3 Jahre ist es nun her, seit Sonja Kraushofer und Martin Hoefer ihr letztes Persephone-Album auf den Markt brachten, es wurde langsam wirklich Zeit. Dafür, so scheint es, haben sie sich für ihr neues Album „Letters to a Stranger“ besondere Mühe gegeben, und sogar das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode verpflichtet.

Tatsächlich steht aber vor allem die Stimme von L’âme Imortelle-Sängerin Sonja im Vordergrund, und zwar stimmgewaltiger und vielseitiger als wir es von den Releases ihrer bekannteren Band gewohnt sind. Ganz klar: Persephone wissen wie sie sich ins rechte Licht rücken. So wirken die Orchesterarrangements zwar sparsam, aber genau richtig um die melancholische Stimmung zu verbreiten, welche „Letters to a Stranger“ auszeichnet. Besonders „Strange“, der Album-Opener verzaubert mit einer wunderschönen eingängigen Melodie und zarten Pianoklängen. Leider ist dieses geniale Lied nur Zweieinhalb Minuten lang: Schade, denn das Lied entwickelt sich bestimmt nicht nur bei mir zum Lieblingstrack!

„Stained“, „Everlasting“ und „Fateful“ wirken in ihrer Art sehr ruhig und besonders „Everlasting“ auch traurig und bedrückend. Hört man den Lyrics einmal genauer zu mögen einem sensiblen Geschöpf schon einmal die Tränen kommen: Der große Weltschmerz passt also doch einen Song, und hier haben wir ihn.

Der dritte Albumtitel „Wishful“ hingegen klingt weniger klassisch, dafür mehr experimentell. Hier wechselt sich eine kindlich-unheimliche Stimmung, welche an hexerische Beschwörungsformeln erinnert, mit scheinbar übertrieben kitschigen Phrasen ab. Dies ist auf jeden Fall ein sehr gewöhnungsbedürftiger Track der sich nicht zum „nebenherdudeln“ eignet, sondern ein aufmerksames Auseinandersetzen mit Stilmitteln und Stimmung verlangt. Es ist eben ein schmaler Grat zwischen „genial“ und „anstrengend“. Wem diese Art Musik gefällt, der wird bestimmt auch den 8. Titel „Buried“ lieben, bei dem jene Hexen-1×1-Stimmung vorherrscht, jedoch mehr vom Orchester als von den Vocals zu hören ist.

Auch der Tango „Mean“ ist kein für das Album typisches Lied, gefällt aber ungleich besser als das komplizierte Arrangement in „Wishful“ und „Buried“. Sonja Kraushofer legt hier zu Piano und Akkordeon so richtig los und zaubert eine Salonstimmung der 20er Jahre mit ungleich düstereren Texten. Eine willkommene Abwechslung!
Umso schöner wirkt anschließend das gefühlvolle „Untitled“ als Kontrast. Schon allein wie Sonja Kraushofer bitter anprangert „No words to rescue my soul“ (dt. „Keine Worte um meine Seele zu retten“) ist tief ergreifend. Der leichte Hall hinter ihrer Stimme und die Streicher im Hintergrund untermalen diese Stimmung noch und machen das Lied ohne Titel zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Ähnliche Stilmittel sind in „Blue“ zu finden, jedoch spärlicher gesät, was das Stück um einiges ruhiger und melancholischer, jedoch auch weniger eingängig macht.

Im mit 1:11 Minuten das kürzeste Stück „Stranger“ (nicht zu verwechseln mit „Strange“) gibt es Sonja Kraushof pur. Zunächst ganz solistisch, später von sanftem Summen untermalt, singt sie über den Fremden dem ihre Briefe gewidmet sind. Und wenn sie säuselt „Good night stranger, see you soon, when eternity ends“ glaubt man, dass dies der gelungene Schluss des Albums ist.
Dem ist allerdings nicht so, denn am Schluss setzen Persephone mit „Merciless“ noch eins drauf. Hier schlagen zweifelsfrei die Herzen der Metalfans höher, denn endlich kommen auch einmal E-Gitarren merklich zum Einsatz. Dieses Albumende ist vielleicht nicht ganz so poetisch und künstlerisch, dafür aber umso mitreißender. Da spürt man auf einmal die Wut im Bauch, welche in der Stimme der Sängerin liegt und ballt die Hände zu Fäusten. Das Stück wäre auch fast perfekt, wenn nicht dieser einfallslose Fadeout am Ende wäre: Der passt einfach nicht zur Musik und wirkt nicht nur langweilig sondern auch irgendwie falsch.

Hier noch ein kurzer Einschub zum liebevoll gestalteten Artwortk der Platte: Die gesamte Aufmachung der CD in der edlen Pappschachtel und den gemäldehaft aufbereiteten Fotos ist absolut einmalig und superchic. Es zeigt sich niemand geringeres dafür verantwortlich als Joachim Luetke, der auch schon für Dimmu Borgir und Marilyn Manson gebastelt hat. Super Idee: Statt einem einfachen Songbooklet finden sich sämtliche Lyrics auf einzelnen Briefen. Leider bleibt durch die ausschweifende Handschrift darauf die Lesbarkeit ziemlich auf der Strecke. Aber echte Fans lernen die Lieder ja sowieso auswendig, oder?

Alles in Allem ist „Letters to a Stranger“ ein sehr spannendes und hauptsächlich melancholisches Album. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern schrecken Persephone nicht davor zurück auch mal experimentellere Lieder auf ihr Album zu packen, welche vielleicht nicht unbedingt den Nerv der Allgemeinheit treffen. So wird keinesfalls jeder Song auf dem Album zum Hit werden. Mit diesen anderen Stücken beweisen Sonja Kraushofer, Martin Hoefert, Holger Wilhelmi und Johannes Kramer jedoch, dass sie wirklich ernst zu nehmende Künstler sind die den Mainstream weit hinter sich lassen.
Wer sich nicht durch den klassischen Jungle kämpfen mag, dem habe ich hier drei Anspieltips: „Strange“, „Untitled“ und „Merciless“ haben absolutes Hit-Potential.

Autor: Sylvia

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