Die Klänge der „Diskette“ (EP) sind in den zur Tanzfläche umfunktionierten Wohnzimmern noch lange verhallt, die Vinyl „Festplatte“ wurde gerade ein paar Mal gespielt, schon erscheint das Album „Audiotherapy“, um den Wahnsinn fortzusetzen…

Gleich das Intro „Anstaltsordnung“ versetzt uns in die bizarre Welt von KiEw, die eine Anstalt vorsieht, in der Geräuschtherapien stattfinden. So wird der Hörer der folgenden knapp 70-minütigen Collage auf das akustische Grauen vorbereitet.
Die „Nachtwache“ entführt uns auch gleich in die Welt der Geister und Toten. Samples aus dem Vorzeigegruselthriller „The sixth sense“ dienen dem Aufbau der Atmosphäre. Anfangs bekommt man nur Fetzen der Zitate mit, mit fortschreitendem Verlauf des Liedes offenbart sich immer mehr des Grauens, dass der Erzählende erlebt. Hier ist Gänsehaut garantiert. Donnernde Bässe unterstützen schreiend-quietschende Keyboardeinlagen.
„Wenn sie“ kann man als Überleitung zum nächsten grauenhaft guten Stück sehen. Eine verstümmelte Nachricht als Sample wird fortlaufend wiederholt und bleibt unverständlich. Dröhnende Klänge begleiten die Verwirrung, tief kratzende Geräusche fördern das düstere Gesamtbild, das auch ganz gut tanzbar sein sollte.
Welchen Reim soll man sich nur auf „Gabriel“ machen? Betitelt mit dem Namen eines der Erzengel wird man hier mit kindlichen Ängsten nackenhaaraufstellender Art konfrontiert. Zwei sich unterhaltende und weinende Kinder warten auf den Schrecken hinter der Wand, der sich nicht zu erkennen gibt und dadurch noch befremdlicher wird. Durchweg gespickt mit knappen Bässen, die den monotonen Gesang begleiten, ist dies eines der unzugänglicheren Stücke. Unmelodisch und steril wird hier die oben genannte Angst besungen.
Danach wird man mit „Retrograd IV“ erst mal wieder vom hohen Pulsschlag runtergeholt. Wie schon früher dient dies auch hier als Zwischensequenz, die Neutralität und eine gewisse Ruhe schafft. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern umschmeichelt die ruhige Melodie mit den sanften Schlagzeugeinlagen das Ohr geradezu.
„Harvey“ ist Tanzmusik pur – mit recht hohem Tempo, sich wiederholenden Samples und hektischen Keyboardflächen geht es hier zur Sache.
„Farbfetzen“ macht seinem Namen alle Ehre und bestimmt hier den Takt, zusammenhanglose Fetzen wurden hier zu einem Stück verarbeitet, das vor allem den unmelodisch veranlagten Krachfetischisten Spaß bieten dürfte. Hier geht es zwar eher bedächtig und entspannt zu, verwirrend klingt es trotzdem.
Härter wird es wieder im „Degenerationsprogramm“, eine berauschend dröhnende Kulisse nimmt den Hörer ein und lässt ihn in Zwangstrance über die Tanzfläche stürmen. Durchbrochen von Entspannungssequenzen nötigt den Tänzern dieses Lied dennoch einige Kraftreserven ab.
So psychopathisch sich einige Leute zeigen können, bei KiEw bekommt man dies akustisch um die Ohren gehauen. Nach dem vorhergehenden Kraftakt wird jetzt eine leichtverdauliche Grundmelodie präsentiert, die von unverständlichen Sprachsamples belebt und von harten, kurzen Bässen akzentuiert wird.
„Retrograd VI“ präsentiert sich für ein Zwischenspiel erstaunlich vielschichtig, hier wurde mehr Wert auf Abwechslung gelegt. Aber diese kleine Vorbereitung auf „Synapsenbrecher“ war auch nötig, hier geht es wieder anders zur Sache. Schnelle, harte Bässe und tiefes, sich hoch schaukelndes Gedröhne formt sich zu einem der nächsten Stücke, bei denen Tanzzwang besteht. Dazu kann man nur sagen: Augen zu und durch!
Jetzt schließen sich zwei Remixe der bereits von der „Diskette“ bekannten Stücke an. Spherical Disrupted’s „Zentrifuge“-Remix steigert sich gemächlich, aber stetig, bis er in einem zwar ruhigen, aber dennoch sehr hin- und herreißenden Technowirbelsturm gipfelt. Tweakerray widmeten sich dem Stück „Anstalt“ und fabrizierten ein noch düstereres Werk als das Original, indem ein bereits recht tiefer Grundton hinter das Stück gelegt wurde. Klavierspiel im Vordergrund und einige Kratz- und Knarrzgeräusche sorgen für die einer Anstalt angemessene Geräuschkulisse.
Mit dem erlösenden Schrei in „(Final) Therapy“ wird die Audiotherapy durch KiEw beendet und manch einer wird froh sein, dieses schwer verdauliche Werk durchgestanden zu haben.

Zum Teil ist das Gesamtwerk wirklich reine Geschmackssache. Wer Industrial nicht mag: Finger weg! Für alle anderen gilt: Reinhören ist Pflicht! Allein unter dem Aspekt der vorangegangenen „Diskette“ und der damit aufgepeitschten und angedeuteten Ideen muss man „Audiotherapy“ als Vollendung betrachten. Das Intro „Anstaltsordnung“ tut sein Übriges, um Interesse an der Scheibe zu erregen.
Es ist erstaunlich, wie krank Musik sein kann, wenn man sich anhand derer schon annähernd vorstellen kann, wie sich Krankheiten anfühlen, wie sie sich äußern, welche Wirren sie stiften und wie man sich von diesen gezeichnet fühlen könnte. Sind wir jetzt genesen oder erst recht als unheilbar einzustufen?

Disc 1 (Audio)
01. Anstaltsordnung
02. Nachtwache
03. Wenn sie
04. Gabriel
05. Retrograd IV
06. Harvey
07. Los(t) Alamos
08. Das Fett
09. Retrograd V
10. Farbfetzen
11. Degenerationsprogramm
12. Kessel
13. Retrograd VI
14. Synapsenbrecher
15. Zentrifuge [inertia mix by spherical disrupted]
16. Anstalt [cold slomo remix by tweakerray]
17. (Final) Therapy

Disc 2 (DVD)
1.Nachtwache
2.DCD Disk
3.Harvey/Zimmer 72 (Live)

Autor: Michael

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