Die Insider frohlocken voll Vorfreude wenn der Szeneveteran Sean Brennan mit seiner Kultband London After Midnight zum nächsten Schlag in Form eines neuen Albums ausholt. Große Namen sorgen für große Erwartungen und das erst recht, wenn zwischen der letzten und der aktuellen Veröffentlichung 9 Jahre liegen. Aber oft werden solche Fortsetzungen den Erwartungen nicht gerecht. Ob London After Midnight mit der Veröffentlichung von „Violent Acts of Beauty“ am 26.10. wohl das selbe Schicksal ereilen wird?

OK, wer kennt noch London After Midnight? Kultband hin oder her, für viele wird die Band wohl mehr vom Lesen bekannt sein als vom Hören der Platten. Zumindest geht es mir so – Asche auf mein Haupt. Umso gespannter war ich allerdings darauf, endlich zu hören was hinter dem großen Namen steckt, den man doch irgendwie schon irgendwo mal gelesen oder gehört hat.

Wie also klingt London After Midnight?
Vom kommenden Album her zu urteilen vor allem sehr ausgewogen. Die Platte ist gut austariert und bietet in etwa 50/50 sowohl schnelle als auch langsame Stücke, die durchweg überzeugen und mitreißen können. Die Musik ist schwerpunktmäßig elektronisch, aber nicht technoid. In sie eingebettet sind immer wieder schön verzerrte, rockige Gitarrenklänge und einer der Punkte der mir an diesem Album mit am besten gefällt ist der Bass, der sich in einigen Stücken sehr angenehm nach vorne drängelt. „Violent Acts of Beauty“ ist aber keinesfalls ein Rockalbum.
Es gibt jede Menge eingängige Melodien zu bestaunen, die sich angenehm ins Ohr schlängeln, einige gute, aber nicht zu harte, Kracher, die das Album insgesamt nicht aus dem Takt bringen und die angenehme, vergleichsweise sanfte Stimme Sean Brennans, die Texte, die über dröge Klischees hinausgehen einsingt.

Kurzum: Es schmeichelt den Ohren vom ersten Song an.

Jetzt aber genug Honig um den Gehörgang geschmiert und mal Butter bei die Fische:
Obwohl das Album mit Songs wie „America´s a Fucking Disease“ und „Feeling Fascist?“ einige gute Krachnummern zu bieten hat, macht es insgesamt einen eher ruhigen Eindruck. Dafür dürften dann die zuvor erwähnten Melodien und die ruhigen Stücke wie z.b. „The Beginning of the End“ oder „Pure“ sorgen. Was aber nicht heißt, dass die Platte keinen Biss hätte. Dabei schafft es London After Midnight erstaunlich abwechslungsreich zu klingen. Es scheint ganz so, als hätte sich jemand viel Gedanken mit diesem Album gemacht und sich viel Zeit gelassen um eine gute Abfolge der Songs zu finden, denn am Fluss dieser CD ist kaum etwas auszusetzen. Die Stücke reihen sich perfekt aneinander an und nicht einmal die beiden enthaltenen Remixe „Nothing´s Sacred Edit Club Mix“ oder das „America´s a F***ing Disease (edit)“ stören diesen Fluss oder fallen aus dem Rahmen. Negativ anlasten könnte man dem Album in dieser Sache eigentlich nur, dass man beim Durchhören nicht mehr auf einzelne Lieder achtet weil man einfach alles am Stück hört. Zu den absoluten Höhepunkten von „Violent Acts of Beauty“ zählt für mich auf jeden Fall „America´s a Fucking Disease“. Als ich den Song zum ersten Mal hörte war ich erst einmal verblüfft – nochmal ein Blick auf den schicken Pressepappschuber… und es ist immer noch London After Midnight und nicht – so wie ich im ersten Moment dachte – der verloren gegangene Kick in Marilyn Mansons Musik. Ich frage mich ob Manson sich seine Elektronik von London After Midnight abgeschaut hat? Oder umgekehrt? Eigentlich eher unwahrscheinlich, dass ein London After Midnight es nötig hätte Marilyn Manson die gute Musik vom Brot zu stibitzen und den armen Mann dann mit einer handvoll Kuschelschockrock zurückzulassen. Zum geradezu mansontypischen Bassspiel gesellt sich bald ein umso mehr nach Manson klingender schrober Elektro-Effekt und bald auch schon überraschenderweise eine Querflöte bevor die Gitarren dem Refrain seinen Kick geben. „Feeling Fascist?“ fängt meine Aufmerksamkeit durch ein Sample aus Clockwork Orange, unterlegt mit Marschgestampfe, ein bevor ich mich über den herrlich stampfenden Rhythmus freuen kann. Auf der anderen Seite überzeugen aber auch die ruhigen Stücke. „Heaven Now“ ist ein Song wie aus dem Bilderbuch und erspielt sich mit einem Klavier seinen ganz besonderen Charme. Das Stück fängt leise an und baut sich zum Ende hin immer mehr auf – wie auch einige der Rocknummern übrigens. Auch „Pure“ ist ein perfektes Beispiel für einen gelungenen ruhigen Song, während „Love you to Death“ vor allem mit Atmosphärik punkten kann. Nach „Pure“ allerdings wird die Platte meiner Meinung nach etwas schwächer. Die Songs sind zwar immer noch gut, aber richtige Highlights nach Art eines „Heaven Now“ oder starke Nummern, die aus dem Rest herausragen wie „America´s a Fucking Disease“ fehlen hier.

Auch wenn ich das neue Album nicht an den alten messen kann, so hat London After Midnight mit „Violent Acts of Beauty“ ein sehr solides und sehr gut ausbalanciertes Album abgeliefert, das trotz aller Einheitlichkeit im Sound auch eine Menge Abwechslung durch ungewöhnliche Instrumente und eine gut gewählte Songreihenfolge zu bieten hat. Wer die Band, wie ich, bisher noch nicht gehört hatte, sollte das unbedingt nachholen und kann mit dieser CD gut einsteigen. Damit richte ich mich auch vor allem an die Mansonfans da draußen.

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