Ich hatte leider nur über Email die Möglichkeit, Mirko Uhlig von dem oben genannten Künster-Ensemble zu befragen. Schade eigentlich, weil bei einigen Fragen hätte ich doch lieber nachgehakt. Was er zu der neuen CD „Ich habe nur noch 12 Seepferdchen in meinen Tempel“ zu sagen hat, könnt ihr hier lesen.
Eniz: Hallo Mirko, schön wieder mit dir ein Interview zu führen. Ist ja auch schon wieder fast ein halbes Jahr her. Du hast mit neuen Musikern eine neue CD aufgenommen, die sich „Ich habe nur noch 12 Seepferdchen in meinen Tempel“ nennt… Wie kommt man denn auf so einen abgefahrenen Titel?
Mirko: Hallo Eniz, ja freue mich auch über die Gelegenheit die sich ja wirklich jedes halbe Jahr zu ergeben scheint. Wie ich schon in anderen Interviews gesagt habe, sind 90% der Titel assoziativ und spontan entstanden…es gibt zwar schon ein paar „Wortgebilde“, die ich eine Zeit lang mit mir herumschleppe, aber „12 Seepferdchen“ gehört definitiv nicht dazu… Es ist mehr ein wirres Produkt meines Unterbewusstseins; ein tieferer Sinn ergibt sich für mich da erst nach ein paar Jahren, wobei ich jetzt schon sagen kann, dass es wohl etwas mit Loslassen zu tun hat… ist vielleicht sogar ein positiver Titel…wer weiß…
Eniz: Das neue Album unterscheidet sich vom letzten Werk „Mezethakia Mukabalatt“ dadurch, dass anstelle von 2 Tracks von 50 Minuten nun 7 Tracks mit „Untertiteln“ auf dem Album sind. Wurde die Entscheidung bewusst so getroffen, um der Musik eine eigene Eingängigkeit zu geben? Das letzte Mal musste man ja schon ziemlich kräftig schlucken, um das Album zu verdauen…
Mirko: Ich wollte das Album ein wenig transparenter gestalten als den Vorgänger, ja… aber eigentlich resultiert es daraus, dass dieses Mal die Stücke so viel Eigendynamik besaßen, daß sie alleine stehen konnten… und das waren dann eben zufälligerweise sieben. Wobei es sich ja eigentlich um einen 42-minütigen Track handelt, da ja alles ineinander übergeht… aber das nur am Rande.
Eniz: Die Eingängigkeit wurde auch dadurch hervorgehoben, dass nun ein identifizierbares Instrument eingesetzt wurde, nämlich die Gitarre, was mich nach dem Hören von „Mezethakia Mukabalatt“ nun völlig überrascht hat, aber es klingt recht gut dazu und verleiht dem Ganzen, wie ich in der Rezension schon schrieb, einen Hauch von Death in June Neo-Folk. Absicht?
Mirko: Naja, wenn Jörg mitmacht, ist eigentlich immer eine Gitarre dabei…auf der „Mezethakia Mukabalatt“ gab es ja auch viele Gitarrenpassagen – nur waren diese dem Gesamtbild untergeordnet. Death In June war in der Tat auch die erste Band aus dem „UK-Pre-Post-Industrial-Umfeld“, die ich kennenlernte – mit 9 Jahren und es hat mich tierisch gelangweilt – zehn Jahre später sah das dann ganz anders aus und mittlerweile bin ich wieder an dem Punkt, wo mich Douglas P. mit seiner Waschmittelmusik enorm anödet – nach dem desaströsen „Alarm Agents“ ja auch kein großes Kunststück.
Außerdem habe ich nichts mit dem ganzen Germanen-, alte Götter- und Europageschwätz zu tun. Um das ganze mal aus der DIJ-Ecke zu holen: vielmehr inspiriert wurde ich von dem Album „Paradieswärts“ von Amon Düül… das kennt fast niemand… alle schwärmen nur von „Psychedelic Underground“ und „Tanz der Lemminge“… aber „Paradieswärts“ finde ich wunderschön… fast ein reines Akustikalbum… außerdem hat es so superkitschige Songtitel/phrasen wie „Love Is Peace“ und „Paramechanische Welt“ – letzteres inspirierte übrigens auch Steven Stapleton zu dem NWW-Song „White Light From The Stars In Your Mind“, in welchem eben dieses Amon Düül-Zitat immer und immer wiederholt wird… auch ein tolles Album, „Man With The Woman Face“…
Eniz: Ich habe natürlich wieder eine Frage, die ich mir bei bestem Willen nicht verkneifen konnte… Also: wie viele Meerschweinchen mussten für „Ich habe nur noch 12…“ diesmal dran glauben? Und wurde das Line-In Problem gelöst?
Mirko: Nee, diesmal waren es Seepferdchen. 66 Stück…12 davon leben wie gesagt noch…ich sollte damit aufhören – Peta is watching…
Eniz: Was neu ist, sind die Sprachsamples, wenn man sie so bezeichnen kann. Es hört sich eher an, als hätte man Momentaufnahmen aufgezeichnet, die im Proberaum stattgefunden haben…
Mirko: Daran beißen sich jetzt wohl viele fest… also es sind teilweise Outtakes von einem Hörspiel, das ich mit Lars und Björn Detert aufgenommen habe. Aber den größten Teil bildet ein sehr plastischer Traum, den ich vor geraumer Zeit einmal vertont habe. Darin ging es um einige der Dinge, die in den Untertiteln angesprochen werden… zum Beispiel bin ich in tiefgrünes Meer gefallen, wo auch die besagten Zebraquallen auf der Oberfläche schwammen – später im Traum wurde mir dann durch eine Talkshow und eine etwas blutige Demonstration erläutert, wie giftig diese Tiere sind. Um das ganze auf Platte dann aber nicht zu tiefenpsychologisch werden zu lassen, habe ich das dann bis zur Verfremdung zerschnitten – und das haben wir jetzt davon…
Eniz: Wie ich gelesen habe, hast du das Cover für die aktuelle CD selbst gemacht. Ich meine, auf der zweiten Ebene einen Menschen erkennen zu können. Lieg ich da richtig, oder bilde ich mir das ein?
Mirko: Du darfst dir alles einbilden ! Einen Hund habe ich bewusst eingebaut… aber einen Menschen ? Das wäre dann aus Versehen geschehen… es ist eine Collage aus verschiedensten Elementen – besonders glücklich bin ich mit den Farbtönen – ich denke, das Bild fasst die Gefühlswelt der Platte gut zusammen.
Eniz: Was hältst du eigentlich vom Kubismus?
Mirko: Nicht sehr viel. Ich bin ja froh, dass du mich nicht in eine Surrealismus-Diskussion reinziehen wolltest – davon kann ich langsam nichts mehr hören. Erst kürzlich habe ich versucht, ein Interview mit Matt Waldron von Irr. App. (Ext.) zu lesen – versucht – denn irgendwann drehte es sich um Surrealismus und spätestens seit Nurse With Wound kennt sich doch jeder Interessierte damit bestens aus… ich halte das Thema für erschöpft… ein Produkt der Vergangenheit… und in der Tat habe ich keine bevorzugte Kunstrichtung. Zur Zeit von „Im Schlachthaus blühen die Blumen“ haben mich ein paar tachistische Bilder begeistert – speziell die von Simon Hantaï. Es kommt auf die Tagesform an… vor ein paar Wochen bin ich im Netz auf ein paar mir noch nicht bekannte Werke von Roger Dean gestoßen, die mir fantastisch gefallen haben. Manchmal gefällt mir auch Giger… es kommt drauf an.
Was ich aber zur Zeit unglaublich inspirierend finde, sind die Bilder von Christoph Heemann, falls er für die Cover von Mirror, Mimir & Co. Verantwortlich ist – wunderbar. Ja… ein schöner Farbklecks gibt mir zur Zeit mehr als mathematisch genau ausgetüftelte Bildarchitektur… das liegt vielleicht auch an meiner nicht geringen Skepsis der Logik gegenüber. Denn Aalfang Mit Pferdekopf ist alles – nur nicht logisch !
Eniz: „Ein blumenspuckender Penis“… als ich das gesehen habe, musste ich mir, nachdem ich mir das bildlich vorgestellt habe, in der Villa Kuba, wo ich grade einen Nuss-Salat gegessen habe, erstmal kräftig ablachen. Wie kommt man bloß auf solche Titel?
Mirko: Eine Hommage an Amon Düüls „Phallus Dei“ und die von Holger Czukay angesprochene Heilkraft der Pflanzen und Blumen. Aber wo zur Hölle isst du denn Nuss-Salat ? (Anm. d. V.: Die kubanische Küche Villa Kuba in Göttingen mit Fidel-Castro-Reden über Lautsprecher in der Toilette. Aber der Nuss-Salat schmeckte wirklich ekelhaft)
Eniz: Erinnert mich etwas an Tocotronics Ellenlange Titel um 1996 herum…
Mirko: Ja ? Nun, damit habe ich nun aber wirklich gar nichts am Hut… haben die um 1996 zufällig ihr Abi gemacht ? Zu Tocotronic kann ich nichts sagen – habe kein Album von denen. (Anm. d. V.: Damit meinte ich so einschlägige Titel wie: „Ich habe geträumt, ich wäre Pizzaessen mit Mark E. Smith“ und andere Lippenbekenntnisse).
Eniz: Ich sah im Line-Up, dass eine Pia Uhlig auftaucht. Wenn meine Kombinationsfähigkeit mich nicht im Stich gelassen hat, heißt du auch so mit Nachnamen. Wer ist das?
Mirko: Pia ist meine Schwester und sie weiß wahrscheinlich gar nicht, dass sie auf dem Album zu hören ist (das geht den meisten Beteiligten wohl so)… ich habe beim Aufräumen eine alte Kassette aus den 80ern gefunden… mit Freude musste ich feststellen, dass diese MC ein paar…ähm…gesangliche Improvisationen von uns beiden enthielt… das war es Wert genug, um auf CD gebannt zu werden… wenn du es genau wissen möchtest: Es ist der sehr nach Lo-Fi klingende Schluß von „Jaja Ungarinyin“….
Eniz: Welche Zielgruppe wollt ihr mit AmP in erster Linie erreichen? Oder wollt ihr überhaupt eine erreichen oder dient das Projekt primär für den Spaß am Musikmachen?
Mirko: Beim kreativen Prozess habe ich überhaupt keine Zielgruppe im Kopf – zunächst muss es mich zufrieden stellen oder begeistern, wie man es nun ausdrücken möchte. Erst wenn alles fertig ist stellt sich ab und zu mal die Frage, wer sich das anhören könnte – ich habe zwar irgendwann mal gesagt, dass ich mich keiner speziellen Szene angehörig fühle, aber wahrscheinlich sind es in erster Linie Leute aus dem Industrial-Sektor, die damit was anfangen können… dann vielleicht noch ein paar aus dem Jazz-Bereich? Hmm… keine Ahnung, ist auch gar nicht so wichtig – mir ist egal, welchen Hintergrund meine Hörerschaft letztendlich hat.
Es wäre eh besser, wir würden mal langsam das ganze Szene-Denken beenden… aber das wäre wohl zu revolutionär und schockierend für manche… Identifikation ist eben immer noch mit das größte Übel… Außerdem lässt sich ein Produkt ja eh noch besser verkaufen wenn da ein fetter „Cold Meat“- oder „Merzbow-Like“-Stecker draufklebt…
Eniz: Seit wann ist das Album draußen und wie kann man es beziehen?
Mirko: „Ich habe nur noch 12 Seepferdchen in meinem Tempel“ gibt es seit Anfang März und kann via Mailorder bei Einzeleinheit bestellt werden – www.einzeleinheit.de. Die CD kommt wie für das Label üblich in einem Waschlappen daher…ich glaube dieser hat diesmal die Farbe orange oder gelb… habe es selbst auch noch nicht gesehen… dazu gibt es meiner Meinung nach Trockenfutter und Badelotion… naja, jedenfalls kostet es 8 € plus Porto… ich denke, das ist ein ganz passabler Preis… soviel kostet übrigens auch das neue Compest-Album „Kryptozoologie“, welches gleichzeitig erschienen ist… sollte man dann gleich mitbestellen, um seine Einzeleinheit-Sammlung zu komplettieren !
Eniz: Dann bedanke ich mich herzlichst für dieses Interview und hoffe, dass wir bald wieder das Vergnügen haben.
Mirko: Ja, dir danke ich auch für die schönen Fragen – Ende August kommt ja schon das neue Aalfang-Album „Genmaicha: At the opal seashore“ auf dem belgischen Label Mystery Sea heraus… klingt allerdings komplett anders… ist ein reines Drone-Album geworden – sehr ruhig und luftig. Wie der Titel schon andeutet dreht sich diesmal alles um die Themen Tee, Meer und Tschuang-Tse. Vielleicht sprechen wir uns dann wieder… ansonsten liebe Grüße !
Autor: Eniz












