„Futurist“ steht – ganz zukunftsweisend – in den Plattenläden und Alec Empire wird auf seiner derzeitig laufenden Deutschlandtournee wohl sicherlich einen Club nach dem anderen zum Explodieren bringen! Es wird Frühling und somit sollten nicht nur die Maiglöckchen sprießen, sondern auch Zeichen für neue musikalische wie politische Impulse gesetzt werden….
So ist besagter Monat – nicht nur wegen seines Geburtstages – in diesem Jahr als ganz besonderer Monat in Bezug auf Alexander Wilke zu verbuchen und wir ließen es uns, anhand seiner verheißungsvollen neuen Veröffentlichung, natürlich nicht nehmen dem Herren ein wenig auf den Zahn zu fühlen und ihn zu seinen derzeitigen Plänen sowie zu seinem aktuellen Album zu befragen. Ich will hier aber auch nicht weiter vorrausgreifen, da der Mann es meisterhaft verstand absolut präzise und vor allem knackig geschriebene Antworten auf meine Fragen parat zu haben. Insofern – Ladies and Gentlemen: Vorhang auf für Mr. Alec Empire….
Shirin: Hallo Alec! Das Wichtigste ersteinmal vorneweg: Wie geht es Dir im Moment?
Alec Empire: Sehr sehr gut! Ich liebe dieses Gefühl, ein Album fertig zu haben, und weiterzudenken, neu anzufangen… Ich habe genau das Album gemacht, was ich machen wollte. Ich wünschte, ich könnte meinen alten Kram vom Markt nehmen! Ich hätte dieses Album schon vor Jahren machen sollen!
Shirin: Du hast ja mit besagter Platte jüngst ein richtig krachiges Album an den Start gebracht… Kompliment! Mich würde mal interessieren, worin Du – im künstlerischen,musikalischen wie inhaltlichen Bereich – die Hauptunterschiede zwischen „Futurist“ und Deiner vorherigen Solo-Platte siehst…
Alec Empire: Ich denke, der Hauptunterschied liegt darin, das „Intelligence And Sacrifice“ meine 90-iger Phase beendet hat, gleichzeitig aber neue Wege aufgezeigt hat. Futurist ist der zweite Schritt in die neue Richtung. Diesmal habe ich mich völlig auf die Gitarre konzentriert und alle elektronischen Sounds Nic Endo überlassen.
Auf „Intellegence And Sacrifice“ ging es um den Gegenpol Mensch und Kriegstechnologien, und wie sich beide zerstören, auf Futurist geht es um die extreme emotionale Reaktion eines Einzelnen, der durch den Machtmißbrauch von Authoritäten an den Rand gedrängt wird. Es geht natürlich auch um Leidenschaft und Liebe, und darum sie nicht von dem ganzen Schwachsinn zerstören zu lassen.
Die verschiedenen Ansätze kommen in der Produktion deutlich besser heraus. Ich habe während „Intellegence And Sacrifice“ eine sehr düstere Phase in meinem Leben durchgemacht, die sich in dem Album widerspiegelt. Als wir „Futurist“ anfingen, war ich da zum Glück mit fertig und hatte neue Energie. Alles geht also mehr nach vorne…
Shirin: Wie bist Du auf den Titel Deiner aktuellen Platte gekommen und was hat er für eine Bedeutung?
Alec Empire: Auf den Titel ist eigentlich Nic Endo gekommen. Wir sind ja so eine Mini-Einheit, wir arbeiten wie eine Band und wir nehmen andere Musiker dazu, die wir brauchen (z.B. Drummer oder Gitarristen usw.).
Wir hatten in London einen Tag Pause vor den Aufnahmen, und sind durch diese Ausstellung von den Futuristen gegangen – diesen italienischen Künstlern. Das machen wir oft, wenn wir festhängen an einem Song oder einem Mix. Wir sehen uns einen Film an, aber eigentlich auch nicht, da wir weiterdenken. So war das auch an diesem Tag. Es gab diesen Punkt, an dem uns das Album zu konservativ wurde, weil es zu stark Rock n´ Roll war.
Als Nic und ich uns diese Skulpturen ansahen, sagte sie: „Eigentlich ist es doch genaus das, was wir mit Rock n´ Roll machen wollen, oder? Das Album sollte Futurist heissen!“ Ich war einverstanden, weil es eher ein Techno-Titel ist und die Leute auf die falsche Fährte führt. Außerdem musste ich lächeln bei dem Gedanken, dass die Alec-Hasser es direkt auf meine Person beziehen, und denken, ich würde mir anmaßen, mich so zu betiteln! Obwohl der Titel das gar nicht sagt. (lacht) Ich bin da Punkrocker. Wenn jemand ein Vorurteil gegen mich hat, dann gebe ich dem Affen Zucker. Ich verteidige mich nicht.
Shirin: Mir ist zu Ohren gekommen, dass Du auch im Ausland (vor allem in Japan) ganz unglaublich erfolgreich bist und mich würde interessieren, wie Du die japanischen Fans so empfindest – verglichen mit den deutschen zum Beispiel…
Hast Du – als Künstler – vielleicht schon einmal festgestellt, dass die Japaner Deine Musik in irgendeiner Weise anders auffassen, anders erleben oder anders mit ihr umgehen, als die Fans in Deiner deutschen Heimat zum Beispiel? Wie würdest Du denn die Stimmung auf japanischen Konzerten beschreiben?
Alec Empire: Hmh…interessante Frage! Ich habe Deutschland schon immer mehr geliebt, als es mich geliebt hat. Ich bin dabei, mich damit abzufinden. Viele im Ausland kennen nur ca. fünf deutsche Bands – ich gehöre dazu – neben vielleicht Nena, Rammstein (auf jeden Fall), Kraftwerk und den Neubauten. Dann wird´s auch schon schwierig.
Viele denken, hier gibt es kaum Musik – warum auch? Haben wir uns jemals wirklich gefragt, was in Vietnam für ein Sound gefahren wird? Okay, ich interessiere mich für so etwas, die meisten aber nicht. In Japan hat es geklickt. Der japanische Musikjournalismus ist uns sehr weit voraus, was das Untersuchen von Information angeht. Den deutschen Musikjournalismus gibt es ja eigentlich gar nicht wirklich – es ist nicht schnell genug, nicht unabhängig genug und leider nicht vielfältig genug. Er will nur Entertainment, ist aber selbst nicht „entertaining“. Das nur zum Verständnis.
Meine japanischen Fans sind sehr kritisch der eigenen Gesellschaft gegenüber eingestellt. Die Themen von denen ich singe, sind Realität, die Metaphern, die ich benutze, werden verstanden. DIe Details in meiner Musik werden gehört. Kurz gesagt: Es macht richtig Spaß für so ein Publikum Scheiben zu machen! Natürlich gibt es sehr extreme Fans dort, wie auch in anderen Ländern. Mein Logo haben Mädchen über den ganzen Rücken tätowiert, oder das Gesicht….mein Gesicht von „Intellegence And Sacrifice“. Ich bekomme viele Briefe, sehr intim, sehr politisch…
Shirin: Du bist ja musikalisch oder Genre-spezifisch recht breit gefächert und ungebunden und wurdest von den Herren von Rammstein sogar um einen Remix ihres Hits „Amerika“ gebeten… Kannst Du mir vielleicht etwas mehr darüber berichten?
Alec Empire: Rammstein haben mich gefragt. Mir hat der Song gefallen. Außerdem wollte ich die Gerüchte aus der Welt schaffen, dass Rammstein und ich einen Streit oder etwas in der Art hätten. Ok, ich habe mal in einem US-MTV-Interview geantwortet, dass ich das eigenartig fand, daß sie den Reifenstahl Video damals, ohne Kommentar, dem Volke zum Fraß vorgeworfen haben, und das das zu erheblichen Missverständnissen in der rechten Szene geführt hat. Daraus wurde dann gleich dieses Ding gemacht. Ich habe füher Feeling B gehört und hatte mir eigentlich schon gedacht, dass sie keine Nazis sind. Sie haben das dann ja auch später oft genug auf ihre Art klargestellt. Wir haben uns dann bei den Kerrang Awards in London getroffen, wir haben beide Awards bekommen, und da haben wir das dann auch lachend geklärt. Ich bin für die Deutschen eben nur der Krawall-Nazi-Hetzer von Atari Teenage Riot, und sie eben die krassen Rocker mit Nazi-Image. Manche Journalisten haben halt nur einen Hamburger, da wo wir Musiker unser Gehirn haben – das ist nicht unser Problem! (lacht)
Shirin: Wie bist Du denn im Allgemeinen ans Musik-machen gekommen? Gab´ es in Deiner Jugend irgendwelche Vorbilder oder Dinge, die Dich inspiriert haben?
Alec Empire: Ich habe angefangen, Gitarre zu spielen. Mich hat vieles inspiriert. Ich habe einen sehr breiten Musikgeschmack. Am wichtigsten war aber dieser Antrieb, sich selbst ausdrücken zu müssen. Das hatte ich schon sehr früh. Ich hatte das Gefühl, dass das was ich brauchte nicht zu haben war. Deshalb habe ich die Songs geschrieben, bzw. an meinem Sound gearbeitet, weil es niemand anders gesehen hat.
Shirin: Du hast ja – nicht nur mit Atari Teenage Riot – häufig sehr intensive, brachiale und auch recht „rebellische“ Songs und Lyrics verfasst. WIe genau kam es zu dieser textlichen Richtung? Ich meine… die Botschaft Deiner Musik im Allgemeinen ist schon recht deutlich, wenn man sich ein wenig näher damit befasst, aber könntest Du diese Message vielleicht noch einmal in Deinen eigenen Worten beschreiben? (vor allem auf die „Futurist“ bezogen)
Alec Empire: Tja, ich will es mal nicht zu lang machen und ich denke, es ist besser, das durch die Musik zu erfahren. Kurz gesagt, ging es bei ATR darum, einen Sound zu entwickeln, der die Menschen dazu bringt, das Gesellschaftssystem zu hinterfragen, zu ändern oder anzugreifen, um es gerechter zu machen. Ich denke, das mittlerweile die Mehrheit von uns begriffen hat, daß es für uns in der Zukunft nicht besser wird, sondern nur eine kleine Minderheit vom System profitiert. Auf den Alec Empire-Alben gibt es in dem Sinne keine „Message“, sondern ich sage einfach das, was ich sehe, was ich fühle, was ich denke. Und erzähle aus meinem Leben.
Jede Musik hat eine Botschaft. Pop hat die Botschaft: Pass dich an. Und ich will mit Pop nichts zu tun haben.
Shirin: Wie entstand die Idee ein eigenes Label zu gründen? Planst Du auch andere Künstler dort unter Vertrag zu nehmen oder hast Du dies bereits getan?
Alec Empire: Ach, du meinst „Empire Records“? Das ist nur so eine Buisinessgeschichte, nichts so besonderes. Es hat alles als Promo-Trick angefangen, als wir die ersten Tracks an die Club-DJ´s in England geschickt haben, wussten die nicht, daß ich etwas damit zu tun hatte und haben die Songs gespielt, weil sie dachten, es wäre von einer neuen, hippen „THE-Band“ aus den USA. Ok, Teile von „Futurist“ sind in den USA aufgenommen und gemixt worden, wie man hört, aber es war schon lustig diese Reaktionen zu bekommen.
Shirin: Wie sieht der Stand der Dinge bei Atari Teenage Riot derzeit aus und wo lagen für Dich die maßgeblichen Unterschiede zwischen dem Arbeiten in einer Band und Deinen Solo-Aktivitäten?
Alec Empire: ATR hat irgendwie nicht viel mit dem zu tun, was ich jetzt mache. Ich habe das schon immer getrennt betrachtet. ATR war immer eher ein Kunstprojekt und keine Band in dem eigentlichen Sinne. Eher wie ein Kollektiv, eine Gruppe von Gleichgesinnten. Es gab ein ganz klares Konzept, was wir bei ATR verfolgt haben. WIr lebten unser Manifest. Das hat zu einem eigenen Genre geführt, was viele jetzt als „Digital Hardcore“ bezeichnen. Wir haben die Musik collagenartig zusammengebaut, um eine Musik zu schaffen, die Aufstände verursacht, bzw. antreibt. Das war die Idee dahinter. So ein Ding hatte noch nie einer gedreht. Das war sehr spannend und hat mehr Leute begeistert, als wir es uns je hätten erträumen können.
Als Musiker wie die Beastie Boys, Rage Against The Machine, Beck, Nine Inch Nails, Dave Grohl, Björk und Ice Cube Atari Teenage Riot für sich entdeckten, hat das uns ein sehr großes Publikum ermöglicht. Zum Glück waren wir durch unsere harten Jahre im Underground so gefestigt, dass wir nicht durchdrehten und das Ding durchziehen konnten. Jetzt habe ich viel mehr Freiheit. Ich brauche mich nicht einer Ideologie oder einem Konzept unterzuordnen, sondern kann machen, was ich will. Ich kann so ein Album wie Futurist machen. Außerdem macht das Spielen mit anderen Musikern Nic und mir einfach Spaß.
Shirin: Was tust Du eigentlich, kurz bevor Du auf die Bühne gehst? Gibt es da irgendein „besonderes Ritual“ oder eine Art Vorbereitung? (manche Musiker meditieren ja oder machen Sit-Ups etc. …)
Alec Empire: Es gibt niemanden, der seine Stimme so fordert wie ich. Ich habe sehr viele Shouts und geschriehene Parts, die bis zum Äußersten gehen. Das bedeutet, ich muss genaue Vorbereitungen treffen, denn wie die meisten sich vielleicht denken können, ist das die grösste Herausforderung, die man an seine Stimme stellen kann. Ich habe in den USA mit einem Vocalcoach vom Broadway ein genaues Ritual ausgearbeitet, dass ich den ganzen Tag vor einer Show einhalte. Das ist sehr komplex. Es geht von genauer Ernährung bis hin zu Aufwärmübungen usw.. Das ist hierfür etwas zu lang.
Tatsache ist, dass ich so jede Show machen kann, unter allen Bedingungen, außer wenn die Stimmbänder durch eine Erkältung entzündet sind – das nervt – aber sonst ist das sehr cool. Meine Stimme ist so laut geworden, dass ich schon Mikros durchgehauen habe – ohne Scheiss! Seit „Futurist“ brauche ich das aber nicht mehr alles aufzufahren, weil ich mich doch etwas zurück genommen habe.
Shirin: Wenn man sich derzeit mal ein wenig im musikalischen Bereich umsieht: Was hörst Du denn privat für Musik? Gibt es im Moment irgendwelche speziellen Songs/Alben/Künstler, die Deinen Plattenteller daheim beanspruchen?
Alec Empire: Ich höre gerade nur CDs, die sich über 3 Millionen Mal verkauft haben. (lacht) Ok, so ganz genau halte ich das auch nicht ein. Aber ein bisschen stimmt das doch. Ich befasse mich gerade viel mit den Doors, wegen der Orgel, Jimi Hendrix wegen der Drums, Led Zeppelin wegen der Produktion, David Bowie wegen seiner Wandlungsfähigkeit, alte Billy Idol wegen der Drogen und dem Wahnsinn…
Mich interessiert Hip Hop überhaupt nicht mehr. Dem British New Wave kann ich nur zynisch gegenüber treten, weil er von der englischen Wirtschaft erfunden ist. Deutschsprachige Musik ist beschämend. Ich überlege meine deutsche Staatsangehörigkeit abzugeben. Schade, die deutsche Musikszene hat viele Chancen verspielt, international relevant zu sein. Und keiner merkt es! Die „deutschte Identität“ ist nur Maske, bzw. Ausrede geworden, hinter der sich zu viele mittelmäßige Musiker verstecken.
Shirin: Apropos Deutschland und daheim: Wohnst Du derzeit eigentlich noch in Berlin?
Alec Empire: Ich wechsele immer zwischen London und Berlin. Aber irgendwie bin ich andauernd unterwegs, deshalb kann ich das nicht so sagen. Ich fühle mich nirgendwo so richtig „daheim“.
Shirin: Du bist ja im Moment mit der „Futurist“ im Gepäck auf Tour und ich würde zum Abschluss gerne noch wissen, wie Deine Zukunftspläne ansonsten so aussehen…
Alec Empire: Jetzt ist erstmal touren angesagt. Dann sehen wir weiter. Natürlich köcheln noch so einige Kollaborationen und Remixe, aber die Verträge müssen erstmal unterschrieben werden, bevor ich das verbreite…
Shirin: So verbleibt mir, Dir ganz herzlich für das Interview zu danken und Dir alles, alles Gute und weiterhin viel Erfolg für die Zukunft zu wünschen!
Autor: Shirin












