Anlässlisch der Kölner Bunkernacht am 27.November möchten wir von mindbreed.de euch die 3 Festivalacts näher vorstellen und haben ein dreifach-simultan-Interview mit allen dreien gemacht.

Francois: Wie seid ihr überhaupt zum Musikmachen gekommen?

Xotox: Vorrangig aus Spass an der Musik, und außerdem hat man ja so seine persönlichen Vorlieben und Einflüsse, die man irgendwann verwicklichen wollte.

Mono no Aware: Zur Musik oder dem eigenen Musizieren bin ich nicht durch einen einmaligen besonderen Anlass gekommen. Es hat sich eher dahin entwickelt. Oder anders gesagt, es musste wohl so kommen.

Nin Kuji: Ausdrucksformen im Allgemeinen haben mich schon immer interessiert.

Sowohl Geschriebenes als auch Foto- und sonstige visuelle Gestaltung. Besonderer Augenmerk lag aber auch schon länger auf inhaltsstarker, emotionaler und/oder innovativer Musik. Dabei bin ich als Hörer von Country über Rock/Metal, dann Independent, Wave und Gothic zu typischem schwarzem Club-Electro gekommen. Der hat aber recht schnell (und in letzter Zeit verstärkt) massiv an Faszination verloren. Nur einige wenige Interpreten sind mir als wirklich interessant geblieben. Um die Frage konkreter zu beantworten:

Meiner Meinung nach ist Musik meistens (nicht immer!) erheblich emotionaler als visuelle Kunst, weshalb ich auch schon länger den Wunsch hatte, mich selbst in diesem Bereich auszudrücken. Aber da ich absolut kein musikalisches Hintergrundwissen habe (keine Instrument erlernt o.ä.) hat mich erst die Entdeckung des Rythm`n´Noise/Industrial/Electro-Genres ermutigt, das Ganze selbst zu versuchen. Ende 2001 habe ich dann erste (heute amüsante) Gehversuche mit Audio-Software gemacht.

Und das beständige Interesse hat dann irgendwann auch erste Hardware-Anschaffungen und Erfolge im kleinen Kreis nach sich gezogen.

Francois: Wie kamt ihr zum Industrial, der ja eine außergewöhnlich extreme klangästethische Position einnimmt ? Welche Einflüsse spielten für euch eine große Rolle?

Xotox: Ich hatte schon immer eine Vorliebe zu härteren elektronischen Klängen und so ergab sich das zwangsläufig. Eine große Rolle spielten dabei Bands wie Front 242, The Klinik, Dive, Monolith, Sonar…

Mono no Aware: Ich selbst würde meine Musik nie als Industrial bezeichnen. Mit der Bezeichnung Industrial verbindet sich für mich eine bestimmter Themenkomplex, der für meine Musik keine Rolle spielt. Es ist für mich auch nicht besonders extrem, kann mir aber schon vorstellen, dass es viele so empfinden. Da ich zu Beginn niemanden kannte, der ähnliche Musik machte, hatte ich keine direkten Einflüsse. Esplendor Geometrico, Imminent Starvation, Winterkälte usw. hörte ich erst einige Zeit später. Wenn ich Musik mache, höre ich keine anderen Sachen, ich will eine bestimmte Idee realisieren, da würde andere Musik eher ablenken.

Nin Kuji: Mit Industrial/Rythm`n´Noise habe ich angefangen, weil das Genre mir zum einen gefällt und zum anderen meine Unfähigkeit gut vertuscht hat. Mehr Erfahrung hat dann auch ein breiteres Spektrum zugelassen, also trancigere, flächigere Electro-Tracks, Dark Ambient und Anleihen vom Trip Hop.
Ich hoffe, das Spektrum zunächst mal noch beliebig vergrößern zu können. Das bedeutet zwar, dass Hörer, denen mein jetziges Material gefällt, irgendwann mal abspringen könnten, aber wer versucht, den Kern meiner Musik -nämlich den persönlichen Inhalt – zu erkennen, wird diesen sicher auch in Zukunft wiederfinden, unabhängig
davon, ob ich dann immer noch plakativen Clubelectro oder vielleicht Country (um jetzt mal was ganz Entferntes zu nennen) mache.

Industrial/Electro ist also nur ein aktueller Träger für meine Inhalte, ich fühle mich aber nicht daran gebunden – zumal ich selbst zu viele verschiedene musikalische Interessen habe.

Meine Favoriten im Electro-Bereich sind Velvet Acid Christ (was man teilweise auch hört und deshalb als Einfluss verstehen kann), Haus Arafna, Atari Teenage Riot, ORPHX und diverse andere Rythm`n´Noise- und Dark Ambient-Interpreten.

Darüber hinaus höre ich persönlich Sopor Aeternus (lieber ältere Werke), Onkelz, Johnny Cash, The Doors,
Manu Chao… Ich habe wenig Grenzen. Die beginnen meistens erst bei emotionsloser, Popcharts-orientierter Plastikmusik oder bei dem, was man heute (!) unter RnB versteht.

Francois: Wie würdet ihr eure Musik näher definieren?

Xotox: Cyberindustrial for hyperactive people!

Mono no Aware: Keine Ahnung, ob es eine Definition für meine Musik gibt, möchte dem Hörer auch jetzt nicht das eigene Urteil abnehmen. Vielleicht Musik für Körper und Geist, je nach Situation. Mir gibt es jedenfalls so etwas wie innere Ruhe, Konzentration, Klarheit.

Nin Kuji: Je nach Lied reicht mein Spektrum von plakativem Schwarzdisko-Pop bis zum passenden Soundtrack, zu Hause den Kopf gegen die Wand zu schlagen und für neue Körperverzierungen zu sorgen. Und darum geht es auch auch oft:

Extreme Emotionen, Autoaggression, Vergangenheitsbewältigung und Erlebnisse, die über das irdische
Verständnis hinaus gehen. Alles hat jedenfalls einen persönlichen Bezug, ich verarbeite mich. Mehr genaue Definition wäre schwierig, weil ich mich nicht strikt an eine Richtung halte oder halten will.

Francois: Gibt es Nebenprojekte, die ihr betreibt?

Xotox: Nein

Mono no Aware: Es gibt neben Mono no Aware noch Norm, welches ich niemals als Nebenprojekt bezeichnen würde. Ich glaube, das wäre spätestens der Moment, an dem ich es auch besser lassen sollte. Bei Norm ist einfach der Anlass ein anderer. Das spiegelt sich dann auch meiner Meinung nach in der Musik wider. Norm erscheint ebenfalls bei Hands Productions.

Nin Kuji: Zur Zeit gibt es keine Nebenprojekte, eher mal ab und an gemeinsames „Musizieren“ mit Freunden und Bekannten. Ich möchte mein Hauptaugenmerk auch weiterhin auf Nin Kuji legen, weil ich mir dabei keine Grenzen gesetzt habe, also für ein anderes Genre nicht zwingend ein neues Projekt gründen muss. Das soll mir aber auch nicht die Zusammenarbeit mit anderen Personen verbieten.

Wenn gute Ergebnisse oder selbst nur ein guter (oder zerstreuender) Entstehungsprozess zustande kommen, bin ich da aufgeschlossen – allerdings muss ich auch dazu sagen (so überheblich das jetzt auch klingen mag), dass ich Leute nicht mag, die sich wie Schmarotzer an jemanden hängen, der mal drei CDs verkauft hat.

Freundlichkeit ist ein Fluch… aber man kann vorher nicht in jeden Menschen hineinsehen. Ich bin gerne alleine
und wichtige Entscheidungen bezüglich meiner (!) Musik möchte ich gerne selbst treffen.

Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich noch kein Interesse an einem Label habe (auch wenn dann das
Erscheinungsbild meiner Tonträger über CDR nicht hinauskommt – aber irgendwo muss man Prioritäten setzen).

Francois: Für wen habt ihr schon Remixe erstellt?

Xotox: Nin Kuji, Kiew, Ohmkill, Noisuf-x, Lights of Euphoria, Mindware (noch nicht fertig), Mechanical Moth (noch nicht fertig), Soman (noch nicht fertig).

Mono no Aware: Es gibt zwar öfter Anfragen für Remixe, aber erstens habe ich keine Zeit dafür und zweitens habe ich auch kein Interesse daran, ein Stück zu Remixen, dass ich nicht selbst erstellt habe. Allerdings gibt es ausder frühen Zeit von Mono no Aware ein bis zwei, die aber nicht zur Veröffentlichung geplant sind.

Nin Kuji: Bisher lediglich für D´Vation und Störfunk. Aber so etwas muss man auch nicht herbeizwingen. Wenn was kommt, kommt was; wenn nicht, stört´s sicher auch niemanden.

Francois: Umgekehrt: Wer hat euch schonmal geremixt?

Xotox: Ohmkill, Heimataerde, Jesus Complex, Mindware, Cycloon, Dj Joy, Absurd Minds.

Mono no Aware: Andererseits gibt es einige Remixe anderer Musiker: Iszoloscope, Config.Sys, Stainless 4571, Shizo, Pzycho Bitch, Nullvektor.

Nin Kuji: Da ich eine Remix-CD des letzen Albums „No Way Out“ geplant habe, haben mich in letzter Zeit einige interessante, teilweise auch bekannte Interpreten geremixt. Das ganze würde ich aber gerne erst
mit der fertigen CD in vollem Umfang präsentieren. Leider scheitert es bei dieser Remix-CD aber schon seit einigen Monaten an der Finanzierung, denn geplant war sie für Sommer/Herbst 2004.
Sobald ausreichend Geld da ist, wird das Teil aber in überschaubarer Auflage veröffentlicht.

Francois: Wie realisiert ihr live eure Musik?

Xotox: Live-Drummer (aber elektronisches Schlagzeug *ggg*), Synthesizer, Electronix, Video-animationen.

Mono no Aware: Das Livesetup ändert sich eigentlich jedes Mal. Ich möchte mich nicht immer wiederholen und die gleichen Stücke bringen.

Zusammengefasst möchte ich Mono no Aware als sehr emotionale und kraftvolle Musik auf der Bühne bezeichen.

Nin Kuji: Wenn ich für ein Album arbeite, möchte ich, dass man die Tracks auch zu Hause hören kann. Einige Tracks sind auch nur für den Heimgebrauch geeignet. Reine Club-Alben nützen doch jemandem, der nicht ständig in Clubs geht, wenig.

Bei einem Live-Konzert habe ich da andere Vorstellungen: Die Tracks sollen nicht wie auf der CD klingen (dann könnte man es ja auch zu Hause hören); es sollte ein paar nette Sachen geben, die nicht auf den gängigen Tonträgern zu finden sind, damit das Konzert auch für erfahrene Hörer was bietet; live brauch ich mich nicht zurückzuhalten.

Heimverträglichkeit ist fehl am Platz und deshalb gibt´s bei Konzerten auch wunderbar rohen „Voll-auf-die-Fresse“-Sound.

Die Konzerte werden – wie auch die Heimarbeit – alleine umgesetzt. Die Anzahl meiner Geräte (Sequenzer, Keyboard, Sampler, Mischpult) ist noch sehr überschaubar und ich muss mich mit niemandem absprechen.

Wenn ich live spiele verschwindet meine Umgebung. Ich sehe nichts mehr außer den Geräten vor mir. Kann die Aufregung sein, aber ist schon okay so, dann gibt´s weniger Ablenkung.

Von der Präsentation her bewege ich mich auf dem breiten Grad zwischen Show-Poser und simplem „Person-Instrument-Sound“-Image. Aber auch die posigen Dinge werde ich sorgfältig durchdenken. Halbnackte Vortänzer(-innen) gehören zumindest nicht zu meinem Showkonzept…

Francois: Die „schwarze Szene“ kämpft schon seit eh und je ums Überleben.

Finanziell haben Underground-Projekte es einfach schwer gegen den Mainstream anzukommen.

1. Wie sehr fühlt ihr euchder „schwarzen Szene“ angehörig?

2. Womit verdient ihr eure Brötchen? und

3. Wie beurteilt ihr die aktuelle Lage der Industrial-Musikszene, die generell ja noch weniger Aufmerksamkeit in Print und Medien bekommt als andere? Wie wird ihre Zukunft eurer Meinung nach aussehen?

Xotox: Fragt sich, ob man wirklich gegen den Mainstream ankommen möchte… Ich bin sehr zufrieden, denn man muss sich von Anfang an darüber im Klaren sein, dass man von der Musik nicht leben kann… Xotox geht es in erster Linie um den Spass und die Freude an der Musik!

1. Eigentlich fühlen wir uns der schwarzen Szene im Allgemeinen schon zugehörig…

2. „Normale“ Jobs…. Industriekaufmann und Energieanlagen-Elektroniker.

3. Dem Industrial wird in Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt, denn technoide Einflüsse in der Musik sind schwer angesagt im Moment… meiner Meinung nach… Wobei der Industrial an sich ja auch sehr viele verschiedene Stilrichtungen und musikalische Facetten beinhaltet… wir werden sehen…

Mono no Aware:

Zur Szene: Ich habe noch nie zu Haus gesessen und darüber nachgedacht, ob ich mich mit der Szene identifiziere oder nicht. Ich gehe in die Clubs, in denen ich sein möchte. Ich habe die Freunde, mit denen ich gern meine Zeit verbringe.

Brötchen: Momentan studiere ich am Tage. Und ansonsten lege ich in Clubs auf und beschäftige mich mit der Musik. Da kann ich schon mal sehr viel Zeit mit verbringen.

Industrial: Wie gesagt: ich habe keine besondere Beziehung zum Industrial (TG, SPK,WH z.B.). Mit dem Begriff Rhythm Noise kann ich für mich schon mehr anfangen. Der sagt mehr über den Sound aus und beschränkt mich inhaltlich weniger.

Die Aufmerksamkeit ist meiner Meinung nach schon angepasst: Es ist nun mal nicht der Mainstream. Ich erwarte gar keine Heavy Rotation im Videokanal. In den letzten Jahren war ich viel für die Musik unterwegs in Europa und Amerika. Habe viele Menschen getroffen. Das ist doch eine gute Sache.

Und wenn du die Lobby in der „schwarzen Presse“ ansprichst: Natürlich wird auch weiterhin mehr über die kommerziell besser verwertbaren Acts berichtet werden. Zumindest über das, was die Redaktionen für gut verwertbar halten.

Ich glaube, Musik wie ich sie mache verbreitet sich eher unabhängig von Zines. Wobei ich absolut nichts dagegen habe, wenn Leute darüber etwas schreiben möchten.

Zur Zukunft: Stell dir vor, es läuft ab wie es schon bei Punk, NDW und Techno war. Du weißt bestimmt, was ich meine.

Nin Kuji:

1. Vor ein paar Jahren konnte ich mich optisch und mental mit der sog. „schwarzen Szene“ identifizieren. Ich nahm halt an, ein tolerantes Umfeld gefunden zu haben. Heute denke ich, dass es da genauso viel (und teilweise noch mehr) Verlogenheit, brachial gesetzte Grenzen und „Regeln“, eingefahrene Köpfe, Geschäftemacherei, Drogen, Intoleranz und echte Idioten gibt wie in anderen Szenen. Im Industrialbereich
übrigens auch! Eingefahren wie „True“-Black-Metal… Ich pauschalisiere das wohl zu sehr, aber nette Menschen wie auch Idioten gibt es nicht nur in jeder Szene, sondern auch unabhängig davon.

Deshalb suche ich mein Umfeld auch Szeneunabhängige. Leider überwiegen in letzter Zeit in der „schwarzen Szene“ negative Begegnungen und Erfahrungen. Das kann sich ja jederzeit ändern. Ich seh auch nicht
gerade nach dem Vorzeige-Schwarzen aus, aber für mich zählt Persönlichkeit mehr. Deshalb sollte man mir auch jegliches Erscheinungsbild zugestehen.

2. Brötchen? Mein Kühlschrank wird von „Brot für die Welt“ beliefert. Ich mach mir regelmäßig Sorgen um die Miete…

Die Flaute im DTP-Bereich hat mich auch erwischt. Alles weitere behalte ich lieber für mich.

3. Ich finde es schade, dass man in gängigen Musikzeitschriften (also Printmedien) wenig über die Randgruppe in der Randgruppe (in der Randgruppe…) erfährt. Rythm`n´Noise, Industrial, Dark Ambient, Ritual etc. finden wenig Beachtung. Obwohl es bergeweise Releases und noch mehr Underground-Releases (z.B. DIY-Labels) gibt. Aber scheinbar ist hier der Hörerkreis nicht viel größer als der Interpretenkreis.

Im Internet gibt es da schon mehr Informationsquellen und Foren. Es ist aber auch eben nicht die richtige Musik, um sich bei der Schwiegermutter einzuschmeicheln. Und keiner, der mit Musik Geld verdienen will, würde Industrial machen, kaum ein Industrial-Act kommt über Home-Recording hinaus.

Mich stört das alles aber nicht so massiv. Wie viele Bands in ach so alternativen Musikzeitschriften interessieren mich denn wirklich? Ich will Industrial nicht elitär nennen! Ich freue mich eher über gute Empfehlungen aus dem
Freundeskreis oder über selbst gemachte Musik im Bekanntenkreis.

Nach der Future-Pop Welle zeichnete sich meiner Meinung nach in Clubs wieder ganz kurz ein Interesse an härteren Rhythmen ab, welches sich aber leider wieder auf Einheitsbrei-Electro verlagerte. Liegt aber wohl nicht an dieser oder jener Musik. Die richtige Mischung und ein mutiges und innovatives Set machen einen guten DJ aus.

Scheint bei der Masse aber nicht so gefragt zu sein… Noise und Noise-Musik fristet seit nun ca. 100 Jahren (oh ja!) ein Randgruppendasein. Und selbst die Anpassung und Fusion von Industrial und Techno, Rythm`n´Noise etc. in jüngerer Zeit fristet in Clubs ein bescheidenes Dasein – trotz massiven Tanzpotentials. Industrial ist zur Zeit primär Musik die von einigen (vergleichsweise) wenigen Leuten überwiegend zu Hause gehört wird. Auch Konzerte sind eher selten, reine Industrial/Noise-Clubs sterben immer sehr schnell. Industrial wird wohl auch in absehbarer Zeit nicht die Media-Control-Charts knacken.

Aber mal ehrlich: Wer will das schon? Der Umfang der Industrial-Szene reicht mir vollkommen aus.

Autor: Francois

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