Nach der 10jährigen Jubiläums-Box und dem letzen Album „Tocotronic“ melden sich Tocotronic wieder zurück. Diesmal zu viert und mit jeder Menge Melancholie im Gepäck, gehen sie nun endlich weg von den elektronischen Experimenten.

Als 1995 „Nach der verlorenen Zeit“ erschien, ging ein Aufschrei durch die Jugend. Plötzlich standen dort drei Musiker mit schrecklichen Frisuren, die sich auf der CD den Frust von der Seele schrien. Dazu noch unkonventionell in Joggingjacken mit Streifen an der Seite und plötzlich lief jeder Independent-Mensch damit herum. Es klang alles nach Garagenrock und die Texte trafen den Nerv der Zeit. Mit Liedern, wie „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“, „Ich habe 23 Jahre mit mir verbracht“ oder „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“ waren Identitifikationshymnen für eine ganze Generation geschaffen. Tocotronic, die mit „Die Sterne“ und „Blumfeld“ sich als Teil der sogenannten Hamburger Schule verstanden, waren ein Geheimtipp.
Spätestens mit dem Longplayer „Digital ist besser“ und dem darauf enthaltenen „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ stiegen Tocotronic auf. Dann, 1996 mit der dritten CD „Wir kommen um uns zu beschweren“ der entgültige Durchbruch mit „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ und dem dazugehörigen Video waren Tocotronic in aller Munde und haben sich seitdem stetig weiterentwickelt. Selbstreflektierend und alltagbeschreibend, Details in ausgereifter höflich-intelligenten Texten verpackend sangen sich Tocotronic in die Herzen der wütendenden Mitte 90er/Ende 90er Jugendkultur.
Als 1997 „Es ist egal, aber“ erschien, merkte man, dass Tocotronic zwar immer noch Tocotronic waren, aber die Wut war nicht mehr so prominent. Verhältnismäßig ruhig verlief die Platte – von der Presse hochgelobt, aber schon einige alte Fans eingebüsst, änderten Tocotronic ihren Stil spätestens mit dem 1999er Werk „K.O.O.K“, was zwar in der Presse Anklang fand, aber die Fans mit den ungewohnt elektronischen Einflüssen enttäuschte.
Dirk von Lotzow, Jan Müller und Arne Zank wechselten spätensten dort die Hüte. Weg von den Wutparolen, hin zu Alltagsbeschreibungen.

Tocotronic 2005: Erwachsen sind sie geworden und nun zu viert: der englische Gitarrist Rick McPhall klampft auf der neuen CD „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Das neue Album führt ansich das weiter, was auf „Tocotronic“, dem 2002er Werk begonnen wurde: Leichte Melodien und ausgeklügelte Texte lassen Tocotronic wiedererkennen. Diesmal völlig ohne verzerrten Gitarren und beinahe ohne elektronische Elemente, wie es bei „K.O.O.K.“ der Fall war, hört man den Einfluss des neuen Gitarristen: etwas Britpop hier und etwas melancholisches zurückblickend an längst vergangangene Tage dort, merkt man, dass Tocotronic reifer geworden sind. Dirk von Lotzow enttäuscht aber auch nicht, was seine gesanglichen und vor allem textlichen Qualitäten angeht. Schade allerdings nur, dass Beiträge von Arne Zank und Jan Müller nicht mehr auf der Platte zu finden sind, was früher der Fall war.
Keine Frage, die Platte klingt melancholisch, aber nicht langweilig. Die Texte erschliessen sich dem Hörer erst nach mehrmaligem Hören und entfalten dann somit ihre Wirkung erst später. Sie handeln von Alltagsbeschreibungen und von zwischenmenschlichen Beobachtungen und deren Folgen.

Mit „Pure Vernuft darf niemals siegen“ haben Tocotronic einmal mehr bewiesen, dass sie wohl nie wieder zurück zu den Anfängen zurückkehren werden. Es steckt musikalisch, sowie textlich noch sehr viel Potential in dem Quartett und sollte man einen Vergleich ziehen, könnte man es am ehesten mit „K.O.O.K.“ tun, wenn man die elektronischen Elelmente subtrahiert.

Autor: Eniz

Werbung
Redaktion
Unter diesem Benutzernamen werden Beiträge ehemaliger und freier Mitarbeiter zusammengefasst.