Nun ist es vollbracht! Nach langer Zeit hat Richard Z. Kruspe, bekannt als Gitarrist der deutschen Industrialrockband Rammstein, sein Solo-Projekt Emigrate beendet und steht kurz vor dem Release. Viele der deutschen Fans äußern sich entweder durch Neugier oder durch Misstrauen zu den Sologang des egozentrischen Gitarristen. Mindbreed hat die Gelegenheit ergriffen, um für euch einen Einblick in das Erstwerk von Herrn Kruspe zu gewähren.

Der Grund warum Emigrate überhaupt entstanden ist, war einfach das Bedürfnis sich extern von Rammstein frei kreativ auszutoben. In einer Band, wo alle sechs Bandmitglieder mitwirken und -entscheiden, stellt sich das im Laufe der Zeit als schwierig. Richard Kruspe erklärt am Beipiel von Emigrate: „Es war manchmal anstrengend mit ihm. Wenn ein Song gelungen schien oder ein Konzert, kam er trotzdem mit Kritik um die Ecke. Ich habe ihm dann irgendwann den Rat gegeben, dass er sich selbst ausprobieren soll, dass er seine eigene Musik machen muss“.

In wie weit das gelungen ist, darüber kann man sich streiten. Fakt ist, dass man das Handwerk des Rammstein-Gitarristen sofort raushört. Auch Jakob Hellner (Produzent von Rammstein) als Co-Produzent ist sicher nicht ganz unschuldig gewesen. Neben dem schmetternden Gitarrenriffs hört man auch den marschartigen Takt heraus, der vorher ein markantes Merkmal von Rammstein geworden ist. Aber zurück zu den Gitarren. Besonders aufällig wird es im Lied „Let Me Break“. Das Riff des Gitarrensolos klingt fast genau so wie das im Rammstein-Song Rosenrot. Es wird ein Akkord mehr reingedrückt und fertig ist das „neue“ Solo.

Dafür sind die Lyriks eindeutig frei von Rammstein-Elementen. Emigrate widmet sich unter anderem der neuen Welt, Amerika. Und natürlich zeigt der Sänger und Gitarrist seine Liebe zur neuen Heimat, deshalb singt er auch in Englisch. „Es war für mich natürlich, die englische Sprache zu benutzen. Wenn ich in New York bin, denke ich auf Englisch. Ich habe es nicht versucht, aber ich glaube, ich könnte in New York nicht auf Deutsch schreiben. Ich fühle mich hier sehr wohl in der englischen Sprache“, erklärt Richard Z. Kruspes zweites Ich Emigrate. Neben der englischen Sprache und den Thematiken ist es auch Richards Gesang, der sich klar von seiner Hauptband distanziert. Statt Tills teutonanhaften Sprechgesang steht Emigrate hauptsächlich für einen klaren, sauberen und vor allem melodischen Gesang.

Das Album wird durch den starken Opener „Emigrate“ eröffnet, der mit seinem stampfenden Takt und dem eingängigen Riff sofort ins Ohr geht. Begleitet wird die simple Melodie von brüllenden Emigrate!-Rufen im Refrain. Der Song wirkt kraftvoll und ein klein wenig anarchistisch.
Mit „Wake Up“ wird das Tempo hochgeschraubt. Die Gitarren schrettern im typischen Rammstein-Stil los. Im Kontrast steht der pop-lastige Refrain, der ebenfalls ein Ohrwurm werden kann.
Zur ersten Single-Auskopplung gehört „My World“. Hier hört man neben den im Vordergrund stehenden Gitarren auch verspielte Samples dezent im Hintergrund. Der Gesang wird hier ebenfalls sehr betont und wirkt im Gesamtkonzept wieder sehr eingängig. Etwas langsamer ist da „Let Me Break“. Erst im Refrain und im Gitarrensolo nimmt es an Dramatik zu. Der Song würde fast schon auf die nächste Kuschelrock-Compilation passen.
Ebenfalls geeignet dafür wäre „In My Tears“. Sanfter Gesang wechselt sich mit den Schretter-Gitarren ab, bis sie irgendwann im Einklang werden.
Es folgt nun „Babe“. Der Beginn ist wieder sehr ruhig und erinnert ein wenig an Depeche Mode. Der Refrain klingt ein wenig schnulzig. Die Lobhymne „New York City“ hat Anfangs trotz der E-Gitarren einen Touch von Johnny Cash. Das ändert sich abrupt in Refrain, der wiederum sehr poplastig ist. Der Sound grenzt sich hier stark von allen möglichen Rammstein-Einflüssen ab.
Die verspielten Samples von „Resolution“ erinnern an fernöstliche Länder. Anspielung können gut möglich sein. Der Stil zu Beginn erinnert wieder ein wenig an Rammstein, diesmal an das Lied Zerstören speziel. Im Refrain werden wieder klare Grenzen gezogen.
„Temptation“ ist nicht ein Cover des gleichnamigen 80er Klassiker von Heaven 17. Dieses Lied ist zwar ebenfalls melodisch, aber wirkt etwas langweilig im Vergleich mit den anderen Emigrate-Songs. Da ist „This Is What“ mit der rhythmischen Percussion am Anfang experimentierfreudiger. Die Gitarren sind wieder sehr schnell und schmetternd. Der Gesang wirkt surreal und setzt damit ein I-Tüpfelchen drauf.
Als Abschluss schleicht der Track „You Can´t Get Enough“ vor sich hin. Chillen ist hier angesagt und der Hörer weiß nun, das hier endgültig Schluss ist.

Fazit: Emigrate dürfte manchen Rammstein- und Richard Kruspe-Fan sicher beglücken, aber meiner Meinung nach fehlt hier die Abwechslung und Experimentierfreudigkeit, von der Herr Kruspe schon seit langem redet. Leider ist das fast alles nur heiße Luft.

Autor: Norma

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