Von Urlaub keine Spur, der Meister des Wortwitzes und nicht zu vergessen „der getanzten Eleganz“ gönnt sich in diesem Jahr keine Pause. Nach einer ausgiebigen Tour im Sommer mit seiner legendären Hauptband „Die Ärzte“, stehen die Wintertage nun ganz im Zeichen des Racing Teams. „Die Wahrheit übers Lügen“ heisst das inzwischen dritte Studioalbum aus dem Hause Urlaub und eben diese Wahrheit wird das 12 köpfige Racing Team ab dem 20. November, auf der dazugehörigen „Krachgarten-Tour“ dann auch lauthals in ganz Deutschland verkünden.
Nach dem Livealbum „Livealbum of death“ aus dem Jahr 2006, das bereits unter dem Namen Farin Urlaub Racing Team veröffentlicht wurde (was bei einem Live-Album zugegebenerweise auch Sinn macht), ist „Die Wahrheit übers Lügen“ nun das erste „richtige“ Studioalbum geworden, welches unter diesem vollen Titel in den Regalen stehen wird.
Denn erstmalig hat sich Farin Urlaub nicht alleine in seinem Tonstudio eingeschlossen, um seine Ideen in die Tat umzusetzen, sondern hat seine Livecombo aktiv in die Studioarbeit mit einbezogen. Herausgekommen ist dabei nicht nur ein einziges, sondern genau genommen sogar gleich 1,5 Alben im gewohnt mitreissenden, aber gleichzeitig erfrischend abwechslungsreichen Farin Urlaub Style.
Insgesamt 15 Songs verteilen sich auf eine 11-Track starke Haupt-CD und eine im wahrsten Sinne des Wortes kleine Bonus-CD mit vier weiteren Titeln. Während die Stimmung auf der eigentlichen CD irgendwo zwischen düster athmosphärisch bis hinzu gewohnt rockig schwankt, setzt das Bonusmaterial auf deutlich funkigeren Sound, Reggaerhythmen und eine nette Hommage an Seeed.
Verglichen mit „Am Ende der Sonne“ klingt das aktuelle Album deutlich weniger aggressiv, ja fast schon ein wenig lieb. Die Mischung aus flottem Ska-Punk, Swingelementen und schier unfassbarerweise sogar HipHopklängen, weiss aber nicht minder zu überzeugen, als alles andere was wir bisher von diesem Ausnahmekünstler zu Gehör bekommen haben und beweist ein weiteres mal, dass dieser Mann tatsächlich in allen Musikgenres zu Hause ist.
Doch bei all dem Frohsinn sind es besonders die ruhigen Momente, wie die einfühlsame Ballade „Atem“, oder die etwas andere, weil so wunderbar makabere Vorstellung von einem anständigen Liebeslied „Die Leiche“, die den ganz besonderen Charme dieses Albums ausmachen. Letzteres dürfte wohl auch das kritischste Gruftiherz überzeugen, dass in dem Mann, der auf der Bühne verdächtig oft schwarz trägt, wohl doch nicht „nur“ ein reiner Punk, sondern auch, zumindest ein klitzekleines bisschen, Gothic-Attitüde schlummert.
Schon fast ein wenig beunruhigend wirkt hierbei, wie perfekt Farin Urlaub mit seiner Stimme, den psychopatischen Charakter des Protagonisten, zu unterstreichen vermag. Bizarr, aber einfach fantastisch, dieser Song ist wirklich ganz grosses Kino und wäre der Topkandidat für einen weiteren Videoclip.
Spannend, weil im ersten Moment irritierend, klingt auch die Diskrepanz von Melodie und Text in den Ohren, wenn Farin Urlaub mit eher sanften Klängen ein „Monster aus Rock“ erschafft. Ein Stilmittel, dass auch schon beim Opener „Himmelblau“ auf dem letzten „Die Ärzte“ Album zu gefallen wusste.
Ähnlich abwechslungsreich und kreativ zeigt sich Herr Urlaub, dem offensichtlich nie die Ideen ausgehen, in Bezug auf inhaltliche Aspekte. Und eines ist dabei so sicher wie das Amen in der Kirche, egal ob er hier Pelzträgerinnen an den Pranger stellt, vom Krieg auf der Strasse berichtet, oder aber verkündet, dass der Durchschnittsmann über circa drei verschiedene Gefühlsregungen verfügt – irgendwie spricht Farin Urlaub, auf seine unverblümte Art, doch immer Die Wahrheit aus und das natürlich ohne dabei auch nur im Ansatz zu lügen.
Fazit: Mit seinem dritten Studioalbum beweist Farin Urlaub ein weiteres mal eindrucksvoll, dass er es auch nach über 25 Jahren Musikgeschichte noch immer beherrscht grossartige Songs mit anspruchsvollen und kritischen, aber auch gleichzeitig wunderbar amüsanten Texten zu schreiben. Sein Soloprojekt ist schon längst dem mächtigen „Schatten der Ärzte“ entwachsen und mit der „Wahrheit übers Lügen“ gelingt es ihm und dem Racing Team diese Position noch ein bisschen stärker zu untermauern.












