Bereits zum dritten Mal wird Mirko Uhlig, Kopf der Gruppe „Aalfang mit Pferdekopf“ von uns mit Fragen durchlöchert. Zwei neue Veröffentlichungen und jede Menge Pläne für die Zukunft stehen an. Aber lest selbst…

Eniz: Ja, da wären wir wieder. Du warst ja recht fleißig gewesen, hast eine neue AmP CD und eine Zusammenarbeit mit Sascha Stadlmeier von Emerge hinter dir.

Herausgekommen sind zwei Mammuttracks auf „Genmaicha“ und eins auf „Die kosmische Zygote“. Kannst Du mir in eigenen Worten sagen, wie das zustande kommt?

Mirko: Also, zu Genmaicha: beide Tracks auf der CD basieren auf einem einzigen Orgelakkord, den ich auch für „Mezethakia Mukabalatt“ aufgenommen hatte. Ich wollte etwas in Richtung „Zeit“ versuchen und das passte dann thematisch gut zu Mystery Sea, die es dann auch netterweise veröffentlicht haben. Das war im Herbst 2004.

„Die Kosmische Zygote“: Im selben Zeitraum habe ich mir mal ein paar gebrauchte Instrumente zugelegt, eben diese Spring-Drum die für einen sehr kleinen Korpus unglaubliche Geräusche fabrizierte und eine (afrikanische) Kalimba – sieht aus wie eine halbe Kokosnuß – das ist das Instrument was du fälschlicherweise als Xylophon benannt hast.

Ich habe ein paar Mixe gemacht und die dann Sascha zugeschickt. Ihn hatte ich nur ein paar Wochen vorher durch Drone-Records kennengelernt. Er hat sich den Sounds dann angenommen.

Eniz: Naja, ich kenn mich mit solchen Instrumenten nicht so aus. Es klang wie ein Xylophon… Hattet ihr Euch beide zusammengesetzt und es ausgetüftelt?

Mirko: Wie gesagt, ich habe Sascha gefragt, ob er Material von mir bearbeiten möchte. Ich habe ihm den fertigen Track (um die 9 Minuten) zugeschickt und er hat dann einen Monat rumgewerkelt. Seinen Remix habe ich dann eingebaut. Patch-Work sozusagen.

Eniz: Was hat das mit Mystery Sea auf sich? Ist das ein Label?

Mirko: Ja, Mystery Sea ist ein belgisches Label, welches limitierte Editionen herausbringt. Wenn du dir den Katalog oder einfach nur ihre Zielsetzung anschaust, dann wird dir sehr schnell auffallen, daß dort der Fokus auf die Schlagworte „Meer“ und „Nacht“ gelegt wird.

Eniz: Wie lange hat die Arbeit dann insgesamt gedauert?

Mirko: Also die Arbeit an beiden Alben ging sehr fix über die Bühne. Den ersten Mix von „Genmaicha“ habe ich an einem Tag gemacht – die Basisspuren waren ja schon vorhanden. Die Feinarbeit hat dann nochmal bis Februar 2005 gedauert. „Die Kosmische Zygote“ insgesamt wohl ein oder zwei Monate. Die kleinen Labels haben eben einen enormen Vorlauf. Fertig war alles schon Anfang 2005.

Eniz: Solche Mammuttracks von über 20 Minuten stellen schon eine ziemliche Herausforderung an den Hörer dar. Es ist anstrengend, durchzuhalten. Ist es enttäuschend, wenn du zu hören kriegst: „Du, hör mal Mirko, ich konnte mir das nicht bis zum Ende anhören…“?

Mirko: Nein, das enttäuscht mich nicht. Eine Herausforderung ist es ja auch nur, wenn man sonst nur 3-Minuten-Stücke gewöhnt ist. Es gibt ja noch ganz anders geartete Spezis, bei denen geht nichts unter 60 Minuten Spielzeit. Spielzeit interessiert mich eigentlich auch nicht, aber für diese beiden Projekte hat es sich halt angeboten.

Eniz: Wie waren die Reaktionen?

Mirko: Also die Reviews waren alle ganz positiv. Mich persönlich hat es allerdings gewundert, daß die Platte als so „düster“ bewertet wurde. Von Soundtracks für Alpträume war gar irgendwo die Rede. Zur „Kosmischen Zygote“ gibt es noch keine weiteren Reaktionen… doch… jemand hat es als guten Space-Trip bezeichnet, der mit 23 Minuten nicht zu lange dauert.

Eniz: Und wie gehst du mit diesen Unverbesserlichen um? Immerhin steckt da ja auch viel Arbeit drin. Was wäre für dich eine zufriedenstellende Reaktion?

Mirko: Ja, natürlich steckt schon viel Arbeit in der Musik. Allerdings ist es mehr Liebe und Hingabe. Wenn ich ein Album fertiggestellt habe, höre ich es noch ein paar Mal, danach kommt auch oft schon etwas neues, unerwartetes.

Eine zufriedenstellende Reaktion? Wenn es einem gefällt bin ich schon zufrieden, egal wie sich das äußert.

Eniz: Ist es dir schon mal passiert, dass jemand gesagt hat: „Das hat bei mir genau den Nerv getroffen – damit kann ich mich identitfizieren“?

Mirko: Ja, habe ich tatsächlich schonmal erlebt, obwohl, das mit dem „identifizieren“ kannst du streichen.

Eniz: Wie darf man das verstehen?

Mirko: Identifikation geht zu weit, aber es hat wohl seinen Nerv getroffen… das meinte ich. Wie willst du dich mit einem Titel namens „Die dicken Frauen aus dem ersten Stock pflegen ihre offenen Wunden“ identifizieren?

Eniz: Nun, „Kettcar“ haben eine EP „So lange die dicke Frau noch singt, ist die Oper noch nicht zu Ende“ genannt…

Mirko: Zu Kettcar will ich mal gar nichts sagen…

Eniz: Insgesamt kann man sagen, dass du dich eher auf der Ambient Schiene bewegst… Was fasziniert dich an diesem Genre?

Mirko: Ahhhhhh! Gerade diesen Begriff „Ambient“ mag ich so gar nicht; ich habe meine Musik auch nie als Ambient beschrieben… Rezensenten tuen das gerne.

Eniz: Woran das bloß liegt…

Mirko: Warum bezeichnest du z.B. die Musik als Ambient? Was bedeutet Ambient für dich? Vielleicht kommen wir uns so näher…

Eniz: Das liegt ja auf der Hand: Zunächst einmal ist deine Musik atmosphärisch, weisst sogut wie keine rhytmischen (besonders bei Genmaicha) Strukturen auf. Man verliert sich in diesem Soundkollagen, wird davon getragen..
Hört man es in einer höheren Lautstärke, vernebelt es den Raum…

Mirko: Okay… Denn es gibt ja auch den Begriff Ambient im Dance-Bereich… ist übrigens eine sehr schöne Beschreibung der Genmaicha… Erst vor kurzem habe ich die CD „Cleave: 9 Great Openings“ von The Hafler Trio gehört…

Eniz: Von daher geht es für mich schon in die Ambientrichtung.
Industrial ist es nicht, Noise nicht, kein Ritual… schwierig zu beschreiben, Ambient kommt dem dann schon recht nahe, finde ich.

Mirko: „Genmaicha“ würde ich einfach nur als die puristischste Aalfang-Platte bis jetzt bezeichnen…
Auf den anderen Alben gibt es ja viele Stilrichtungen, wobei die Grundtendenz eigentlich immer schon dieses Tragende, Flächige ist… Ich mag die unterschiedlichsten Musikformen, daß drückt sich dann meistens in diesen Collagen aus.

Eniz: Was war nun mit der Cleave 9 CD?

Mirko: Das ist im Grunde nur ein 60 Minuten lang gehaltener Ton – mit etwas harmonischem Beiwerk – hört sich unspektakulär an, aber als ich es zum ersten Mal hörte, ergriff mich eine totale Starre – das ganze Stück hindurch. Wenn alles andere nebensächlich wird und die Musik einen komplett ausfüllt – magisch.

Eniz: Dieses tranceartige findet sich auch in deinen CDs wieder, finde ich.

Mirko: DAS ist natürlich eine gute Reaktion.

Eniz: Deine Mutter ist ja Kindergärtnerin… Könntest Du dir vorstellen, die CD dort abzuspielen? Ich meine, wer mit Meerschweinchen und Seepferden experimentiert…

Mirko: Ich glaube, die Kinder würden sich sehr schnell langweilen.

Eniz: Wenn wir schon mal beim Thema sind… Sammelklagen von Peta sind dir noch nicht ins Haus geflattert?

Mirko: Ach, mich kennt doch kein Schwein.

Aber mir ist es erst letztens wieder aufgefallen… Aalfang mit Pferdekopf scheint eine sehr Tier-affine Sache zu sein… Das nächste Album heißt ja „Der Flug der grünen Vögel“. Mal sehen wann sich das legt.

Eniz: Du meintest im letzten Interview, hast du dich sehr kritisch gegen dem Surrealismus geäußert… Könntest du dich mit „abstrakt“ eher identifizieren?

Mirko: Kritisch gegen den Surrealismus?

Eniz: Ja, dass du Diskussionen darüber vermeidest…

Mrrko: Es war eher so gemeint, daß ich zu der Zeit einfach in vielen Interviews aus dem experimentellen Bereich was zum „surrealistischen Einfluß“ gelesen habe – das kann ja nicht alles sein… Außerdem bin ich da kein Fachmann… Ich könnte mit Dir keine fruchtbare Diskussion über Surrealismus führen.

Eniz: Ich dachte jetzt eher daran, dass manche Leute deine Musik als surreal bezeichnen was ich mir gut vorstellen könnte.

Mirko: Was ja wiederum etwas anderes ist. Für viele Leute ist Aalfang bestimmt nicht die Realität… dann käme es ethymologisch ja ganz gut hin. Ja, viele Dinge die bei Aalfang geschehen – vor allem titeltechnisch – sind ganz klar traumorientiert. Zum Beispiel basiert das Album „12 Seepferdchen“ auf einem einzigen langen Traum.

Eniz: Kannst du über diesen Traum etwas mehr berichten?

Mirko: Ich kann mich gar nicht mehr so richtig dran erinnern… es ist auch nicht so, das Träume die Basis meines Lebens bilden… ganz und gar nicht.

Eniz: Immerhin hat es für ein Album gereicht…

Mirko: Es ging auf jeden Fall um einen Sturz aus den Wolken in ein tiefgrünes Meer, Roger Dean-mäßige Landschaften und dann um diese Zebraquallen die bei einer Fernsehshow den Moderator und den Zoologen aufgefressen haben…

Eniz: In deiner Diskographie tauchen „Cuba December“, „Die Heuschrecke im Bauch der Vogelscheuche“ und „Kulturbunker Tokyo“ auf, die aber nicht mehr zu erhalten sind. Darunter steht „as a gift“. Was hat das damit auf sich?

Mirko: Bis jetzt gab es ja drei AmP-Auftritte/Performances… und bei jedem Gig gab es für die ersten 10 Besucher eine Gratis-CD als Dankeschön fürs Kommen. Kulturbunker Tokyo für den Auftritt mit den japanischen Kollegen von Contagious Orgasm im Kulturbunker… „Die Heuschrecke…“ gabs in der Sibirischen Zelle Berlin und „Cuba December“ bei dem Konzert mit In Camera im Cuba Münster… Auf den CDs fanden sich dann exklusiv-Stücke und Neubearbeitungen jedesmal auf 10 Exemplare limitiert.

Eniz: Wird es irgendwann die Möglichkeit geben, als Nicht-Konzert Besucher in diese Stücke reinzuhören?

Mirko: Keine Ahnung… wir hatten überlegt „Cuba December“ nochmal neu aufzulegen, da es eine Tripple-Split war… Und „Maimond“ ist Bestandteil des Titelstücks von „Der Flug der grünen Vögel“. Der Rest bleibt dann wohl auf ewig ungehört, was die Masse aber wohl nicht stören wird.

Eniz: Was wären deine weiteren Pläne für dieses Jahr? Ein wenig hast du ja schon verraten…

Mirko: Zunächst stecken wir unsere Energie in die neu gegründete Plattenfirma EX OVO und dann feile ich mit Jörg ja schon seit einem Jahr an unserem Songalbum – Gitarrensongalbum. Zwei komplette Aalfang-Scheiben sind schon fertig produziert – jetzt wird sich nur noch zeigen müssen wer sie veröffentlicht. Und dann gibt es noch zwei Split-Alben mit dem Dresdener Künstler Eric Heyde sowie eine Zusammenarbeit mit Keith Berry und auf Drone Records erscheint im Frühjahr die 7″ „Fragment 36″… von AmP.

Und vielleicht erscheint dann auch noch das Suneaters-Debut-Album.

Eniz: Dein Electro-Trash Projekt…

Mirko: Ja, ich habe es nur Spaßeshalber als Electro-Trash betitelt… Ist schon eine sehr gute Scheibe geworden, mit Reminiszenzen an die deutsche Elektroszene der frühen 70er Jahre.

Eniz: Und gibt es Neuigkeiten in Punkto Live-Auftritt?

Mirko: Am 25. März findet in der Weberei Gütersloh das „Festival der subkulturellen Töne“ statt, da spielen wir als Suneaters. So um 3 Uhr Nachts wahrscheinlich… Weitere Aalfang-Auftritte sind noch nicht geplant.

Eniz: Das wars dann auch schon. Danke fürs geduldige Beantworten der Fragen und viel Erfolg mit den neuen Alben.

Autor: Eniz

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