten. Beiden Seiten. Denen, die diese anerkennen sollten und denen, die das erlebt haben oder sich dafür einsetzen, dass die Schicksale anerkannt werden. Eine offene Redekultur scheint es kaum zu geben. Umso wichtiger ist der Einsatz von Lee Ok-seon und weiteren Aktivist:innen aber auch von Keum Suk Gendry-Kim, die das Thema öffentlichkeitswirksam darstellen und erzählen.
Die Zeichnung sind vermutlich mit Tusche, aber sicherlich in Schwarz erstellt worden. Sie zeigen einerseits die schönen Landschaften Koreas (und anderer Länder), mutieren aber zu düsteren Darstellungen, wenn Lee Ok-seons Erzählungen beginnen. Dann ist alles eingefärbt von tiefer Traurigkeit. Auf der anderen Seite zeigt „Gras“ aber auch, wie es Lee Ok-seon geschafft hat, trotz dieser zahlreichen Erlebnisse, Kraft für die Tätigkeit als Aktivistin zu haben. Und auch für ein solches Interview beziehungsweise mehrere. Auch das ist kräftezerrend. Die Zeichnungen zeigen auch, dass es manchmal weder Worte noch passende Zeichnungen für die geschilderten Traumata gibt.
Die japanischen Soldaten werden an manchen Stellen abstrahiert dargestellt. Mund und Augen wirken „zackig“, wie mit einer Schere ausgeschnitten und die Gesichter wirken dadurch weniger menschlich.
Der Meta-Erzählrahmen wirkt schlüssig und ist ansprechend mit großem Einfühlungsvermögen formuliert worden. Die Opfer werden nicht auf voyeuristische Art dargestellt, sondern so, wie es dem Rahmen und der Erzählung angemessen ist. Auch bekommt man eine gute Idee dafür, wie generationsübergreifende Traumata funktionieren.
Mit enormem Feingefühl gelingt hier das Kunststück, ein unerträgliches historisches Trauma in eine universelle Botschaft des Überlebens und Hoffens zu verwandeln. Die Graphic Novel zwingt uns zum Hinsehen, ohne uns zu erdrücken, und spendet trotz aller Dunkelheit Trost (wenn man sieht, was Lee Ok-seon trotz aller Widrigkeiten geschafft hat). Dieses Buch ist ein essenzielles und zutiefst empathisches Plädoyer gegen das Vergessen – ein absolutes Must-Read.












