Trotz eines rappelvollen Terminkalenders war Philip Boa, der jetzt am 29.08. sein neues Album „Decadence & Isolation“ veröffentlicht, bereit, uns Rede und Antwort zu seinem neuen Album zu stehen. Nachdem Pia Lund auf „C90“ als Gastmusikerin agiert hatte, ist sie wieder mit dabei.
Mindbreed Rezensionen des Album und der Single.
Eniz: Danke für das Interview erstmal. Ende des Monats erscheint deine neue CD „Dedadence & Isolation“. du singst wieder mit Pia Lund zusammen. Fans und Kritiker dachten, als du dich von ihr getrennt hattest, wohl kaum mehr an eine Reunion des Erfolgsduos. Erst als sie auf dem 2003er Werk „C90“ vereinzelt mitgesungen hat, keimte Hoffnung auf.
Wie kam es dann letztendlich wieder zu einer richtigen Zusammenarbeit?
Philip Boa: Diesmal war es eine richtige Zusammenarbeit. Sie ist wesentlich früher in den Entstehungsprozess eingestiegen. In „C90“ war sie eine Art Gastmusiker und diesesmal war es wie früher. Sie ist dann irgendwann ins Studio gekommen, ich durfte nicht zugegen sein, wenn sie kam. Sie hat dann eine Menge Lieder eingesungen, von denen ich die eine Hälfte gut fand und die andere Hälfte musste dann nachgearbeitet werden.
Das tut der Musik auch ganz gut. Die Phrasen, die Romantik, die Gefühle und die Sehnsucht von ihr machen meine Musik zu was Besonderem, geben ihr mehr Deutung und mehr Atmosphäre.
Eniz: Man ist ja gewohnt gewesen, euch immer zusammen zu hören und da hätte es auch seltsam geklungen, wenn sie dann nicht mehr mitsingen würde.
Philip Boa: Sie war jetzt ein paar Jahre nicht dabei und die Alben ohne sie haben auch für mich eine Bedeutung. Das waren Alben voller Selbstzweifel, Ängste zum Teil und da passte ihre Stimme dann auch nicht so richtig. Nachdenkliche Alben, sehr verwirrte auch zum Teil und jetzt geht das auch einher mit meinem Gemütszustand, der sich gebessert hat. Und da lag es nahe, sie wieder zu fragen.
Eniz: Die erste Singleauskopplung ist „Burn All The Flags“ aus dem kommenden Album. Als ich diese zum ersten Mal hörte, musste ich daran denken, dass du und Pia in die Welt rausschreien wolltet: „Wir sind wieder da!“ War das so oder wie kam es, dass gerade dieses recht schnelle Stück ausgewählt wurde?
Philip Boa: Ja, das kann sein. Es ist, wie du schon sagtest, ein schnelles Stück, es klingt schnell und jung und es schreit heraus. So wie du das empfunden hast, so ist das Anliegen. So war das geplant, einfach herauszuschreien mit lauter Stimme: „Wir sind da und wir haben zu sagen, euch was mitzuteilen“.
Eniz: Das neue Album klingt irgendwie rotzig und frech, wenn ich diesen Terminus mal verwenden darf und ganz anders als zum Beispiel die Art von Indiependent-Rock, die man sonst so kennt. Die Gitarren sind schmutzig, das Schlagzeug laut. Sicher kann man den Charakter eines Album nicht an den jeweiligen Musikinstrumenten festmachen – schließlich gehört auch jede Menge Herzblut dazu.
Wenn du deine Musik mit der der neueren Zeit vergleichst, findest du Dich dann manchmal etwas zu altmodisch oder „Ich bin immer noch aktuell“ vom eigenen Empfinden her?
Philip Boa: Ich hoffe nicht, dass ich altmodisch klinge. Das ist das, was ich auf keinen Fall will. Und deswegen haben wir auch mit Leuten wie Gordon Russel gearbeitet. Also ich versuche denen zu erklären, was ich will und die transportieren das dann in die neue Welt hinein. Weil sie auch mit jungen Bands arbeiten. Und für mich ist das wichtig, nicht so zu klingen wie eine Retro- oder Oldieband.
Wie empfindest du es? Ich habe jetzt nicht ganz verstanden wie du das wertest. „Klingt nicht wie eine Indiependent-Band“. Wie findest du, klingt es?
Eniz: Es gibt ja im Indiependent-Bereich 1001 Bands, die im Laufe der Zeit eine ganz bestimme Richtung eingeschlagen haben. Und die Tatsache, dass Du schon seit über 20 Jahren Musik machst und dann diesen Übersprung ins neue Jahrtausend zu schaffen, dass man da nicht Gefahr läuft in die gewohnten Muster reinzurutschen. Das, was einen damals bewegt hatte, das man sich von dort weiterentwickelt. Das meinte ich damit.
Philip Boa: Und habe ich das geschafft, oder nicht?
Eniz: Ich denke schon, aber wobei ich auch dazu sagen muss, dass es schon eine typische Philip Boa Platte ist. Man hört es unter 100 Platten raus, da du ja auch eine recht markante Stimme hast.
Philip Boa: Aber das ist doch positiv, oder?
Eniz: Ja, sicher. Aber ich wollte von dir selber wissen, ob du denkst: „Ja, vielleicht klinge ich jetzt doch altmodisch…?“
Philip Boa: Ja, sicher. Das ist eine ständige Angst. Es sind überhaupt Existenzberechtigung und so weiter. Eher zu hören auf den Alben davor. Bei dem neuen Album ist diese Angst eigentlich fast überwunden worden. Da bin ich eigentlich ziemlich sicher, dass ich nicht so klinge wie eine altmodische Band. Ich lebe die Zeit ja auch mit und ich fühle mich ja auch nicht alt, nicht wie ein Musiker der schon 20 Jahre macht. Ich lebe in der Jetzt-Zeit und versuche auch, dass das so klingt.
Das ist mir vielleicht nicht immer gelungen in der Vergangenheit, aber das war dann auch Absicht.
Eniz: Eine Frage noch zu dem Titel deines Neuen Albums… Es nennt sich ja „Decadence & Isolation.“… wieso hast du dich gerade für diesen Titel entschieden?
Philip Boa: Irgendwie war das die Leitlinie in dem Album. Das sind zwei Pole, die das Leben so mit sich bringt. Das kann man musikalisch sehen, Joy Division oder alte The Cure Einflüsse und auf der anderen Seite sehr schwülstige und etwas komplexere wie alte Roxy Music.
Oder man kann auch sagen „Decadence & Isolation“ ist die Zukunft des Menschen. Sie teilt sich auf in den Menschen, die in der Dekadenz leben können und den Menschen, die einsam, verarmt und isoliert sind. Ist jetzt sehr negativ gedacht, aber so könnte man es sehen.
Oder man nimmt das letzte Lied und dann ist man bei Oscar Wilde, wenn es um das Individuum geht. Beispielsweise ist „Burn The Flags“ eine Hymne an das Anders-Sein. Eine Aufforderung: „Ihr seid alle gleich und das kotzt mich an“, um es auf Deutsch zu sagen. Und ganz zum Schluß am Ende des Albums taucht eine Figur auf, die das Anders-Sein bis zum bitteren Ende gelebt hat, nämlich Oscar Wilde.
Der ist so gestorben, in der „Decadence & Isolation“. Der ist nach Paris gegangen, also getrieben worden und hat dann in Armut in einem schäbigen Hotel mit seinem Freund den totalen Glamor-Mensch gelebt. Er hat nie daran gezweifelt, dass sein Weg der richtige wahr.
Eniz: Ist das nicht ein Widerspruch an sich, wenn man sagt, dass man in einer Isolation leben könnte?
Philip Boa: Natürlich gibt es Menschen, die in der Isolation glücklich leben können, klar. Das ist besser, als als Paar sein Leben lang das Leben zur Hölle zu machen.
Eniz: Aber wenn man in so einer Isolation ist, geht man doch auch daran zugrunde…
Philip Boa: Wenn man die Isolation nicht mag, natürlich. Aber man kann eine Isolation auch als Lebensmotto oder –philosophie ansehen oder zum Lebenssinn machen. Man kann darin aufgehen. Ich kenn Menschen die sind einsam und isoliert, und sind eigentlich glücklich, weil sie für sich festgestellt haben, dass es für sie der beste Weg ist. Aber ich will jetzt nicht die Isolation auf den neuen Album verherrlichen. Das sind eher die Gegenpole.
Eniz: Als du das Album „The Red“ veröffentlicht hattest, hast du viele Leute vor den Kopf gestoßen. Wenn du jetzt daran zurückdenkst, bereust du das irgendwie?
Philip Boa: Ja, natürlich. Genauso wie mit „Voodoocult“. Es war mir klar, dass sich das wenig verkauft und ich habe das gesagt, bevor das Album rauskam. Und ich steh dazu. Es reflektiert einen gewissen Seelenzustand wie ich mich da gefühlt habe. Auch zum Teil isoliert, übrigens.
Und „Voodoocult“ war, wenn man es neutral betrachtet, ein Fehler oder eine Dummheit, aber ich steh dazu.
Eniz: In einem anderen Interview las ich was von Selbstzerstörung… also von deiner eigenen Selbstzerstörung, als du dich entschlossen hattest, diese Alben dann zu machen.
Philip Boa: Ich war voller Selbstzweifel und ich habe gesucht und den Sinn des Lebens nicht gefunden. Das war so eine Phase dann, wo ich komplett orientierungslos war, vielleicht ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich überhaupt noch Musik mache… und dann kommt man auf solche Dinge, um sich vielleicht neu zu erfinden. Wie so ein Reinigungsprozess.
Eniz: Danach hat man dann den Kopf auch frei für andere Dinge…
Philip Boa: Ja, wenn es dann klappt, dann hat man das eines Tages.
Eniz: Eine Zeitlang warst du ja Labellos. Duch L’age D’or kamst du dann nach dem Ausstieg von Universal zu Motor-Musik.
Philip Boa: Das lustige ist, dass ich niemals länger als vier Wochen ohne Label war.
Eniz: Du wohnst ja überwiegend in Malta, wo du das das aktuelle Album aufgenommen hast. Und soweit ich informiert bin, wohnst du dort auch. Warum gerade in Malta?
Philip Boa: Zufall. Ich habe die Insel gemocht und bin da hin und hab Partner gefunden, die ich mochte. Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunk freier in Malta. Das ist jetzt nicht mehr so, sondern identisch mit dem Leben hier. Ich arbeite da gerne, habe dort ein Studio.
Heutzutage hat das mehr praktische Gründe. Die Romantik ist ein bisschen weg, aber ich fühle mich in dem Studio dort sehr kreativ.
Eniz: Da war ja auch der Grand Prix de la Chanson…
Philip Boa: Der Grand Prix hat da eine Bedeutung, die ist nicht vergleichbar wie hier. Das wird auch vom Staat gefördert und da werden Millionen ausgegeben, damit ein Künstler einen Song schreibt, der dann hoffentlich gewinnt. Und das funktioniert dann auch. Meistens werden die fünfter oder zweiter oder so.
Das ist unheimlich wichtig für die, das ist eine sehr kleine Insel und die steht sonst nie im Mittelpunkt und dadurch haben sie dann die Chance, dass ganz Europa sie dann hört oder wahrnimmt.
Das ist äußerst obskur, find ich.
Eniz: Warst du zu dem Zeitpunkt dort?
Philip Boa: Ja, des öfteren. Das ist ja immer so im Mai. Und dadurch, dass Malta so klein ist, kenn ich auch ein paar Musiker, die dort mitgemacht haben… ist lustig.
Eniz: Ich habe weiterhin gelesen, dass du so manchen Reporter früher die Kassette kaputtgemacht hast… Warum das?
Philip Boa: Nicht immer. Manchmal.
In der Zeit, in der ich erfolgreich war, wurden manche Fragen menschenverachtend und wenn dann drei oder vier solcher Fragen gestellt werden, habe ich das schon mal gemacht.
Eniz: Dann hoffe ich mal, dass ich hier nette Fragen stelle…
Philip Boa: Dir kann ich auch schlecht das Tape wegnehmen durch das Telefon… sonst hätte ich das bestimmt schon gemacht (lacht).
Eniz: Das ist dann der Vorteil, dass man am Telefon einen gewissen Sicherheitsabstand hat…
Philip Boa: (lacht) Nein, das passiert heutzutage nicht mehr so oft. Manchmal sag ich „leider“.
Eniz: Songs wie „Making Noise Since 85“ oder „21 Years Of Insomnia“ deuten ja schon irgendwie an die Anfänge von dem Voodooclub an… Ein Versuch, eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen?
Philip Boa: Ja, das ist ein Aufarbeiten der Gefühle. Weil ich es immer noch nicht begriffen habe, dass ich mein ganzes Leben nichts weiter gemacht habe als Musik. Manchmal ist das fast so wie ein Negativ, dass man ein schlechtes Gewissen hat. Oder denkt, man hätte andere Dinge verpasst.
Irgendwann habe ich dann angefangen, darüber zu schreiben.
Eniz: Für manch anderen wäre das ja ein Traum…
Philip Boa: Sehe ich auch so. Als Traum. Die Erfüllung eines Traums. Und daher auch manchmal ein schlechtes Gewissen.
Warum gerade ich? Warum habe gerade ich soviel Glück gehabt.
Eniz: Den halben November bist du auf einer ausgedehnten Tour quer durch Deutschland unterwegs… Sind auch Konzerte im Ausland geplant?
Philip Boa: Das habe ich schon seit längerer Zeit nicht mehr gemacht. Ich weiß nicht, ich war zu faul oder wollte meine schönen Erinnerungen nicht kaputtmachen.
Wir denken nach über Wien, Zürich, Amsterdam und London. Aber auf große Touren im Ausland habe ich keine Lust mehr.
Eniz: Ja, das wars dann auch schon. Danke für deine Geduld und viel Spaß dann noch mit den restlichen Interviewterminen, viel Erfolg mit dem neuen Album und auf der Tour und Tschüss.
Philip Boa: Danke, tschüss.
Autor: Eniz












