Schon in den späten 90er Jahren hatte die aus London stammende Band Descendants of Cain erste lokale Erfolge und wurde so zur Veröffentlichung ihres Debuts „Aziluth“ ermutigt. Acht Jahre und diverse Alben später erschien 2008 „The Tao of Wisdom and Misery“. Frei nach dem Erfolgsrezept ruhige Strophe, harter Refrain bahnt sich DoC den Weg in ihr eigenes, mystisches Genre.

Descendants of Cain ist eine Band, der man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass Metaphern und Symbole, Inhalte und Ideale in ihren Werken zu kurz kommen. Noch bevor man die CD Hülle ünerhaupt öffnet, kann man schon ahnen, dass es tiefgründig und gehaltvoll wird. Da das Design an eine alte Schriftrolle erinnert und mit mythologischen Zeichen gespickt ist, erscheint es beinahe unpassend, dass das ganze in einer regulären Plastik Hülle steckt. Eine matte Papierhülle wäre da sicher angebrachter gewesen.
Auch das Booklet ist mit allerlei Zeichen und Figuren geschmückt, die anzuprangern scheinen, dass in unserer Welt Ideale von materialistischer Gier ersetzt wurden. Auch sämtliche Songtexte sind enthalten, mit Passagen wie „Saviour here I am before you, do you even know me? Do you even care?“ aus dem Song „Prayer for Deliverance“ oder „Bow to the system till your knees are worn out […] bow to the system and lose all that you´ve found“ aus „Human“. Die Texte triefen vor schmerzhafter Wahrheit und Wortmalerei.

Musikalisch lassen sich drei Knotenpunkte ausmachen:
Als erstes die phantastisch tiefe und kräftige Stimme von Sänger Darryl „D“ Krüger. Dieser Mann ist wirklich ein beeindruckendes Beispiel dafür, was männliche Stimmbänder so hergeben können. Zwar gibt es auch viele Stellen, an denen er (verhältnismäßig) hoch singt, doch wirklich schön sind eher die Stellen, an denen sich das Ganze abwärts schraubt. Denn trotz Tiefe trifft er jeden Ton aufs genauste und artikuliert die Silben so, dass man selbst diejenigen mit leichtem Schreifaktor verstehen kann. Wozu auch aufwendige Texte wenns eh keiner versteht?
Und damit wären wir auch beim zweiten Punkt. Die mystische Atmosphäre der CD. Denn die symbollastigen Texte werden auch klanglich gut wiedergespiegelt. Wobei das nicht bedeuten soll, dass die ganze Scheibe voller esoterischem Geträller ist. Es gibt durchaus ruhige Stücke mit sphärischen Klängen und säuselnder Melodie, doch es gibt ebenso Stücke, die trotz der mystischen Seite hart und kräftig sind und sich sogar in Richtung Metal verorten lassen.
Und eben dieser Reichtum an Kontrasten ist das dritte charakteristische Merkmal. Die Strophen sind oft ruhig, geheimnisvoll und manchmal fast puristisch, während die Refrains richtig ans Eingemachte gehen und von harten Gitarrenriffs untermauert sind. In einem Moment einfühlsam uns poetisch, im nächsten schon bedrohlich oder heroisch. Durch diese Abwechslung werden die Ohren nicht so schnell müde.

Und müde Ohren sind tatsächlich das letzte, was man bei diesem Album gebrauchen kann. Immerhin enthält es 15 reguläre Stücke und noch ganze 4 Hiddentracks – zwei Instrumentalstücke mit schöner Atmosphäre, zwei etwas Härtere mit Gesang – und hat somit eine Gesamtspielzeit von über einer Stunde. Besonders empfehlenswert sind die Stücke „Made By You“, „The Listeners“ und (für die, die es metallisch mögen) „Break Down“. Auch das Letzte der regulären Stücke, „Phantom Ball“, sollte erwähnt werden, da es mit dem restlichen Album bricht, und plötzlich ein Klavier einführt und mehrstimmigen Gesang. Ein gänsehautwürdiger Abschied.

Der Vergleich mit anderen Bands ist bei Descendants of Cain wirklich schwer. Grundsätzlich ist das Album sicher nicht geeignet für Hörer, die es lieber schlicht und klassisch mögen, denn diese Flut an Symbolen, Synthesizern und Effektgeräten hat es wirklich in sich. Doch Hörer, die sich von eben solchen Dingen angezogen fühlen, dürften mit „The Tao of Wisdom and Misery“ einen regelrechten Schatz erwerben.

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