Die Band „Das Ich“ steht schon wieder mit einem neuem Album am Start, nachdem erst vor Kürze mit Lava – Asche und Glut das letzte Monumentalwerk erschien. „Cabaret“ lautet jetzt der klangvolle Name ihres neuesten Kindes…

Allein der Name verheißt Anspruch, wie wir es von Stefan Ackermann und Bruno Kramm gewöhnt sind. Der Anspruch bezieht sich hier erneut sowohl auf das musikalische als auch den Inhalt, welcher vielleicht nicht so neu ist – aber die Lyrics von Das Ich sind allemal nicht einfach zu verstehen, auch wenn alles des öfteren wiederholt wird.
Mit 55 Minuten Spielzeit, verteilt auf 10 Stücke, fühlt sich kein Hörer betrogen, zumal es diese knappe Stunde wirklich in sich hat. Zahlreiche Wendungen, unerwartete Elemente und eine trotz der Komplexität des Albums sehr eingängige oder vielmehr bewegende Melodie erfreut unsere Ohren.

„Moritat“ eröffnet die neueste Schöpfung aus der Feder von Das Ich und bereits hier wird man in ein Sensationentheater eingeführt. Tragisch-trügerische Musik (eventuell gespielt mit einem Akkordeon?) bringt den Hörer auf eine dementsprechende Grundstimmung und mit dem Verklingen des letzten Tons des Intros setzt das kleine Feuerwerk ein, das sich mit Schwankungen dem tragischen Ende nähert…

„Atemlos“ bahnt sich als zweites Stück den Weg mit der Frage „Wann kommt die Welt zurück?“. Ist das Lied Kritik an der Menschheit und deren Wirken auf dem Planeten oder lediglich ein Aufzeigen überdimensionaler Hektik in unser aller Leben? Das kann man sicher je nach Willen auslegen. Eingelegt ist diese auslegbare Aussage in hektische, sich ständig wendende Musik, die nicht vorauszuahnen ist.

Mit „Macht“ erreicht das Album vorerst einen emotional ruhigeren Punkt, der sich aber bereits zum Refrain wieder steigert und die Das Ich-typische pathetische Steigerung beinhaltet. Doch noch lange ist nicht der Höhepunkt erreicht, also flaut die angedeutete musikalische Gewalt wieder ab.

Das nächste Lied erschreckt mit seltsamer Zusammenstellung. Sehr wechselhafte, fast schon alberne Musik steht einem sehr ernsten Inhalt gegenüber. Krieg, Hass, Mord, Aufmerksamkeitsdefizit sind nur einige der das Denken anregenden Schlagwörter.

Es folgt der „Fluch“. Mystisch angehaucht, nachdenklich, ruhig kommt es daher und endet in einem Geschrei Ackermanns, gequälten Rufen und dunklen Klavierklängen.
Bezeichnend ist „Opferzeit“. Von Anfang an geht es hier schnell und rhythmisch zur Sache. Thematisch kann man das Stück natürlich anders auslegen, aber in erster Linie beweisen Ackermann und Kramm Tanzflächentauglichkeit, die Akustik dominiert eindeutig.
Weltkritik, vielmehr Kritik an der Menschheit Verhalten ist auch „Schwarzes Gift“. In entsprechend ruhige Töne ist die Aussage gebettet, nur zum Refrain hin wird es verspielt, der Rest stimmt nachdenklich und ergänzt den Text perfekt.
Erzählt „Nähe“ nur von körperlicher Zuneigung oder geht es weiter zu menschlichen Abgründen? Einige Textzeilen lassen Gedanken an Gewalttätigkeit und Psychoterror aufkommen. Zugleich ist dieses Lied das akustisch vielfältigste. Die verzerrte Stimme Ackermanns, die ihren Text spricht, liefert sich eine Art Duell mit weiblichem, wunderbaren Gesang, der wie ein Echo auch seine dunkle Seite hat. Dieses Echo klingt sehr kehlig, die Stimmung ist gepresst und fast hassend. Musikalisch schwankt „Nähe“ zwischen minimaler Untermalung während Ackermanns Part und herrlich melodisch mitreißend während der weiblichen Teile.
Geniale Streichinstrumentpassagen beinhaltet „Zuckerbrot und Peitsche“. Für und Wider wird abgehandelt, während sich verschiedenste der angesprochenen Instrumente gegenseitig zu übertreffen versuchen, wobei natürlich auch Elektronika nicht unterbleibt.
Mit dem Titelstück „Cabaret“ erreicht die CD ihr Ende. Ruhig wird es auch hier angegangen, doch mit vielschichtig lässt sich das Zusammenspiel verwirrender ergänzender und völlig einander abweisender Melodien wohl am ehesten beschreiben.

Das akustische recht leicht zugängliche (wenn man es nur nebenbei hört) und neueste Werk von Das Ich schließt an die bekannten Vorgänger an. Doch dieses „halbe zuhören“ ist angesichts der Mühe, die sich die Künstler machten, eher unangemessen.
Für die, die es wollen, beinhaltet das anspruchvolle Album, wenn man sich in Text und Musik hineinversetzt, natürlich weit mehr. Nach einer knappen Stunde Theater, was sich im Kopf aufgrund der bombastischen und ergreifenden Melodien zwangsweise abspielt, findet man nur ungern ein Ende und lässt die Scheibe erneut durchlaufen. Die irgendwie trommelnden und schon ritualähnlichen Melodien machen irgendwie süchtig und das Theater kann erneut beginnen…

Titel:
1.Moritat
2.Atemlos
3.Macht
4.Paradigma
5.Fluch (Ahnung)
6.Opferzeit
7.Schwarzes Gift
8.Nahe
9.Zuckerbrot & Peitsche
10.Caberet

Autor: Michael

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