Andernach – wo liegt das eigentlich? Das war die erste Frage, die sich mir stellte, nachdem ich mich ob des genialen Lineups dazu entschlossen hatte, dem Summer End Open Air 2010 einen Besuch abzustatten.
Fand die Anreise noch unter spätsommerlichen Temperaturen statt, so zogen bald die ersten dunklen Wolken auf und begrüßten noch vor dem Opener die mehr als 2000 Gäste aus Nah und Fern mit einem ersten Schauer.
Sons Of Seasons
Die Opener setzten diesem jedoch ein schnelles Ende, denn als die ersten Bässe aus den Boxen wummerten, verteilten sich die wenigen Tropfen zu einem sanften Sprühnebel.
2007 gegründet, konnten Sons Of Season in den letzten Jahren genug musikalische Erfahrung sammeln, um hier einen grundsoliden Auftritt zu präsentieren. Auch wenn es musikalisch nicht ganz mein Fall war, überzeugte der Gig, wenngleich ich bis heute die vereinzelten Auftritte einer düster geschminkten Frau im Brautkleid, die ab und an auf die Bühne hoppelte, dort ein Bein grazil anhob, sich drehte und wieder verschwand, nicht recht einzuordnen vermag.
Fotos von Sons of Seasons @ Summers End Open Air 2010
Mono Inc.
Für viele schien das Festival erst mit Mono Inc. zu beginnen, denn während das Publikum beim Opener noch unter den Begriff „überschaubar“ zu fassen war, tümmelte sich jetzt bereits eine große Zuschauerschar vor der Bühne. Nass und etwas verfroren – das sind beste Voraussetzungen, um sich von Mono Inc. kräftig einheizen zu lassen.
Das dachte sich wohl auch die Band, und eröffnete nach einem kurzen Intro mit ihrem Hit „This Is The Day“.
Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, wie viel Spaß es einer Band machen kann, vor Publikum zu spielen, denn je motivierter die Band, desto schneller springt der Funke über. Hier dauerte es nur wenige Takte, bis die Massen mitsangen und die Band um Martin Engler ausgelassen begleiteten.
Nach einem Gitarrencover von „The Passenger“, bei dem Drummerin Katha Mia einen kurzen Videoclip für das Mono Inc. Tourtagebuch drehte, sowie einem anschließenden Drum Solo, ging mit „Voices Of Doom“ und „Get Some Sleep“ der viel zu kurze Gig zu ende.
Fotos von Mono Inc @ Summers End Open Air 2010
Schelmish
„Wir sind fett, wir sind hässlich, wir sind asozial – wir sind Schelmish!“ – mit diesen Worten und dem passenden Track „Die hässlichen Kinder“ eröffneten Schelmish ihren Auftritt. Den Wahrheitsgehalt dieser Attribute kann man beurteilen wie man möchte, jedoch sagt er nichts über das musikalische Talent der Mannen aus.
Konnte man vom Fotograben aus in den ersten Reihen Fanshirts dicht an dicht gedrängt sehen, so schien die Musik auch bei den ferneren Gefilden des Festivalsgeländes gut anzukommen.
Leider schien weder der Wettergott, noch die Technik der Band wohlgesonnen zu sein: Während ersterer passenderweise zum Stück „Sommer“ anstatt güldener Stahlen nasskalte Regenfäden auf die Erde schickte, versagte letztere bei „Wir werden sehen“ mitten im Stück den Dienst und beendete den Auftritt auf unangenehme Art und Weise.
Fotos von Schelmish @ Summers End Open Air 2010
Zugegeben, ein Mann in abgerissenem Shirt mit Widderkopf und einer Flüstertüte aus Pappmaché ist eine leicht befremdliche Art, einen Auftritt einzuläuten – aber bei keiner Band dürfte er so gut passen, wie bei Fiddler’s Green. Die Speedfolk-Rocker knüpften nahezu nahtlos an die bombige Stimmung von Schelmish an und rissen die Menge von der ersten Minute an mit.
Egal ob Headbanging, Crowdsurfing, Extreme-Hüpfing oder die altbewährten Pommesgabeln – es mag wohl kaum einen Besucher gegeben haben, der von der Show völlig unberührt und teilnahmslos in der Gegend herumstand, von der ein oder anderen frühen Alkoholleiche abgesehen.
Fotos von Fiddler’s Green @ Summers End Open Air 2010
Zu den obligatorischen Orgelklängen betritt Tanzwut die nebelgetränkte Bühne – und die Menge jubelt. Keine andere Band versteht es so gut, eine Symbiose aus mittelalterlichen, modernen Rock- und Synthie-Klängen zu schaffen – und das bewiesen Teufel und Co. in der folgenden dreiviertel Stunde ein weiteres Mal.
Nach Intro und „Toccata“ folgte ein Querschnitt durch Highlights des bisherigen Schaffens – zwar liegt das letzte Album „Schattenreiter“ (2006) schon etliche Jahre zurück, aber die alten Hits sind stets für gepflegtes Abrocken gut.
Fotos von Sons of Tanzwut End Open Air 2010
Die Zeit von Dudelsack und Schalmey war mit Epica vorerst zu Ende, harte Gitarrenriffs und fliegende Haare wieder angesagt.
Dass Epica eine wahrhaft „epische“ Show abliefern, dürfte jedem, der diese Band bereits live erleben konnte, klar sein. An diesem Abend jedoch wuchsen Epica über sich hinaus: Lightshow, Gesand, Musik und Chitchat mit dem Publikum sorgten für eine unschlagbare Atmosphäre, die selbst der einsetzende Regen nicht trüben konnte.
Fotos von Epica @ Summers End Open Air 2010
Die zunehmenden „Reiter! Reiter!“ Rufe kündigten es an: Der Auftritt der bizarren Metaller rückte näher. Mit „Wir sind das Licht“ brach eine Flut harter Riffs und knallender Bässe über das Infield her, die auch in der kommenden Stunde keinen zur Ruhe kommen lassen sollte.
Nach den üblichen Showacts, der stolz geschwenkten „Reiter“ Flagge, dem Drumsolo und den obligatorischen Reiter-Ballons, sollte ein Kanonenschuss zu „We will never die“ dem Auftritt einen würdigen Abschluss verleihen – eine nette Idee, die jedoch im allgemeinen Lärm beinahe völlig unterging.
Sämtliches Pulver war noch nicht verschossen, denn den frenetischen „Zugabe!“ Rufen folgten eben jene in Form von „Seemann“ und „Reitermania“.
Fotos von Die Apokalyptischen Reiter @ Summers End Open Air 2010
Für einen langjährigen Subway to Sally Fan und -Konzertbesucher stellte sich nun eine arg befremdliche Situation ein: War man sonst anhaltende „Blut, Blut, Räuber saufen Blut!“ Chöre noch lange vor Konzertbeginn gewöhnt, verhielt sich die Crowd nun verdächtig still. Womöglich waren die Kehlen nach den vorangegangenen Gigs bereits wundgebrüllt, vielleicht waren auch alle nach einem langen Festivalnachmittag zu müde.
Frisch und energiegeladen wirm eher ungewöhnlichen und in den letzten Jahren selten live erlebten „Henkersbraut“ läuteten die Sieben ihr Konzert ein, und zeigten, was Pyrotechnik bedeutet. Anstatt mauer Kanonen wurden meterlange Flammenstrahlen über das Publikum geschossen, dass, aus der Kältestarre erwacht, jetzt sein volles Potential entfaltete.
Erfreulich viele Klassiker hatten die Potsdamer im Gepäck, doch als es nach über eine Stunde von der Bühne gehen sollte, trat endlich das ein, was auf keinem Konzert fehlen durfte: Die Fans forderten lautstark „Julia und die Räuber“ ein, was auch prompt geliefert wurde.
Ein würdiger Abschluss dieses Festivals!
Fotos von Subway to Sally @ Summers End Open Air 2010
Das Summers End Open Air hat sich über die Jahre zu einem echten Geheimtipp gemausert: Mit gitarrenlastigem Schwerpunkt vermag Andernach Jahr für Jahr eine wachsende Schar an Musikbegeisterten zum JuZ zu locken – das Konzept geht auf, die Fans sind begeistert!
Für uns wird es auch im nächsten Jahr heißen: Auf nach Andernach!













