Ein Ex-Häftling als True-Crime-Analytiker
Maximilian Pollux ist vor allem durch seine Knast-Storys auf YouTube bekannt – authentische Einblicke in das Gefängnisleben aus der Perspektive eines ehemaligen Intensivtäters. Mit Gefährliches Ego legt er nun sein erstes populärwissenschaftliches Sachbuch vor. Der Titel verspricht eine Auseinandersetzung mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung (NPS) im kriminellen Kontext – ein Thema, das aktuell nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der True-Crime-Szene auf großes Interesse stößt. Pollux’ Zugang ist dabei ein doppelter: als ehemaliger Häftling mit fast zehn Jahren Haft und als Anti-Gewalt-Trainer, der heute Täterprofile analysiert. Diese Biografie prägt die Lektüre – sie verleiht seinen Fallschilderungen Glaubwürdigkeit, wirft aber auch Fragen nach Subjektivität und fachlicher Distanz auf.

Zwischen Psychologie und True Crime
Das Buch kombiniert psychologische Grundlagen (Was ist NPS? Wie äußert sich „bösartiger Narzissmus“?) mit kriminologischen Fallstudien. Pollux präsentiert Täter, bei denen NPS diagnostiziert (z. B. durch Gerichtsgutachten) oder von ihm vermutet wird. Die Fälle reichen von bekannten Serienmördern bis zu weniger prominenten Gewalttätern. Sein Fokus liegt auf der Frage: Wie begünstigt Narzissmus Straftaten? Dabei verzichtet er auf eine systematische Abhandlung – stattdessen dominieren erzählerische Passagen, in denen er Tathergänge rekonstruiert und eigene Deutungen einfließen lässt.
Besonders gelungen ist die Schilderung seines eigenen Lernprozesses: vom laienhaften „Ach, ich doch nicht“ zur Auseinandersetzung mit ICD-11 und DSM-5. Hier zeigt sich Pollux’ Stärke als Vermittler zwischen Alltagspsychologie und Fachwissen. Die Fälle selbst sind teilweise bekannt, doch die NPS-Brille bietet tatsächlich eine neue Perspektive. Problematisch wird es, wenn Pollux Spekulationen anstellt – etwa bei Tätern, deren Diagnose nicht öffentlich belegt ist. Seine subjektiven Bewertungen („dieser Charakterzug wirkt typisch narzisstisch“) sind zwar unterhaltsam, aber nicht immer trennscharf.
Stärken und Schwächen: Zwischen Unterhaltung und Aufklärung
Pollux’ größter Pluspunkt liegt in der praxisnahen Vermittlung: Seine eigene Haft- und Tätererfahrung macht abstrakte psychologische Konzepte greifbar. Besonders überzeugend sind seine Schilderungen von Manipulationstaktiken oder der Dynamik in Haft, die nicht nur plausibel, sondern auch packend erzählt werden. Gleichzeitig spricht das Buch True-Crime-Interessierte gezielt an, ohne sie mit Fachjargon zu überfordern. Die lockere, bildhafte Sprache (etwa der Begriff „NPS-Brille“) lockert den Ton auf, ohne die Thematik zu verharmlosen. Provokant – und damit diskussionswürdig – ist Pollux’ zentrale These, dass Narzissmus und Kriminalität eng verknüpft seien. Hier liefert er zwar konkrete Fallbeispiele, doch nicht alle überzeugen vollständig.
Kritisch zu sehen sind hingegen die wissenschaftlichen Lücken. Wo diagnostische Sicherheiten fehlen, hätte eine deutlichere Trennung zwischen gesicherten Fakten und Hypothesen geholfen. Ein Fachkommentar – etwa vom im Buch erwähnten Psychiater Dr. Pablo Hagemeyer – wäre hier wünschenswert gewesen, um die subjektiven Deutungen Pollux’ einzuordnen. Zudem wirken einige wertende Aussagen (wie pauschale Zuschreibungen von „typisch narzisstischen“ Charakterzügen) unausgereift, da sie oft ohne klare Kriterien oder Belege bleiben.
Unterhaltsam, aber mit Abstrichen
Gefährliches Ego ist kein Lehrbuch, sondern ein populärwissenschaftlicher Mix aus Psychologie und True Crime. Wer unterhaltsame Fallgeschichten mit psychologischem Tiefgang sucht, wird fündig. Wer jedoch strenge wissenschaftliche Standards erwartet, wird enttäuscht. Pollux’ subjektiver Stil – mal analytisch, mal polemisch – ist sowohl Gewinn als auch Risiko. Sein Buch regt zum Nachdenken an, besonders über die Grenzen zwischen Pathologie und „normaler“ menschlicher Egozentrik. Ob die NPS-Deutungen immer tragen, bleibt aber diskutabel.
Für wen lohnt sich die Lektüre?
True-Crime-Interessierte, die psychologische Hintergründe suchen.
Leser:innen, die Pollux’ persönliche Perspektive schätzen – trotz (oder gerade wegen) seiner unperfekten, aber authentischen Art.
Nicht für Leser:innen, die eine abschließende fachliche Abhandlung erwarten.












