Wir schreiben das Jahr 2011, es ist der 24. Tag des 6. Monats, und sind auf dem Weg zu einer der schönsten Festival-Locations im guten alten Germanien, dem Amphitheater in Gelsenkirchen. Der Ruf des mittlerweile 4. „Black Field“-Festivals hat uns wieder einmal erreicht, und da die Auswahl der auftretenden Künstlern sehr vielversprechend ist, sind wir ihm auch in diesem Jahr wieder gefolgt.

Wenn man natürlich schon im Regen ankommt, und dann auch noch feststellt, dass man ein Zelt eingepackt hat, für das sie einen selbst im Bälleparadies bei Ikea noch auslachen würden, trübt das die Stimmung ein wenig. Doch die Mindbreed Rufbereitschaft die supersympathische und schnelle Reaktion von „Mein Zelt steht schon“-Boss Rico Vlach sorgen für eine alsbaldige Anhebung derselben.

Der Campingplatz am Festivalgelände ist schon gut gefüllt, und auch ohne Pressebändchen, da die Gästeliste noch nicht vor Ort ist, ohne Probleme zu betreten, Dixies sind in ausreichender Anzahl vorhanden, und auch ein Dusch/Waschcontainer ist am Start. Natürlich hört man auch hier die obligatorischen „Helga?!“-Rufe, die mittlerweile zu fast jedem Festival gehören, manchem aber, wie auch uns, mittlerweile ziemlich auf den Keks gehen.

Wer wie wir am Abend keine Lust hat, extra in die Matrix nach Bochum zur Warmup-Party zu fahren, begibt sich zum Eröffnungstanz im Partyzelt, wo sich dann aber doch leichte Probleme im Informationsfluss bei der Security offenbaren. Denn mangels Gästeliste ist die angereiste Presse noch nicht mit entsprechenden Bändern ausgestattet – und der Zutritt bleibt verwehrt.

Samstag

Aufstehen im Regen ist natürlich nicht sehr schön, aber man ist ja schliesslich kein Schönwettercamper, und kann was ab. Kurz aufgebretzelt, und dann gings auch schon aufs Festivalgelände. Was sofort auffiel, war eine größere Anzahl an Gastronomieständen mit einer breiten Auswahl an Essen und Getränken, auch alles durchaus im mittleren Preissegment, also annehmbar. Auch andere Anbieter war in angenehmer Anzahl vorhanden, seien es Stände für Schuhe, Accessoires ,CDs, Merchandise, Schmuck und vieles mehr. Ein kleiner Mittelaltermarkt und ein Zelt speziell für Fotoshootings wurden auch sehr gut angenommen, wobei natürlich ersterer hauptsächlich wegen der warmen Getränke noch wesentlich beliebter war.

Versorgt mit dem ersten Bier des Tages machen wir uns auf den Weg zur Bühne, um uns mit „BURN“ den Opener des ersten Festivaltages anzuschauen. Nach einigen Versuchen von Frontmann Felix Friberg, ein funktionierendes Mikro zu finden, legen die 4 Münsteraner mit einem Mix aus Wave, Gothic und Rock los, der anfangs zum Teil an frühere „The Cure“-Tracks erinnerte, sich dann aber später in etwas verwandelt, dass sich eher nach den „Editors“ anhört. Auf jeden Fall hörens- und sehenswert, und eine würdige Eröffnung.

Weiter gings nach einer wirklich schnellen Umbauphase mit den schwedischen EBM-Heads „Autodafeh“, die, da ihr 2. Keyboarder am selben Tag zum ersten Mal Papa geworden ist, durch Tom von „S.I.T.D.“ am Schlüsselbrett unterstützt werden. Angekündigt von Jens aka DJ Puppekopp, seines Zeichens Mitglied bei „X-Divide“ als Vergleich mit „Front 242“ enttäuscht ihr Konzert selbst mich als bekennenden Fan der Elektronischen Körper Musik. Leider Gottes kommt bei ihrem Set nicht wirklich Laune auf, da einmal recht eintönige Tracks gespielt werden, von der Bühne auch nicht wirklich Partystimmung, sondern eher Langeweile vermittelt wird, und auch durch das Fehlen von EBM-Jüngern, da diese bei diesem Festival leider ein wenig unterversorgt sind. Im Großen und Ganzen also eher Mittelmaß.

Nach einem Auftritt von „Zeraphine“-Frontmann Sven Friedrich’s Nebenprojekt „Solar Fake“, die für mich überraschenderweise doch recht recht hörenswerten Electropop feilbieten, und mich mit einer echt guten Coverversion von „Talk Talk“s „Such a shame“ begeistern, betreten dann meine persönlichen Lieblingsbelgier die Bühne. Egal, ob mit „Sonar“,“DIVE“,“The Klinik“,“Monolith“ oder eben mit „Absolute Body Control“, Dirk Ivens und Eric van Wonterghem bringen alles in ihrer Umgebung mit ihrer Bühnenpräsenz und ihren treibenden Beats zum zappeln. Abgemischt vom hauseigenen „Borg“ an den Reglern nimmt die Lautstärke, aber auch die Klangqualität des Sounds rapide zu, und aus den Boxen dröhnen die minmalistischen Klänge untermalt von Dirks charakteristischer Stimme, der sich auch nicht durch ein herunterfallendes Mikro aus der Ruhe bringen lässt, und das Konzert routiniert durchzieht.

Auch hier leider wieder das fehlende EBM-Publikum, dass die Qualität des Auftritts ein wenig schmälert, nichtsdestotrotz immer wieder das Eintrittsgeld wert.

Weil es ja währenddessen die ganze Zeit ununterbrochen am regnen ist, brauchen wir erstmal ein wenig Gelegenheit zum Trocknen und Aufwärmen, können aber dennoch genug vom „Mono Inc.“-Konzert sehen und hören, um sagen zu können, dass die 4 Hamburger nicht ohne Grund als Support von „Unheilig“ unterwegs waren, und sicher auch aus diesem Grund in den letzten Jahren ihren Siegeszug durch die Clubs führten. Frontmann Martin Engler hatte es hervorragend in der Hand, das Publikum trotz des miesen Wetters zum mitfeiern zu animieren, und keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Erk Aicrags Projekt „Rabia Sorda“ begeistert die Electro- und Cyberfraktion wieder restlos durch hämmernde Bässe, verzerrte Stimmen, aber dafür etwas diffiziler gestaltete melodische Synthieflächen als sein Hauptact „Hocico“.

Kurzer Umbau! Regen! Party!

Es gibt für „Apoptygma Berzerk“ kein besseres Lied, um ein grandioses Best of-Konzert im 22. Jahr ihres Bestehens einzuleiten, als „Love never dies“. Kaum stürmen Stephan Groth, Brandon Smith, Thomas Jakobsen und Keyboard-und Background-Neuzugang Leandra die Bühne, reisst es das Publikum von den Sitzen, und zum ersten Mal an diesem Tag feiert das gesamte Amphitheater.

Wie üblich stylisch anzusehen im roten Hemd und schwarzem Schlips wird gerockt, als gäbe es kein Morgen, mit alten und neuen Hits. Natürlich dürfen Tracks wie „Until the end of the world“, „Non-Stop Violence“ und auch der wunderschöne Schmachtfetzen „Kathy’s Song“ mit ausgiebiger Publikumsbeteiligung nicht fehlen, besonderes Schmankerl aber ist die abgefahrene englische APB-Live-Rockversion von Peter Schillings 80er Hymne „Major Tom“, wobei man den Gästen auch die deutsche Mitsingbeteiligung hoch anrechnen muss.

Was für mich allerdings noch angemerkt werden muss, ist, dass die Gesangsqualität von Leandra bei manchen Tracks nicht über den 1.Recall hinausgehen würde, in manchen Fällen sogar echt störend für Stephan ist.

Absolut hammerhart!

Die Jungs und Mädels um „Sneaker Pimps“-Frontmann und „IAMX“-Gründer Chis Corner haben nach einem energiegeladenen Konzert die Bühne verlassen, es regnet wie gehabt wie aus Eimern, aber zumindest im Amphitheater Gelsenkirchen brennt jetzt die Luft, denn mit einem Flammenstoss aus speziell installierten Flammenwerfern entern „Diary of Dreams“ die Bretter, die die Welt bedeuten.

Unterstützt vom Stammgitarristen Gaun-A, und getragen von Adrians einzigartiger Stimme sind Stücke wie „Menschfeind“, „Butterfly:Dance“, „The Plague“ und „Traumtänzer“ zu hören, und kaum einer der Anwesenden denkt noch an den Regen.

Und dann kommt „And One“……

Mittlerweile durch das resignierte erneute Verlassen des Gründungsmitglieds Chris Ruiz und des 2. Keyboarders Gio van Oli in die Kritik der Fans geraten, ebenso wie für das als kommerziell verschriene Touren mit „Unheilig“, aber auch für die als „EBM“-Album angekündigte „Tanzomat“, die sich leider als ziemlich seicht herausstellte; aus all diesen Gründen sind „And One“ zur Zeit für die schwarze Szene ein zweischneidiges Schwert.

Auf der einen Seite ein verdammt charismatischer Frontmann Steve Naghavi, der zum größten Teil wirklich gute Musik schreibt und damit „And One“ zu dem gemacht hat, was es heute ist: eine erfolgreiche Band mit hunderttausenden oder sogar Millionen von Fans, auf der anderen Seite ebenderselbe, der es immer wieder schafft, sich bei seinen Fans und offenbar auch Bandmitgliedern unbeliebt zu machen,

Was auch immer letztendlich der Grund war, an diesem Abend stehen mit Joke Jay und Rick Schah zwei ehemalige Bandmitglieder auf der Bühne, die schon in den 90ern langjährige Erfahrungen mit Steves Ego sammeln konnten.

Auch wenn Herr Naghavi sehr gut drauf ist, aber auch eindeutig aggressivere Tendenzen hat, tut das der Bühnenshow keinen Abbruch.

Mit vielen bekannten und alten und neuen Stücken aus 22 Jahren Bandgeschichte, darunter für mich erfreulicherweise auch wieder mal „Over there“, und „Metalhammer“,“Technoman“, „Wasted“ mit dem mittlerweile obligatorischen „Personal Jesus“-Einsatz und Steve, der sich wie ein Brummkreisel in Dave Gahan-Manier dreht, mit „Sometimes“, „Zerstörer“ und „Tanzomat“ und der „Deutschmaschine“ mit dem deutlich sinnbildlich rauszuhörenden „Fuck you“ an betimmte Leute ist es ein sehr schöner Abschluss des Tages.

Joke Jay darf das von ihm selbst komponierte „High“ zum Besten geben,denn wers komponiert, der muss es auch singen; was auffällt, ist, dass Rick nicht mal vorgestellt wird.

Also wie immer ein gelungenes Konzert, was sicher gerade dem Herrn in Erinnerung bleiben wird, der von Steve aufgefordert wird, nicht zu schlafen, weil es sonst auf die Fresse geben würde.

Ein sehr schöner Festivaltag also, der auch durch das schlechte Wetter nicht sonderlich geschmälert wird, was noch anzumerken wäre, ist, dass die Aftershowparty im Discozelt auch noch sehr nett ist, nachdem die Herren Djs gemerkt hatten, dass man nicht ständig den allerletzten Chartskram spielen muss, und das Mixen nicht nur was für die Technoszene ist.

Auf jeden Fall noch sehr angenehm, mit doch sehr publikumsnahen Bandmitgliedern das eine oder andere Bier zu trinken, und den Tag so ausklingen zu lassen.

Bericht: Daniel Buff

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Von Anfang an dabei, lag mein Hauptaugenmerk zunächst vor allem auf der technischen Realisation des Magazins. Inhaltlich habe ich mich über die Jahre vom Allrounder weg, hin zu den Bereichen Konzertfotografie und Newsredaktion entwickelt. Man trifft mich regelmäßig vor den Bühnen diverser Clubs in NRW, sowie auf meinen Pflichtfestivals (M'era Luna, Amphi Festival).