Vor den Würmern sind wir alle gleich…
Erwartungsvoll öffne ich den Umschlag, um den Silberling aus seiner Verpackung zu befreien und schon auf den ersten Blick stelle ich fest: Es hat sich was getan im Hause der Todeskünstler um Andreas J. Ohle. „Auf ewig“, das neueste Werk von eXplizit einsam, erscheint erstmals in professioneller Aufmachung, wofür sich das Label Cerebral Music verantwortlich zeichnet. Das zeigt sich nicht nur in der Qualität des Booklets, welches stilvoll von Robert Rasemann in Szene gesetzt wurde.
Während der Opener mit „Eröffnung“ lyrisch noch etwas unbeholfen daher kommt, stimmt ein psychedelisches Instrumentalstück auf das Folgende ein. In „Demenz“, „Siechend“ und „Fieber“ (ersteres wurde bereits 2003 im Eigenvertrieb veröffentlicht) zeigen sich dann die Qualitäten der Schwarzromantiker.
Gekonnt wird in dieser thematischen Trilogie innerhalb des Gesamtwerkes ein Bogen zwischen beginnendem Verfall, Leiden und dem daraus resultierenden Lebensende gespannt, wobei sich dieser bis kurz vor Ende der Scheibe erstreckt. Dabei ist „Demenz“ noch absolut tanzbar und harmonisch, unterlegt durch flächige Elektropassagen und begleitet von Ohles distanzierter, emotionsloser Stimme.
Folgerichtig beginnt sich in „Siechend“ das musikalische Bild zu wandeln, die Atmosphäre wird durch eine beklemmend wirkende Basslinie gezeichnet, die Tonlage ist deutlich direkter und eindringlicher. Man möchte fast meinen, dass Gottfried Benn hier die inspirierende Quelle gewesen ist, denkt man an dessen Werke und die Metapher der qualvollen „Matratzengruft“. Dementsprechend zeigt „Fieber“, wohin der dabei beschrittene Weg führt: Im elektronisch pulsierenden Gewand geht es dem Lebensende entgegen. Wie an einzelne Krankheitsschübe erinnernd, hebt und senkt sich das Klangbild, der Einsatz von Glocken im Hintergrund zeugt nicht nur von musikalischer Vielseitigkeit, sondern verleiht dem Stück zugleich etwas subtil Schleichendes, etwas, das sich im Verborgenen entwickelt, um irgendwann hervorzubrechen.
Nach „Sequenz IV“, dem zweiten Instrumentalstück der Scheibe, verwischt in „Alles oder Nichts“ die hörbare Grenze zwischen Synthesizer und Akustik-Instrumenten. Bestimmt wird das Stück durch ein eingängiges Leitmotiv und thematisiert die Frage nach dem Nichts und welche Bedeutung es in Wirklichkeit für uns hat, während Andreas J. Ohle hier die melancholisch-klagende Seite seiner Stimme offenbart.
Lyrisch gesehen ist mein favorisierter Titel das zum Album gleichnamige Stück „Auf ewig“. Gezeichnet von bitterer Ironie kontrastieren hierbei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Spiel der Mäuse auf dem Gottesacker wird der resignierten Betrachtung des gescheiterten, sinn- und wertlosen Lebens gegenübergestellt und stilisiert das Stück so zu einem in sich geschlossenen Oxymoron.
Anschließend an das bereits erwähnte „Fieber“ wird mit „Explizit einsam“ der finale Abgang eingeleitet, wobei jenes Stück inhaltlich teilweise etwas schwach erscheint. Einen eher experimentellen, aber dennoch gelungenen Schlussstrich ziehen eXplizit einsam mit „1 + 1 = 2?“. Mit verzerrter, von düsteren Elektroklängen unterlegter Stimme legt Ohle eine interessante Auffassung über die Logik jenseits der Sterblichkeit dar und somit dürfte nicht nur jenen, die in einer Beziehungskrise stecken, klar werden, dass eins und eins nicht zwangsläufig zwei sein muss. Ein zunächst noch impulsives, dann aber leise dahinscheidendes Klaviersolo verhilft dem Ganzen zur nötigen Tragik und entlässt den Hörer zurück in die Welt seiner eigenen Gedanken, welche auch nach mehrmaligem Abspielen noch längere Zeit um die Facetten der Einsamkeit kreisen dürften.
Fazit:
Nach der bereits beachtenswerten Single „Demenz“ haben sich eXplizit einsam mit „Auf Ewig“ zu neuen Höhen emporgeschwungen. Obgleich die gezielte Festlegung auf das Sujet der Einsamkeit eine gewisse Monotonie vermuten lässt, widerlegt eXplizit einsam Mastermind Andreas J. Ohle dies auf durchdachte Weise.
Anstatt sich thematisch im Kreis zu drehen, versucht er sich konsequent mit den verschiedenen Aspekten der Einsamkeit und ihren, von uns wohl zu oft verdrängten, Auswirkungen auf unser Leben auseinanderzusetzen. Dies ist ihm auch geglückt, während er musikalisch die Höhe der Zeit trifft, ohne sich jedoch im Stile des geläufigen „Gothic-Pops“ anzubiedern. Nicht zuletzt deshalb erhält das Gesamtwerk eine durchgehende Singularität von Wort und Ton, welches nicht an seiner Authentizität zweifeln lässt…
Autor: Marco












