Einen scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug vollführten L’âme Immortelle seit ihrem ersten Auftreten in der Gothic-Szene. Innerhalb der letzten sieben Jahre mauserten sie sich zur Szenegröße, nun steht uns mit „Gezeiten“ der erste denkbare Rundumschlag in weitere musikalische Sphären bevor…
Bisher zeichnete sich die Musik von Sonja Kraushofer und Thomas Rainer durch die enthaltenen Gegensätze aus. Sowohl Sonjas ausgereifter und klarer Gesang und Thomas’ Nahezusprechgesang als auch der Wechsel zwischen aggressiven und sehr melodischen Passagen, ruhig-mystische Melodien und mitreißende Rhythmen bestimmten diese Musik. Angereichert mit zwar leicht verständlichen, aber dennoch berührenden Thematiken zwischen der schönsten Liebe und den unvermeidlichen Folgen dieser durch den unbeeinflussbaren Verlauf des Lebens lässt sich diese Musik am besten als sehr schöne Mischung aus Gothic-Rock, leichtem Electro und Dark-Wave beschreiben.
Mit diesem Konzept brachten es die Österreicher auf bisher fünf erfolgreiche Alben, mehrere Singles und Sonderveröffentlichungen, die unsere Szene entsprechend prägten und diesem Musikstil den Weg ebnete.
„Gezeiten“ bereitet uns schon vom Titel her auf Gegensätze vor, denen in elf Titeln Rechnung getragen werden soll. Das Titelbild zeigt zwei liebende Gesichter, bereit zum Kuss, doch durch schmerzhafte Stacheln daran gehindert. Dennoch zeigen einige Narben, dass die Verlockung der Liebe größer ist als der zu erwartende und bereits erduldete Schmerz. Dieser Thematik geben sich Sonja und Thomas erneut hin, aber nicht ganz in gewohnter Weise.
Der zur Band gehörige Musikstil wurde geringfügig verändert und präsentiert uns so ein ganz neues Album, auch wenn dies nur durch Feinheiten hervorgerufen wird. Weiterhin elektronisch dominant ist der Rhythmus, dem man sich nicht entziehen kann, es wurden jedoch weit mehr aggressivere Gitarrenriffs und auch mehr bisher unübliche Feinheiten eingearbeitet als je zuvor.
Bereits das Album „Als die Liebe starb“ zeigte eine kleine Wende in der Musik; weniger eingängig als vorher und bereits größere Klüfte zwischen den einzelnen Liedern enthaltend, wird das begonnene Konzept fortgeführt.
Es gibt zuhauf einprägsame Melodien und Texte, die einfachen Melodien werden hier aber mehr umspielt, und somit sind die Lieder von der instrumentalen Seite her vielschichtiger als bisher. An wenigen Stellen artet dies in etwas Chaos aus, weil es durch die vielen parallelen Sequenzen holprig wirkt – an diesen Stellen wäre weniger mehr gewesen.
Wie gewohnt sind die musikalischen Rollen von Sonja und Thomas verteilt, und beide können sich auf der ihnen zugeschriebenen Art auslassen. Sonja obliegt hierbei erneut der düster-romantische Teil, mit betörendem und in Bezug auf Anteilnahme fordernden Gesang erobert sie unsere Herzen und bemächtigt sich der Steuerung unserer Gefühle. Thomas hingegen zelebriert seine Vergangenheitsbewältigung mit dem typisch derb-monströsen Gesang, unterstützt und untermalt von härteren Gitarrenpassagen. Abwechselnd oder auch im Duett wird hier dem Titel des Albums Rechnung getragen, der Gegensatz als Stilmittel regelrecht angebetet.
In dieser Hinsicht hat sich das Musikprojekt „L’âme Immortelle“ sehr viel weiter entwickelt. Während die ersten Alben zwar auch schon von den Unterschieden der Künstler lebten, wird mit fortschreitenden Veröffentlichungen immer deutlicher, wem welche Richtung besonders liegt. Sonja zeigte mit ihrem Seitenprojekt „Persephone“, dass sie auch der klassisch angehauchten Depressiva in Form von Musik fähig ist, Thomas reagiert sich mit „Siechtum“ ab. „L’âme Immortelle“ entwickelt sich nun eher zu einer offensichtlicheren Mischung aus diesen beiden Projekten, deren musikalisches Grundkonzept in den Grundzügen erhalten bleibt.
Dass selbst eine Band mit einem solch festen Stand innerhalb der Szene eine solche Entwicklung durchmacht, war kaum zu erwarten. Etwas unausgegoren mutet das Resultat noch an, aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Musik etwas komplexer ist und man sich daran erst gewöhnen muss.
Dennoch sehe ich das Album als sehr gelungen an, Fans dürften hier wieder voll auf ihre Kosten kommen, wenn sie sich mit dem geringfügigen Stilwandel abfinden können. Dass „L’âme Immortelle“ nun über den kleinen Auftritt bei Oomph! etwas Berühmtheit außerhalb unserer Szene erlangten und über BMG vertrieben werden, hat jedoch keine zu tiefgreifenden Auswirkungen auf ihre Musik. Anerkennung von meiner Seite!
Titel:
1.Es zieht dich davon
2.5 Jahre – Album Version
3.Fear
4.Stumme Schreie
5.Fallen Angel
6.Gezeiten
7.Rain
8.Masquerade
9.Kingdom
10.Calling
11.Ohne Dich
12.Believe In Me (Bonustrack des limitierten Digipacks)
13.Without You (Bonustrack des limitierten Digipacks)
Autor: Michael












