Bereits seit anderthalb Jahren bastelte Verstaerker am zweiten Teil seiner tonalen Serie. Jetzt bekommt der Hörer nach des Künstlers Aussage eine neue Mischung aus Electro, Industrial, Noise und Techno um die Ohren gehauen und zeigt sich als entwicklungsfähig.

Die „Tonal Series“ beinhalten nach dem Alphabet benannte Tracks, auf deren erstem Teil Tino Nettling musikalisch die Buchstaben A – N behandelte, während sich das neue Album den verbleibenden Buchstaben O – Z widmet. Das auf dem ersten Longplayer eventuell vermisste Stück wurde auf einer EP namens „Etonal“ als Überbrückung zwischen den beiden Alben veröffentlicht.

Nun liegt mit den „Tonal Series Part II“ ein 14 Tracks umfassendes Werk vor, das eine gute Dreiviertelstunde unterhält. Tino konnte es sich natürlich nicht nehmen lassen, am Ende wieder einige „Stille-Tracks“ einfließen zu lassen, um so den Bonus hinauszuzögern.
Während sich die Titel der ersten Serie mit den szeneüblichen Samples in rauen Mengen schmückten, geht es hier fast rein instrumental zur Sache. Bei einer wie der vorliegenden Benennung der einzelnen Stücke nach dem Alphabet von A – Z macht eine Einarbeitung von Samples auch nicht so viel Sinn. Die wenigen hier eingearbeiteten Sprachsamples wurden nahezu bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und damit ist reiner Spaß am Krach zum Programm erhoben wurden.
Wie bereits bei den Vorgängern legt Tino wieder großen Wert auf ein In- und ein Outro. Diese suggerieren zwar, dass das ganze Werk wesentlich zahmer als ist, aber gerade dieser harte Übergang zu „Otonal“ hat einen ebensolchen Reiz wie der chillige „Abspann“. Beide Stücke bestehen nur aus einer ruhigen Melodie, die sich im Verlauf des Stückes kaum ändert, lediglich von kleinen Bässen unterlegt ist und so für Ausgeglichenheit sorgt.
Verstaerker bietet eine gut durchmischte Zusammenstellung aus harten, treibenden Industrial- und technoiden Klängen, ausgeglicheneren Stücken und Experimenten. So bietet speziell „Quatonal“ schroff gespielte, fast schon missbrauchte Instrumentalik und treibende Bässe, die den Großteil dieses Stücks ausmachen.
In dieser Reihe von experimentellen Stücken müssen auch „Otonal“ und „Wetonal“ erwähnt werden, bei denen sich harte Sequenzen, sich überschlagende Rhythmen und konfuse Einlagen die Klinke in die Hand geben. Das Experiment besteht bei Tino darin, eine angespielte Melodie durch unterbrechende Einlagen zu stoppen und zu ändern. Die Weiterentwicklung von Verstaerker wird hier am deutlichsten. Während sich auf der „TSPI“ noch massig überladene und auf Dauer störend lang hingezogene Wiederholungen befanden, werden diese rechtzeitig abgekürzt oder gehen in etwas Neues über und überraschen damit teilweise.
Die ruhigeren und düstereren Einzelstücke der „TSPII“ haben einen abwegig tranceartigen Charakter. Diese Tracks klingen, im Gegensatz zu seinen technoiden Frühwerken, sehr hypnotisch und bannend.
Besonderer Hervorhebung bedarf der Titel „Utonal“. Dieser kann ebenso wie das bereits anderthalb Jahre alte „Netonal“ Tinos ganzes Können beweisen. Ein dröhnender Grundstock wird von sehr fein erwählten Zutaten umspielt und erhebt sich dadurch sowohl in Hinsicht auf die Reihenfolge als auch der Ausnutzung der vorhandenen Kreativität zum Kernstück dieses Albums. Atmosphärisch geht das ganze schon recht heftig in Richtung Tribal und steigert sich in einen Aufschrei des Keyboards, der plötzlich abbricht.

Sonstige, nur als hart zu beschreibende Stücke wie „Setonal“ oder „Zetonal“ haben absolute Club- und Dauerbrennertauglichkeit. Einfallsreiche Krach- und Lärmcollagen lassen die Luft vibrieren und treiben die Huldiger der Tanzfläche an ihre Grenzen.

Entsprechend dem Motto „Gut Ding will Weile haben.“ zeigt die mittlerweile dritte Veröffentlichung, die ab November über novatune.de oder auch den regulären Handel erhältlich sein sollte, die Entwicklung und die Reifung des Projektes sehr deutlich. „Tonal Series Part II“ klingt weit ausgegorener und nach härterer Arbeit als Teil I. Die lange Wartezeit hat sich gelohnt, das Warten auf die nächste Schöpfung wird grausam. Viel Erfolg!

Autor: Michael

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