Am 23.03.2005 haben wir die Jungs von [:SITD:] im Rahmen ihrer „Coded Message: 12“-Tour in Heidelberg getroffen. Carsten und Thomas standen mir 45 Minuten lang Rede und Antwort – und hier könnt ihr nun alles Wissenswerte über das neue Album nachlesen.
Eva: In eurer Discographie steht, dass ihr unter dem Namen Shadows in the Dark ein paar Samplerbeiträge hattet. Wie wurde aus Shadows in the Dark [:SITD:]?
Carsten: Wir haben 1996 angefangen Musik zu machen, damals mit einem Schulkollegen, und es war ein reines Hobby. Wir haben einfach ein paar Sachen gemacht, die wir zuerst im Eigenvertrieb auf kleineren Konzerten im Jugendheim und dann über Zeitschriften die es damals gab vertrieben haben. Uns ist dann aufgefallen, dass die Resonanz aufgrund des Bandnamens, gerade bei Zeitschriften, nicht so gut war. Die Leute dachten, dass „Shadows in the dark“ eine Gothic-Band ist und sie haben den Namen eher mit der Musikrichtung von Sisters of Mercy usw. assoziiert. Wir sind dann auf die Idee gekommen unsere elektronische Ausrichtung mit der Abkürzung SITD, den Klammern und Punkten auch optisch darzustellen. Und so kam es dann zur Umbenennung des Bandnamens.
Eva: „Coded Message: 12“ scheint wie ein Duplikat von „Stronghold“. Wo liegt der Unterschied zwischen den beiden bzw. was habt ihr bewusst anders gemacht?
Carsten: Ich denke, man muss wirklich bewusst sehen, dass „Coded Message: 12“ unser zweites Album ist. Es gibt viele Bands, die sich über mehrere Alben hinweg weiterentwickelt haben. Wir sind sehr froh, dass die Entwicklung in der Vergangenheit so gewesen ist, dass die Songs in den Clubs laufen. Viele Leute vergessen wirklich, dass „Stronghold“ das erste Album war. Wir haben auf „Stronghold“ unseren Stil definiert, den wir konsequent auf „Coded Message: 12“ weitergeführt haben. Wir haben sehr viel neue Elemente, wie z.B. bei „Wegweiser“, wo wir technoide Elemente in die Musik übernommen haben. Wir haben uns diesmal sehr viel Mühe im Produktionsprozess gegeben, um eine Dichte bei den Sounds herzustellen und haben sehr viel Wert auf die Produktion gelegt. In erster Linie ist die Weiterentwicklung sicher im produktionstechnischen Sinne zu sehen, aber, wie gesagt, es ist wichtig zu sehen, dass es erst unser zweites Album ist. Es macht sicher keinen Sinn, alles über den Haufen zu werfen, was wir bei „Stronghold“ gemacht haben.
Thomas: Manchmal werden wir in Zeitschriften oder Online-Magazinen dargestellt, als ob wir schon seit 10 Jahren im Geschäft wären, jetzt das sechste oder siebte Album auf dem Markt haben und uns immer selber kopieren würden. Das ist totaler Quatsch. Man kann und man darf nur zwei Alben vergleichen, das heißt „Stronghold“ und „Coded Message: 12“. Nenn mir eine Band, die beim zweiten Album vom ersten abwandert. Da findest du eine Handvoll. Das haben Covenant nicht gemacht, VNV Nation nicht gemacht oder wie auch immer. Ich glaube z.B. bei Depeche Mode hast du erst einen Fortschritt ab den 90ern gesehen. Ich glaube, wir haben es geschafft, eine der wenigen Bands zu sein, die noch einen gewissen Stil kreiert haben: EBM-mässige Tracks, Rhythmen mit synthiepopartigen Melodien zu verbinden, keine Ahnung, ich kann es selbst nicht beschreiben. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die „Coded Message: 12“ eine Kopie der „Stronghold“ ist. Da wehre ich mich vehement gegen. Die Gründe, die Carsten gerade aufgezählt hat, sind maßgeblich dafür. Es ist doch klar, dass wenn wir den dritten Schritt vor dem zweiten getan hätten, wenn wir gesagt hätten, wir gehen von der Stilistik von „Laughingstock“ weg, dann hätten wir viele Fans und SITD-Hörer vor den Kopf gestoßen. Ich gebe dir bedingt recht indem du sagst, dass es von der Stilistik her sicher eine Ähnlichkeit zur „Stronghold“ gibt, aber nicht, dass wir gesagt haben, wir kopieren einfach nur die „Stronghold“. Never!
Carsten: Wir haben unseren Stil definiert und versucht, ihn fortzuführen.
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Eva: Habt ihr unter starkem Druck für das neue Album gestanden, nachdem „Stronghold“ so ein Erfolg war?
Carsten: Das ist eine Frage, die uns sehr häufig gestellt wird. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, dass nach der „Snuff-EP“ alle Leute die nächsten Hits erwartet haben. Mit diesem Erfolgsdruck waren wir nach „Snuff Machinery“, eigentlich schon nach der ersten Auskopplung, die auf der Septic 2 erschienen ist, belastet. Im Prinzip waren wir sogar schon mit der „Snuff-Ep“ unter Druck. Wir haben das gemacht, wonach uns innerlich ist.
Thomas: Wir waren schon allein deswegen unter Druck weil wir wussten, dass unsere anderen Stücke, die wir irgendwann mal rausbringen, die auf irgendeinem kommenden Album sein werden, nicht alle im Stil von „Snuff Machinery“ sind. Als „Snuff Machinery“ auf der Septic veröffentlicht wurde, hatten wir noch nicht mal einen Plattenvertrag für ein Album. Wir wussten aber schon, bevor wir überhaupt einen Vertrag unterschrieben haben, dass die Lieder eben nicht alle in diesem Stil sein werden. Und das was mit „Snuff Machinery“ damals passiert ist hat uns einfach total schockiert, weil..
Carsten: Im positiven Sinne.
Thomas: Natürlich auch im positiven Sinne. Aber natürlich hat eben das den größten Druck ausgelöst, weil wir nicht wussten, wie „Stronghold“ angenommen wird. Denn für uns war klar, dass auf dem Album popigere Stücke drauf sein werden, wie „Venom“ oder „Hurt“,instrumentale Stücke wie „Stronghold“ selbst und industrialmäßige Stücke wie „2nd Death“. Wir haben uns aber auch nicht beirren lassen und sind unseren Weg gegangen. Wir dachten, entweder fressen die Leute das oder sie fressen es nicht. Für uns war von vorne herein klar, wir sind nicht „Snuff Machinery“, auch wenn uns manche bis heute irgendwie damit abstempeln wollen. Das sind wir nicht. Aber das haben wir auch mehrmals bewiesen, mit z.B. Remixen oder Singleveröffentlichungen. Deswegen war damals der Druck sicherlich da, aber als wir gemerkt haben, dass „Stronghold“, das Album, sehr gut angenommen wurde, haben wir gewusst, wir haben irgendwas richtig gemacht. Dass die Leute hohe Erwartungen an uns haben ist klar. Hätten die Leute keine hohe Erwartungshaltung bei dem zweiten Album, dann wäre automatisch was falsch gelaufen.
Carsten: Eine Erwartungshaltung muss man sich erstmal erarbeiten. Wenn die Leute zufrieden waren mit dem, was man in der Vergangenheit gemacht hat, dann ist überhaupt erstmal eine Erwartungshaltung da.
Thomas: Wäre keine Erwartungshaltung da, dann wäre man nicht im Gespräch. Daher war das Album nicht wirklich Druck, sondern der Erfolg von „Stronghold“ hat uns viel mehr motiviert, an das Album ranzugehen. Der Druck war nach „Snuff Machinery“ da. Auf jeden Fall. Weil wir einfach nicht wussten, wie kommt der Rest an. Es wäre so einfach für uns gewesen, noch zehn andere Songs wie „Snuff“ zu machen, kein Thema.
Eva: Aber das wärt dann nicht ihr gewesen, nicht das, was ihr machen wollt.
Carsten: Genau. Wir haben eben ein viel weiteres Spektrum als „Snuff Machinery“. Wir waren nach „Snuff Machinery“ echt froh, dass die Leute auch das ganze Spektrum angenommen haben.
Es ist so wie bei Suicide Commando mit „See you in hell“, wie bei Front 242 mit „Tragedy for you“, wie bei Skinny Puppy mit „Assimilate“. Es gibt immer ein Hit und es ist schön, dass ein Hit Identifikation mit den Leuten schafft und natürlich verbinden die Leute in erster Linie diesen Titel mit [:SITD:], aber ich denke, dass sich im Endeffekt Tür und Tor für uns geöffnet hat.
Eva: Weshalb wurde „Richtfest“ als Single veröffentlicht? Warum habt ihr euch gerade für dieses Stück entschieden?
Carsten: Das war unheimlich schwierig. Bei „Richtfest“ hat sicherlich eine Rolle gespielt, dass es sehr gut in den Kontext der anderen Songs ,die auf der EP sind, reingepasst hat. Es hat sehr gut zu „Decoy“ gepasst, es hat sehr gut zu „Asphyxiation“ gepasst und die Songs haben alle etwas Morbides. Wir haben relativ früh die Cover-Gestaltung vom USER.DX, der die ganzen Covers von [:SITD:] gemacht hat, bekommen. Wir hatten mehrere Songs, die potentiell für eine Single ok gewesen wären, aber „Richtfest“ spiegelt einerseits die typischen [:SITD:] Elemente wieder, rein musikalisch. Andererseits ist es was Neues, weil es, seitdem wir einen Plattenvertrag haben, der erste Song ist, den wir in deutscher Sprache gemacht haben. Wie gesagt, „Richtfest“ hat in den Kontext der anderen Stücken perfekt rein gepasst.
Eva: „Richtfest“ repräsentiert euer Album sozusagen am besten?
Carsten: Genau. Darüber hinaus ist es sicherlich ein sehr guter Einblick, wie „Coded Message 12“ denkt. Auf jeden Fall.
Thomas: Er repräsentiert aber auch nicht alle anderen 11 Songs. Da geh ich gern von „Stronghold“ aus. Wie du gerade sagtest, die „Coded Message 12“ klingt vom Aufbau her ähnlich. Man kann aber auch genauso sagen, dass die CD so abwechslungsreich ist wie „Stronghold“. Wir haben jetzt einen Song wie „Richtfest“ drauf, aber er ist nicht der Repräsentant des Albums, nicht absolut. Es gibt genug Songs auf der „Coded Message 12“, die in eine völlig andere Richtung gehen wie „Richtfest“, aber trotzdem auf dem Album homogen zueinander passen. „Richtfest“ war eigentlich ein Song, den wir sehr spät ausgewählt haben. Es standen zuerst drei, vier andere Songs zur Auswahl und „Richtfest“ kam als letzter Song hinzu. Dass der Song auch noch deutsch ist, ist mehr oder weniger auch Zufall gewesen.
Eva: Eine Textzeile in „Richtfest“ lautet: „Dieser Ort ist gewidmet, um ein Richtfest zu begehen.“ Was meint ihr mit „gewidmet“? Dafür geeignet?
Carsten: Es ist so, dass der Song mehrere Perspektivwechsel hat. Also „Richtfest“ ist einmal im etwas zynischen Sinne als Neologismus zu sehen, als neue Wortschöpfung. „Richtfest“ bedeutet ja im eigentlichen Sinne, dass man eine Feier für ein neues Haus abhält. Wir haben das Wort so benutzt: „richten“ gleich „töten“ und „Fest“ im Rahmen eines feierlichen Sinnes, weil Serientäter häufig ihre Taten zelebrieren und feiern. Und in diesem Sinne haben wir den Titel verwendet. Von den 4 Strophen im Text sind 3 wertend und eine ist aus der Sicht des Täters. Und eben das „dieser Ort ist gewidmet um ein Richtfest zu begehen“ ist aus der Täterperspektive gewählt. Dieser Ort wurde hergerichtet, um die Tat zu begehen. Wir hatten uns vorher mit Biographien von Serientätern beschäftigt, Jack Unterweger und Fritz Hamann und solche Sachen. Dann kam jüngst der Fall von Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rothenburg, der jemanden zu sich eingeladen hat, der sich unter seinem Einverständnis hat schlachten lassen. Und diese Textzeile soll eben diese Feierlichkeit zum Ausdruck bringen. Aber eben auch in Verbindung mit den 3 anderen Strophen, die das auch wieder kritisieren.
Thomas: Man darf nicht vergessen, dass wir mit Liedern wie z.b. „Laughingstock“, „Lebensborn“ oder „Snuff Machinery“ nicht nur schocken wollen, das nicht. Wenn man einfach mal tiefer in die Materie greift und sich das vor Augen hält dann merkt man, dass wir Taten und Sachen, die halt passieren, anprangern. Genauso wie bei „Richtfest“. Da geht es nicht nur um irgendwelche Serientäter, sondern eben auch um dieses zweite Gesicht der Täter. Diese Täter wohnen häufig bei Nachbar Müller und gehen ganz normal ihre Brötchen holen. Aber nachts um zwölf schlachten sie dann in ihrem Keller kleine Kinder. Das ist doof ausgedrückt, aber ihr wisst, was ich mein.
Carsten: Einen schönen neuen Fall haben wir jetzt, den haben wir in „Richtfest“ gar nicht aufgenommen, das ist der Fall mit der kleinen Levke und dem Serientäter in Bremen. Der Typ hatte Familie gehabt, hat mit seinen Kindern als Familienvater zusammen gewohnt und nach Feierabend ist er losgefahren und hat kleine Kinder vergewaltigt und entführt. Und wir wollten damit einfach zum Ausdruck bringen, dass hinter der Fassade noch ein zweites Gesicht ist. Und gerade im Bezug auf die Szene ist es so, dass die Szene verteufelt wird, weil die Leute anders gekleidet sind und einen anderen Lebensstil haben. Aber gerade in diesem normalen bürgerlichen Leben hinter der spießigen Fassade lauern viele andere Dinge und genau das ist der Punkt, wo „Richtfest“ ansetzt.
Thomas: Wenn man sich mal Dokumente und Hintergründe anschaut, dann sieht man oft, dass versucht wird, irgendwelche Leute aus der Nachbarschaft des Täters zu interviewen. Die werden gefragt: „Wie war dieser Mensch denn?“. Diese Leute können dir eigentlich gar keine Antwort geben, die sind sprachlos, die sind platt vor Staunen. Und das ist das zweite Gesicht. Denn das zweite Gesicht sieht häufig nur das Opfer und nicht die Leute, die mit dem Täter Tür an Tür wohnen. Und genau das ist eben auf diese Textzeile gemünzt.
Eva: Welche Quellen benutzt ihr für eure Samples?
Thomas: Kommt drauf an. Wir verwenden Filme, aber auch Dokumentationen, die man auf RTL, Pro 7 oder wo auch immer sieht. Auf der „Stronghold“ waren es überwiegend Filme. Bei „Coded Message 12“ war es teils – teils. Wir haben viele Dokumentationen verwendet wie z.b. bei „Plastinaton City“, wo es um diesen von Hagen ging. Bei z.B. „Richtfest“ waren es Filme, also gemischt. Wir benutzen auch viel aus dem Internet, um Themen zu hinterfragen. Aber wenn es um Samples geht, dann entweder Dokumentationen oder Filme.
Eva: Werdet ihr eine weitere Single aus „Coded Message 12“ veröffentlichen?
Thomas: Da sind wir gerade dabei zu verhandeln, das heißt, wir wollen in diesem Jahr auf jeden Fall noch etwas veröffentlichen, wir wissen aber noch nicht was. Wir können jetzt schon mal sagen, wenn eine Veröffentlichung stattfindet, dann im Herbst. Das Album kommt Anfang April raus, ob dann eine Singelauskopplung im Herbst Sinn macht wissen wir nicht. Aber wir bemühen uns eine EP mit ein, zwei neuen Tracks zu veröffentlichen. Zum Beispiel so was wie ein Nachfolger von „Coded Message“, als Abschluss für dieses Jahr. Wir bemühen uns auf jeden Fall, in diesem Jahr noch was rauszubringen. In welcher Form wissen wir noch nicht.
Eva: Euer Album heißt „Coded Message 12“. Was hat die Zahl 12 zu bedeuten?
Carsten: Als wir uns mit dem Albumtitel beschäftigt haben, haben wir uns unheimlich mit der Numerologie beschäftigt. Im Christentum steht die Zahl 12 für Geschlossenheit, Einheit und Vollkommenheit, während im alten Babylon die 12 die Zahl des Gottes Nergal ist. Nergal steht für Unterwelt, für Seuchen, für Kriege. Es sehr interessant, die Themen auf diese Thematik zu fokussieren, weil wir jetzt gerade wieder Konflikte haben: Westliche Welt – Islam. Da macht dieser Titel irgendwie Sinn. „Coded Message“ bedeutet, dass jeder einzelne der 12 Titel auf dem Album eine Botschaft hat, die sich mehr oder weniger mit der Frage nach Vollkommenheit beschäftigt. Was macht für dich das Leben vollkommen, was wäre ein vollkommenes Leben im globalen Sinne, für uns alle. Zum Beispiel, dass wir ein verträgliches Leben zwischen den Kulturen hätten. Und mehr oder weniger mit dieser Frage beschäftigt sich jeder Song auf dem Album.
Thomas: Die Zahl 12 bringt so viele Themen mit sich, dass die Zahl alleine schon eine Botschaft ist, aber eine codierte. Viele wissen das nicht. Die 12 ist eigentlich schon eine codierte Botschaft und diese wird in den 12 Titeln auf dem Album entschlüsselt. Das ist das Geheimnis der „Coded Message 12“.
Eva: Wäre das jüngste Schulmassaker wieder etwas, was ihr erneut verarbeiten würdet?
Thomas: Nein, weil wir es auf der „Stronghold“ schon verarbeitet haben.
Carsten: Es ist so gewesen, dass wir bei „Laughingstock“ gleichzeitig die Thematik vom Columbine-Highschoolmassaker und dem Massaker in Erfurt verarbeitet haben und allgemein diese ganze Thematik hinterfragt haben. Das Jugendliche eben allein gelassen werden und dass man vielleicht solche Sachen vorher verhindern kann, indem man mal nachfragt warum isoliert sich jemand, warum steht jemand außerhalb der Gruppe und so weiter und so fort. Leider Gottes wird es dieses Thema nicht nur jetzt an dieser Red Lake Highschool geben, sondern in den nächsten 10 Jahren noch an mehreren Schulen. Es ändert sich leider überhaupt nichts daran.
Thomas: So ein Thema wird auf diese grausame Art und Weise immer aktuell bleiben.
Carsten: In Deutschland waren wir soweit, dass spruchreif war, dass man Waffengesetze vielleicht verändern möchte. Das war dann aber auch, nachdem die Bildzeitung auf dieses Thema angesprungen ist. Nach 3 Monaten war es dann wieder vergessen. Es hat sich de facto seit dem Massaker an dem Erfurter Gymnasium nichts geändert, die Situation ist gleich. Mehr für die Jugendlichen wird auch nicht getan. Es passiert nichts und wir haben eigentlich unser Ziel erreicht, indem wir das Thema angesprochen und kritisiert haben. Wir können immer nur auf die Wunde hinweisen, aber es macht keinen Sinn, zum zweiten Mal in die Wunde hinein zu tippen.
Thomas: Wir sind froh, dass der Täter beim jüngsten Massaker kein [:SITD:]Fan war. Marilyn Manson hatte ja das Problem bei der Columbine-Tat. Damals hieß es, die Schüler wären große Marilyn Manson Fans gewesen. Manson hatte ja schon vor Columbine angefangen, solche Taten anzuprangern. Genau das kapieren die Leute einfach nicht. Er hat es nicht verherrlicht, er hat es angeprangert. Das ist genauso wie bei uns. Solche Dinge wie „Lebensborn“, „Laughingstock“ oder „Snuff“ verherrlichen wir verdammt nochmal nicht. Wir weisen auf das hin, was in den Medien häufig totgeschwiegen wird.
Carsten: Und so schlimm wie es ist Jeff Waise, der jetzt an der Red Lake High School das Massaker begangen hat, war auch wieder ein Manson Fan und die ganze Presse wird sich jetzt auf Manson stürzen. Es ist natürlich völlig trivial und sinnlos einen Rockstar für die gesellschaftlichen Probleme innerhalb eines Systems verantwortlich zu machen. Wir wollen einfach nur die Probleme innerhalb dieses Systems anprangern und das haben wir mit dem Erfurt Massaker und mit dem Columbine Massaker gemacht. Es würde für uns keinen Sinn machen, nochmal einen Song darüber zu schreiben.
Eva: Was inspiriert euch?
Carsten: Mit Sicherheit die morbiden Seiten des Lebens, denn wenn etwas positiv im Leben läuft, braucht man keine Verarbeitung.
Thomas: Dann könnten wir Schlager machen. Carsten sagt immer, dann können wir über hohe Berge, die Sonne und Täler singen.
Carsten: Uns inspirieren Dinge, die uns sprachlos machen, die uns bewegen. Das mögen mediale Themen sein, wie z.B. die „Laughingstock-Geschichte“, aber auch geschichtliche Dinge wie bei „Lebensborn“. Das können aber auch private Dinge sein wie bei Songs wie „Hurt“, wo es um sexuellen Missbrauch geht. Oder aber auch Songs, wo es um enttäuschte Liebe geht wie bei „Brand of kain“. Es sind immer Dinge, die uns persönlich bewegen und die versuchen wir in den Songs zu verarbeiten.
Eva: Habt ihr auch persönliche Erlebnisse verarbeitet?
Thomas: Natürlich, klar. Es sind ja nicht nur Themen aus den Medien die uns inspirieren. Zum Beispiel Songs über enttäuschte Liebe sind schon ein wenig autobiographisch. Es ist nicht offensichtlich autobiographisch, sondern so dass sich auch Leute wie Du und ich damit identifizieren können. Und das ist ein Punkt, über den ich mich manchmal ärgere: Häufig haben Texte, nicht nur in unserer Szene, nicht wirklich Tiefgang. Wenn man sich mal wirklich mit den Texten befasst, dann weiß man vielleicht danach auch, was die Band aussagen will. Für uns ist immer noch wichtig, dass das Produkt [:SITD:] etwas aussagen will, das etwas dahinter steht. Wir können die Welt nicht retten, aber wir können uns mitteilen. Das wird, glaube ich, in der heutigen Szene verkannt.
Carsten: Wir haben noch nie einen Song veröffentlicht, der einfach nur irgendwelche Klischees bedient hat, sondern jeder einzelne Song bedeutet uns was. Wir können zu jedem Song eine Hintergrundgeschichte erzählen. Wir bekommen oft den Vorwurf zu hören, dass wir reißerische Songs machen würden. Das ist nicht der Fall. Entweder bewegt uns das mediale Ereignis oder uns bewegt das persönliche Ereignis.
Eva: Wie geht ihr mit eurem Erfolg um?
Carsten: Gut.
Eva: Kann man morgens noch zum Bäcker gehen, ohne von Groupies überrannt zu werden?
Carsten: Ja natürlich.
Thomas: Das ist auch so eine Frage die, glaube ich, in der Szene unterschätzt wird. Ich glaube in keiner anderen „Szene“ kannst du so unbehelligt durch die Gegend laufen. Selbst Ronan Harris von VNV Nation kann an der Ecke sein Bierchen trinken. Wir waren häufig mit ihm aus, auf Parties, und wir konnten in Ruhe unsere Party genießen. Was nicht heißen soll, dass wir nicht angesprochen werden. Natürlich wird man mal angesprochen wenn man sich z.B. eine Zeitung kauft, ganz klar, und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht gut tut oder dass es mich nicht freut. Ganz im Gegenteil. Jeder lässt sich gern auf die Schulter klopfen. Genauso gerne stellen wir uns auch Kritik. Es kommen auch Leute auf uns zu und sagen, was ihr macht finden wir nicht so toll. Aber ich glaube in der Szene kannst du unbehelligt durch die Gegend gehen und ganz locker dein Leben leben, wie du es auch vorher getan hast.
Eva: Eine Frage zu eurer Tour hab ich noch. Wie war euer Tourauftakt in Hechingen im WOM?
Carsten: Hechingen hat großen Spaß gemacht. Es waren sehr, sehr viele Leute da. Darüber hinaus muss man sagen, dass wir unser erstes Konzert gerne etwas lauter und krasser gestaltet hätten, als es letztlich der Fall war. Es gab von vorne herein ein paar Probleme mit dem Equipment.
Thomas: Es gab ein paar technische Probleme, die aber bewältigt wurden. Im Großen und Ganzen war es ein guter Tourauftakt. Die Leute waren, glaube ich, zufrieden. Es waren so um die 500 bis 600 Leute.
Eva: Das war es dann auch. Ich danke euch.
Carsten: Wir danken.
Thomas: Wir danken auch.












