Ab dem 24.8. gibt es endlich wieder neues Material der Industrialrocker, die seit nunmehr 23 Jahren an der Spitze
des Genres stehen. Versprochen wurde, dass das neue Album experimenteller und abwechslungsreicher werden sollte.
Was dran ist an den Versprechen und ob sich die neue Platte mit „Hau Ruck“ messen kann erfahrt ihr hier.

Endlich gibt es wieder etwas Neues von KMFDM. Ich gehöre ja zu den scheinbar
wenigen Personen, denen ein Haufen Remixe alter Songs nicht genug ist. Richtig gespannt
war ich auf das neue Album aber erst nach der Meldung, dass es gar Darkwave-Einflüsse aufs
Album geschafft haben sollen. Aber hält der Kahn was der Käpt´n verspricht?

Ich sage ja, denn eines ist sicher: Keines der neuen Alben klingt so vielschichtig wie „Tohuvabohu“.
Ein kurzer Rückblick: Wo „Attak“ noch flach war, brachte „WWIII“ eine ordentliche Portion Rock mit ins Geschehen.
„Hau Ruck“ löste den Rock wieder ein wenig und ist für viele das stärkste neue Album.
„Tohuvabohu“ nun macht da weiter, wo das „Hau Ruck“ aufhörte und setzt stärker auf verschiedene neue Einflüsse, ohne dabei aber an Geschwindigkeit oder Kraft einzubüßen. „Hau Ruck“ bildet quasi den Grundstein für das, was auf „Tohuvabohu“ passiert.

Der Opener „Super Power“ macht klar in welche Richtung es gehen soll:
Nach der Wahlautomatenansage „KMFDM can blow your mind, rock your face off and jumpstart your heart!“
setzt eine gemächliche, aber stampfende Nummer ein. Der Ultraheavy Beat
und die Selbstglorifizierung gehen in die nächste Runde. Es gibt ein Gitarrensolo,
Trompeten und ein astreines Saxophonsolo, die alle noch ein wenig an den
Ausklang vom letzten Album erinnern. „Looking for Strange“ setzt wieder auf Bewährtes.
Eine der stärksten Nummern der Platte ist der Titeltrack „Tohuvabohu“. Die versprochenen
Darkwave-Elemente sind allerdings nicht so stark, wie ich anfangs gedacht hätte.
Sie äußern sich hauptsächlich im Gesang Saschas, der sich ausnahmsweise mal vom sonstigen
Sprechgesang entfernt, was dem Song sehr gut tut. Außerdem ist der Synth für KMFDM ungewöhnlich
stark im Vordergrund. Gerade der Gesang passt super zum schnellen Grundrhythmus und ergänzt den
Synth und die einsetzende Gitarrenbegleitung perfekt. Sehr geile Nummer mit brockenweise eingestreutem
Latein („alea iacta est“) im Refrain des ansonsten auf englisch gesungenen Stücks.
Das Gesamtniveau des Albums ist trotz einiger Stilöffnungen sehr gut und es scheint als bekäme man immer
einen Song nach altem Muster und dann eine Nummer mit neuen Elementem vorgesetzt.
Der nächste Song, der auffällt ist die Rocknummer „Saft und Kraft“, die
mit ihren schnellen, shreddernden Schrubber-Riffs an „WWIII“ erinnert. Der einzige komplett deutschsprachige Song auf dem Album
hat aber nicht nur eine flotte musikalische Untermalung, sondern auch entsprechend kraftvolle Lyrics, in denen
sogar Ton Steine Scherben zitiert werden („Mach kaputt was dich kaputt macht!“). Auch „Headcase“ ist ein typischer KMFDM-Song nach bester Art des Hauses,
diesmal vorgetragen von Lucia. Als nächstes wartet das Cover von „Los Niños Del Parque“ auf, das mit seinem
Synthgestammel an Kraftwerk erinnert. Dazu gesellt sich aber bald schon die sporadisch einsetzende E-Gitarre, die
weitere Akzente setzt und ein wenig Synthgeblubber, dass den Sound aber trotz allem bewusst einfach hält.
Meiner Meinung nach kommt es aber nicht an den „Mussolini“ von der „Ruck Zuck“ EP heran.

Wer bei „Spit or Swallow“ an den Klassiker „Spit Sperm“ dachte, lag zumindest nicht komplett falsch,
auch wenn der Song an sich pompöser ausfällt. Durch das Überlagern
mehrerer Ebenen wirkt die Struktur vor allem zum Ende hin organischer, vielleicht aber auch etwas überladen.
Im Vergleich zu dessen stampfigem Rhythmus präsentiert sich der nächste Song, „Fait Accompli“ jedoch sehr viel
friedlicher. Der Beat verschwindet in den Hintergrund und Lucias Stimme rückt mit melodischem Gesang in den
Vordergrund, verstärkt durch von Zeit zu Zeit einsetzenden E-Gitarrenschüben. Durch seine Andersartigkeit
und seine starke Melodik zählt auch dieser Song zu den stärkeren Titeln auf der Platte. Die Songtitel täuschen übrigens:
Die meisten Songs sind bis auf den Refrain komplett englisch gehalten. Den Abschluss bildet schließlich
„Burnaye“. Eine ruhige Nummer, die sich langsam aufbaut. Zu Lucias Stimme gesellen sich bald Geigen aus dem Synth,
bald E-Gitarren. Bis auf den stampfend-kraftvollen Refrain bleibt der Song aber betont still.
Besondere Überraschung: Zum Ende hin übernimmt Lucia den deutsch gesprochenen Texteinwurf, den sonst immer
Sascha spricht.

„Tohuvabohu“ ist das bisher stärkste unter den neuen Alben und gibt dem neuen Sound endlich
etwas Abwechslung. Es kombiniert die Power von „WWIII“ mit den Stärken von „Hau Ruck“ und
holt gleichzeitig neue Einflüsse ein, klingt aber immer noch unverkennbar nach KMFDM und bietet viele
starke Songs. Meiner Meinung nach wird „Tohuvabohu“ einschlagen wie eine Bombe.

Fazit: Konsequente Weiterentwicklung von „Hau Ruck“, starkes Album ohne große Schwächen.

Anspieltips:
Tohuvabohu, Saft und Kraft, Fait Accompli, Looking for Strange, Burnaye

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