Für junge und für unbekannte Bands ist es ein riskantes Unterfangen, eine Single zu veröffentlichen: die Kosten sind hoch und die Käuferzahlen aller Voraussicht nach gering. Denn wer holt sich schon eine Single einer Band, von der man noch nie zuvor etwas gehört hat? Bei Rupal Records haben sich jetzt gleich 4 Bands aus dem wunderschönen Osten unserer Republik zusammengetan, um gemeinsam 4 Singles auf eine CD zu packen. Das Ergebnis: Capture and Tension Vol1.

4 Singles zum Preis eines Albums, das klingt doch gar nichtmal so schlecht? Vom Preis mal abgesehen. Die Idee an sich ist jedenfalls klasse. Der neugierige Fan elektronischer Musik erhält so einen vergleichsweise unriskanten Einblick in das Portfolio des Labels und wenn eine der Singles nicht gefällt, dann vielleicht eine andere. Der Ansatz ist jedenfalls geschickt. Jede der vier Bands (davaNtage, Wynardtage, Animassacre und Acylum) hat 4 Spuren zum Album beigetragen. Außer Animassacre mit nur dreien. Dafür haben sich die Leute von Rupal Records direkt hingesetzt und mit Acylum noch einen Bonussong draufgepackt. Summa summarum sind das sage und schreibe 16 Songs auf der Platte.
Ebenfalls positiv fällt auf, dass sich die Leute bemüht haben, nicht nur einen Song vier mal in unterschiedlich langweilig durchgewürfelten Mixen auf die Singles zu packen, sondern durchaus auch B-Seiten oder andere Songs der respektiven Alben (10 von 15 Songs sind Originale). Auch die Ausstattung kann sich für eine Single sehen lassen. Mitgeliefert ist ein Booklet (farbig), in dem man nochmal zu jeder Band einige Bilder und einen kleinen Infotext auf englisch und Links zur jeweiligen Homepage und Myspace bekommt. Klasse!

Soundtechnisch haben die Bands alle eine gewisse Reife und Professionalität erreicht. Schiefe, wacklige und schwache Stimmen hat man nicht zu befürchten – im Zweifelsfall fällts nicht auf, weil meistens mit Stimmverzerrern gearbeitet wird. Gleich der Opener „Capture & Tension“ von davaNtage ist gut abgemischt und geht angenehm ins Ohr und die Gliedmaßen.

„Peace of Mind“ von Wynardtage macht mit weiblichem Gesang hellhörig, der mit seinen langen Harmonien gegen den Rhythmus kontrastiert. Die Stücke auf dem Singlekompendium zeigen auch ein wenig die klangliche Vielfalt der Truppe, die mal mehr in Richtung Flesh Field, mal mehr in Richtung Suicide Commando oder gar 80er Jahre Electronic Pop tendiert. Die Kopplung von guter Musik und einer Frau am Mikro macht die Band jedenfalls zum Tip der Sammlung.

Animassacre gehen mit ihren drei Songs härter ran. „Mecha Tremors“ und „The Great Collapse“ orientieren sich deutlich mehr am harten Elektro, ballern ordentlich dicht gewobene Synthlines und Drums vor sich hin, wirken technoid geprägt. Der Name der Band kommt dabei nicht von ungefähr, wie man nicht nur am Artwork und den Titeln merkt. Auch am Anfang von „The Great Collapse“ scheint ein Zitat aus der englischen Fassung des in Deutschland so beliebten Anime „Neon Genesis Evangelion“ eingebaut zu sein: „Anywhere can be paradise as long as you try to live. […]“. Noch härter sind Acylum, die den Techno gleich ganz rausschmeißen und Neu-Industrial nach Art der neunziger machen. Was ich damit meine, sind Songs mit starken Stimmverzerrern, eingearbeiteten Sprachsamples und wuchtigen Rhythmen. Kleiner Tip: Welche Band ist bei dem Label „Beton Kopf Media“? Vielleicht kann man im beinahe gleichnamigen Song eine Hommage sehen. Teilweise kommt noch etwas an Noise hinzu, was nicht unbedingt ein Gewinn ist („Breaking the Chains“). Empfehlenswert sind auf jeden Fall „Alone“ und der gelungen-krachige bereits erwähnte „Beton Kopf“.

Fazit: Gute Idee mit guter Substanz. Wer gerne über den Tellerrand schauen würde, sich aber nicht gleich blind irgendwelche Alben kaufen will, ist hier gut aufgehoben und findet eine gut gemachte Edelsingle mit 4 interessanten Bands und Infomaterial.

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