Eine Legende meldet sich zurück! yelworC heißt der „Oldie“ und nach 10 Jahren kommt überraschenderweise ein Album heraus, was allen Futurepopambitionen zum Trotz an einem alten Stil festhält und damit zeigt, wie düster und berauschend Musik sein kann…
…ein kleiner Bandgeschichtenabriss für die „Neuen“ und für mich zur Aufarbeitung…
yelworC (man lese doch mal rückwärts…) gründeten sich Silvester 1987 mit Peter Devin und Dominik Van Reich in München, deren Inspirationen Skinny Puppy, Portion Control und The Klinik waren. Die beiden yelworC’er produzierten von 1988 und 1991 7 Tapes, bevor es 1992 zu einem Plattenvertrag mit dem Label Celtic Circle Productions kam.
Das Debütalbum „Brainstorming“ wurde zwischen Februar und Juli 1992 aufgenommen und kann die wohl bekannten Werke „Blood in face“und „Sacred city“ aufweisen.
Im ersten Drittel des Jahres 1993 wurde die Maxi „Blood in face“ produziert, der wir neuere Versionen von „Blood in face“ und „Sacred City“, aber vor allem „Soulhunter“ zu verdanken haben
Zusätzliche Liveaufnahmen und einige Raritäten der inzwischen längst vergriffenen Tapes bot 1994 die „Collection“.
Nach diesen wenigen Veröffentlichungen trennte sich Dominik Van Reich von yelworC und startete mit dem Projekt AmGod (Debüt „Half rotten and decayed“). yelworC jedoch sollten aufgrund Ihres harten und kreativen EBM noch heute recht bekannt sein.
„Triune junction“ wurde bereits auf einer Compilation namens „Proven in action“ veröffentlicht und sollte der erste neue Track von „Trinity“ werden. Am 09. Februar 2004 wurde endlich die neueste Düsternis der Dark(est)-Electro-Band über Minuswelt Musikfabrik herausgegeben.
…Trinity…
Meine ersten Erfahrungen mit yelworC waren nicht komplett, doch größtenteils positiv. Schon damals erschloss sich mir mit der „Brainstorming“ der unkonventionellste Sound, der mir bis dahin untergekommen war. Doch es war eine Freude, nach langer Zeit wieder ein solches Werk in den Händen zu halten. Die Musik hatte schon damals irgendwas an sich, dem man sich nicht entziehen kann, war aber sehr gewöhnungsbedürftig. Im Strudel der derzeitigen Bandcomeback- und -recyclingwelle hätte ich eigentlich erwartet, dass das Werk wesentlich freundlicher und heller ausfällt, doch damit lag ich so weit wie nur irgend möglich daneben. Vieles wird derzeit verweichlicht und öffnet sich einer größeren Masse. Allein der „Fels“ yelworC scheint dem Strudel der Zeit unbeeindruckt standzuhalten und belebt ein nahezu tot geglaubtes Genre: den Dark-Electro.
Die Annahme, dass yelworC nicht mehr nach sich selbst klingen würden, verstärkte sich schon allein durch das Ausscheiden D. v. Reichs. Wie dieser mit AmGod bewies, geht komplexe Musik auch ohne Peter Devin. Diesem setzte jedoch Devin seine eigene finstere Kreativität entgegen, die keinen Deut des alten Klangs an heutige Musikstandards abgegeben hat.
„Trinity“ ist ebenso wie seine Vorgänger eine Symphonie der Finsternis und des Grauens, auf der man Devin in kaum jemals in so kleinen Details ausgefeilte musikalische Abgründe begleitet. Hätte die Hölle eine Hymne, dies wäre mehr als passend.
Dieser Eindruck verstärkt sich durch die Aufmachung des sehr edlen Digipacks, der mir vorliegt. Ganz in höllischen Farben und Facetten gehalten, weiß allein das Booklet eine geraume Zeit zu fesseln. Thematisch an den Verdacht angelegt, den der Bandname auslöst, findet man hier seine Bestätigung des finsteren und beängstigenden Inhalts. Die Texte sind wie eh und je endlos interpretationsfähig, doch die Botschaft, den Hörer auf seine dunklen Seiten und die anderer aufmerksam zu machen, wurde verständlich herübergebracht. Man lässt sich von Devin auf eine Reise durch die Hölle mitnehmen und kommt so schnell nicht davon los…
Wie bereits erwähnt, bleiben yelworC sich treu, doch was alles beinhaltet dieser Stil? Es ist Musik zum Dahingleiten in seelischen Abgründen und eine Vorbereitung dorthin. Bedrohliche Bässe sorgen für die rechte Grundstimmung, doch dies alles macht dieses überaus kraftvolle Werk nicht aus.
Hier wird Musik auf mehreren Ebenen experimentiert und zelebriert. Derart vielschichtige und komplexe Musik kenne ich bisher ausschließlich von yelworC und AmGod, sie ist mit nichts anderem Bekanntem vergleichbar. AmGod hatte gegenüber yelworC stimmungsmäßig noch eine gewisse Freundlichkeit oder zumindest Neutralität, die durch die schnelle und kraftvolle Musik erreicht wurde, zum Stilmittel, doch das wird hier umsonst gesucht. Es ist ein System vorhanden, doch rhythmisch im herkömmlichen Sinn legt sich dieses ganz und gar nicht dar. Eher arhythmisch, trotzdem gerade durch diese Wirren gefesselt, hin- und hergerissen begibt sich der Hörer auf eine der sicher anstrengendsten musikalischen Reisen seines Lebens. Diese Musik lässt sich sehr schwer beschreiben. Sie ist kraftvoll und gleichzeitig mit Liebe (oder welche Empfindung auch immer) zum Detail geschnitzt, zieht mit, doch blockt im nächsten Moment mit den abrupten Wechseln in der Melodie, falls man diese so nennen kann. Eine Melodie ist anders als in den Altwerken relativ wenig vorhanden, es zieht sich ein Faden durch das Album, auch wenn es hier nicht der berühmte rote ist. Denn kompromisslos spielt Devin mit unseren Erwartungen, er erfüllt diese nicht, doch er begeistert uns mit dem, was wir hören.
Begleitet wird diese nur „finster“ charakterisierbare Musik von geraunten, verzerrten Texten und einer Art Sprechgesang, der völlig im Einklang mit seinem musikalischen Umfeld steht, zu dem auch diverse seltsame, die Stimmung schürende Samples gehören.
Wer jedoch yelworC bis jetzt nicht mochte, wird es auch weiterhin nicht tun. Alte Anhänger werden einen neuen Favoriten haben, doch genug des Lobgesangs auf alte Zeiten, es gibt durchaus auch so etwas wie Kritik anzubringen…
Da das Album meines Erachtens arhythmisch ist, wird sich ein Grossteil der Hörer nicht hiermit anfreunden können. Die Musik wird einigen nicht ausgefeilt, sondern überladen erscheinen und damit wesentlich zu anstrengend sein. Das Ohr des Hörers empfängt zu viele Informationen auf einmal und fühlt sich strikt überfordert. Hier muss ich kurz auf AmGod verweisen, das Quasi-Nachfolgeprojekt von yelworC. Dort hatte es D. v. Reich zur regelrechten, aber wirklich gelungensten, Perversion getrieben, die mir bisher zu Ohren kam. Jedes kleine Tönchen sitzt am richtigen Platz, es scheint fast, als wäre yelworC das grobgeschnitzte Übungsprojekt und AmGod das ausgefeilte und filigrane Endresultat.
Das Antirhythmuskonzept und die Vielschichtigkeit könnten letztendlich auch dazu führen, dass lediglich ein oder zwei Lieder annähernd tanzbar sind, was dieses Album zu einer Art Kultklassiker werden lässt, aber den größeren kommerziellen Erfolg verwehren könnte. Die schwierige oder gänzlich nicht vorhandene Tanzbarkeit wird auch ein Minuspunkt auf dem Weg zum Hit sein. Lieder, die ähnlich „Sacred city“ oder Soulhunter“ förmlich zum Tanzen zwingen, gibt es nicht. So lange es Peter Devin nur darum ging, seinen aggressiven und kreativen Energien freien Lauf zu lassen, wird er mit dem Ergebnis, der Anerkennung der treuen Fangemeinde, vollauf zufrieden sein.
…Fazit…
Dies ist der härteste Fall von Geschmacksache, der mich je heimsuchte. Viele werden die Arbeit und den Mut zu schätzen wissen, einem Zwang namens Futurepop den Rücken zuzukehren, doch das wird meiner Meinung nach den Großteil der potentiellen Käufer lediglich zu Testhörern machen. Wer „klassische“ Musik der Richtung Dark Electro mag, wird diese Scheibe mögen, vielleicht sogar lieben und sie zu würdigen wissen.
Diskographie:
Brainstorming (1992):
01. Funeral Procession 02. Curse 03. Sacred City (Short Mix) 04. Inquest 05. Blood In Face 06. Anchoria 07. Sacrilege 08. Spellbound 09. Claustrophobia 10. Dreamless Vision 11. Golden Cross 12. Get Vomit 13. Celebration
Blood In Face (1993):
01. Blood In Face (Terror Mix) 02. Soulhunter 03. In Evoke 04. Combat 05. Sacred City (extended version)
Collection 1988-1994 (1994):
CD 01:
01. Last exit 02. Undertaker (remix) 03. Spy vs spy (remix) 04. Legion 05. Chains 06. Nausea 07. Bloodthirst 08. Face to face 09. C.O.M.A. 10. World under fire (remix) 11. Bad taste 12. Artifacts 13. Data-control 14. Earth fire 15. Vanguard
CD 02:
01. Active life 02. Crucified west 03. Recall 04. Deadly visions 05. Mind section 06. Great volunteers 07. Body shift 08. Blood in face (live) 09. Combat (live) 10. Spellbound (live) 11. Inquest (live) 12. Sacred city (live) 13. Get vomit (live)
Trinity (2004):
01 Blaze of downfall 02 Doom of choronzon 03 Triune junction 04 Prodigies of black 05 Vexilla regis inferni 06 Trinity 07 After laughter 08 Bloodwhited 09 Cainas curse 10 Revelation 11 D-mask 12 Beast tamer 13 Almighty din 14 Thru me 15 Pan demonium 16 Hellfaction
Autor: Michael












