Helium Vola läuteten mit ihrem 2001’er Hit „Omnis Mundi Creatura“ eine neue Musikrichtung, so eine Art Mittelalterelektro, ein. Nun sind sie mit ihrem Album „Liod“ zurück und zeigen erneut, wie faszinierend diese Mischung sein kann.
Ich kann mich absolut nicht als Fan des Mittelalters bezeichnen, doch diese Band beeindruckte mich damals bereits beim ersten Hören von „Helium Vola“, dem Debütalbum. Der Gesang hat an sich schon etwas Mitreißendes und sehr Gefühlvolles, jedoch gemeinsam mit den elektronischen Elementen verschmilzt dies zu einem nahezu einmaligen musikalischen Erlebnis.
Allein das CD-Cover von „Liod“ fand ich wahnsinnig beeindruckend und aussagekräftig. Eine im Wasser zu versinken drohende Puppe einer Schwangeren, aufwendig und in Hochglanz in Szene gesetzt, beschreibt schon im Gröbsten den Inhalt des Albums.
„Liod“ lässt uns eine Frau im Mittelalter zwischen Liebe, unehelicher Schwangerschaft, Verlassenwerden und den damit verbundenen Problemen begleiten. Die Texte stellen sich allein durch die Vielfalt an verwendeten Sprachen als sehr anspruchvoll heraus. Ich wage nicht, mir anzumaßen, all die originalen Texte gelesen, geschweige denn verstanden zu haben. Als fremdsprachlich eher minder bemittelter Zuhörer musste ich auf die Übersetzungen im Booklet zurückgreifen, was ich sehr wohl hervorheben möchte und einigen anderen Bands als Beispiel dienen sollte. Sämtliche Texte sind in das Deutsche und Englische übersetzt. Das ganze Booklet ist recht aufwendig gestaltet und endlich versteht mal jemand des Zuhörers Elend, einige zu ungeläufige Sprachen wie Provenzalisch, Altitalienisch oder Altportugiesisch bisher nicht gelernt zu haben.
Musikalisch orientiert sich „Liod“ meiner Meinung nach nicht am Vorgänger, sondern geht im Zuge der Entwicklung von Helium Vola neue Wege. Zwar wird der mittelalterliche Gesang beibehalten, ebenso viele bereits bekannte elektronische Elemente, aber „Helium Vola“ klang etwas durchstilisierter, eher auf ein zusammengehöriges, pausenloses Gesamtwerk bedacht, als auf einzelne Gefühle und deren Schwankungen der behandelten Person einzugehen. „Liod“ ist reifer, experimenteller, wechselt zwischen bekannten Klängen wie ruhigem Gesang mit dezenter musikalischer Untermalung oder sehr elektronisch geprägten Stücken und verwirrend verzerrten und ausgearbeiteten Sequenzen fast im Stil von „Die Form“ (ohne Helium Vola des unrühmlichen Plagiats bezichtigen zu wollen). Diese Mischung spiegelt sehr gut den Inhalt des etwa 71-minütigen Gesamtwerkes wieder und lässt den Hörer Höhen, Tiefen und schlimmste Zerschlagenheit miterleben.
Beim ersten Hören war ich zugegebenermaßen sehr enttäuscht, denn das Album entpuppte sich keineswegs als leichte Kost, zu der man den gesamten Erstling aufgrund des Ohrwurmfaktors degradieren konnte, wenn man wollte. Auch das dritte oder vierte Hören stellte sich noch als Herausforderung dar, bevor dann endlich die Erkenntnis kam, was man an „Liod“ zu schätzen lernen muss.
Übliche Tanzflächenfüller sucht man hier vergebens. Nur „Veni veni“, bereits als Maxi erschienen, erfüllt ähnliche Bedingungen wie „Omnis Mundi Creatura“. Doch wieso sollte eine Arbeit, in der es um die Tragik eines Frauenschicksals geht, auch Tanzbarkeit beinhalten?
Der Gesang ist wie eh und je „gänsehautverursachend“, aber gewohnt genial, man schwingt sich stimmlich zu ungeahnten Höhen auf und kommt an Grenzbereiche, die in meinen Laienohren dennoch perfekt klingen. Der weibliche Stimmanteil ist weit höher als im Debüt, doch das kommt der CD nur zugute.
Fazit: Glückwunsch an Helium Vola! Erfolgreich kann jede eventuelle Unterstellung abgeschmettert werden, die darauf abzielt, die Band als Eintagsfliege hinzustellen. Zwar liegt recht anspruchsvolle Kost vor, weil sie nicht jedem sofort zugänglich ist, aber mit etwas Willen und Interesse sollte sich „Liod“ als Glücksgriff in das CD-Regal herausstellen.
1.Liod-1
2.Lucente stella
3.Liod-2
4.Veni veni
5.Bitte um Trost
6.Printemps
7.Ich was ein chint so wolgetan
8.Chumemin
9.Mahnung
10.Vagantenbeichte
11.Frauenklage
12.Ondas do mar
13.Liod-3
14.Zur Heilung
15.Liod-4
16.Engel
17.Dormi
18.La fille
19.Gegen einen Dämon
20.In lichter Farbe steht der Wald
Autor: Michael












