…Seepferdchen in meinen Tempel“, heißt der neueste Streich des „Aalfang mit Pferdekopf“ Rondells. Mirko Uhlig hat hier wieder einige Musiker zusammengetrommelt, die unterschiedlichste Stilrichtungen mit einander verbinden und daraus etwas völlig eigensinniges herstellen. Störgeräusche, Knacken, Rauschen, Akkustikgitarre… alles findet seinen Platz und gebärt recht schräge Musik.

Eine neue Veröffentlichung des Ensembles „Aalfang mit Pferdekopf“ steht an. Ensembles deswegen, weil AmP eigentlich nicht materiell ist, sprich: es gibt keinen festen Bandkern, der sich aus den klassischen 4-Musiker Rockband oder 2-Mann-Elektroprojekt zusammensetzt. Vielmehr handelt es sich um Leute, die Spaß am experimentieren haben und somit zusammenfinden. Dennoch kann man sagen, dass es einen Mann gibt, der das Ganze ins Leben rief und das ist Mirko Uhlig (siehe dazu auch hier die ausführliche Projektbiographie).

War die letzte September-2004-Veröffentlichung „Mezethakia Mukalatt“ noch wirklich sehr gewagt und setzte sich nur aus irgendwelchen Störgeräuschen und Klangteppichen zusammen, so fängt „Ich habe nur noch…“ zunächst mit einer nicht weiter zu definierenden seltsamen Stimme an und wird durch Keyboardflächen untermauert. Und was höre ich da? Eine Akkustikgitarre! Neben den offensichtlichen Keyboardklängen öffnet das immerhin rhythmisch gehaltene Instrument eine Tür, was die Eingänigkeit des Albums ermöglicht. Ja, es klingt sogar schon etwas sehr entfernt nach Neo-Folk. Nur, eben ohne Gesang.

Das, und die Tatsache, dass nun nicht nur 2-Tracks mit einer Spielzeit von über einer Stunde auf dem Album vertreten ist, macht aus dem neuen Release sogar schon ein richtiges Musikalbum. Man mag sich jetzt wundern, dass ich einst Adjektive wie „krank“, „kaputt“ und „seltsam“ benutze, aber „Mezethakia Mukalatt“ war wirklich schwere Kost. Das hier nun ist was völlig anderes und relativ leicht zu verdauen, sieht man von fast-forward gepatschten Micky-Mouse Vocalsamples ab, die hin und wieder eingestreut werden oder von Störfrequenzen, von denen ich immer noch nicht weiß, von was oder wem sie abstammen.

Kaum hat man sich daran gewöhnt, wird es einem auch wieder ganz schnell abgewöhnt, in dem wieder das ganze Gebilde, was man gerade versucht zu verstehen, mit Hilfe von wirklich seltsamen abgehakten Stimmsamples, zerstört wird. Und es macht Angst. Wenn ich mir vorstelle, einen Lautsprecher in einen dunklen Raum zu stellen und niemanden sage, was da vor sich geht, könnte es schon fast ein guter Soundtrack für einen Gruselfilm werden.
Nichtsdestotrotz: ganz gleich, wie abgedreht das klingen mag und ganz gleich, was für eine verstörende Wirkung die Musik auf den Hörer hat, genauso gleich ist der Kreativität des diesmaligen Sextetts absolut keine Grenzen gesetzt.

Für all diejenigen, die sich ihren Musikgeschmack nicht in einer Schublade pressen lassen wollen, ist AmP genau das richtige. Silent Hill und analoger Kreisch-Brüll-Industrial lassen grüßen.

Ich kann, ganz getreu nach den wirklich sehr urigen Tracktiteln (z. B. „träumereien in den inneren eines toten schmetterlings“ oder „jaja ungarinyin und nun leiche am ufer“), ein Schlussstatement abgeben. „Ich habe nur noch…“ klingt wie: „vorbeihuschende stimmen in einer u-bahn mit kratzgeräuschen eines wahnsinnigen mit zu langen fingernägeln an den wänden des tunnels in der dunkelheit“.

Hörbeispiele kann man sich hier anhören.

Autor: Eniz

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