Am 07. Mai ist es endlich soweit! Das neue Elend-Album „A world in their screams“ erscheint und wir damit beworben, das bisher extremste Werk der österreichisch-französischen Ausnahmemusiker zu sein. Lauschen wir dem mal…

Abriss zur Bandgeschichte
Die Band wurde im Jahr 1993 von den Komponisten und Multiinstrumentalisten Iskandar Hasnawi (Frankreich) and Renaud Tschirner (Österreich) gegründet, unterstützt von Sébastien Roland in seiner Funktion als Keyboardspieler und –programmierer. Im Laufe der Zeit scharrten Elend viele Musiker um sich: Violinist David Kempf (seit 2000), Sopransängerinnen Eve-Gabrielle Siskind (1994-1995), Nathalie Barbary (1995-2003), Esteri Rémond (seit 2003) and Laura Angelmayer (seit 2005).
Mit Ihrer sehr finsteren, überaus gewaltigen und noch nie dagewesenen drei CDs umfassenden Triologie der Finternis spielten sie sich in eine Marktlücke und füllten diese umfassend aus. Nach fünf Jahren Arbeit widmeten sich die Musiker vorübergehend anderen Musikprojekten.
Mit „Winds devouring men“ ließen Elend im Jahr 2003 wieder von sich hören. Dieses Album war der Startschuss zu einem neuen Albenzyklus, dem „Winds-Zyklus“. Auf diesem Album ging es wesentlich sanfter zur Sache, sowohl rein musikalisch, als auch inhaltlich gesehen. Einflüsse verschiedenster Art konnten durchaus vermuten lassen, dass eine andere Richtung eingeschlagen wird.
Experimentell ging es auch im Jahr 2004 mit „Sunwar the dead“, dem fünften Album und zweiten Teil des neuen Zyklus, weiter. Doch die Elend in ihren Grundfesten anhaftende Finsternis und dessen Ausdruck in ihrer Musik war zurück.
An „A world in their screams“ feilten Elend weitere zwei Jahre. Erste Versionen des Albums waren bereits zu Zeiten von „Sunwar the dead“ fertiggestellt. Die Intensität von akustischer Gewalt jedoch, die in dem Album zum Ausdruck kommt, bedurfte längerer Bearbeitung und da gab es schließlich die Urgewalt von „Les Ténèbres du Dehors“ und „The Umbersun“ zu toppen.

A world in their screams
Es ist eigentlich anmaßend, ein Album rezensieren zu wollen, dessen akustische Gewalt man beeindruckend und bewundernswert findet, aber dessen tieferen Sinn man aufgrund fehlender Texte nicht wirklich nachvollziehen kann.

Ab dem 07. Mai wird das Album nach einer etwa dreiwöchigen Terminverschiebung endlich in den Läden erhältlich sein. Eine Veröffentlichung ist zum einen als Digisleeve, zum anderen als Digipack angedacht. Beide werden neben der CD ein 20-seitiges Booklet beinhalten.
Das vorliegende Album garantiert mit einer Spielzeit von fast 58 Minuten verteilt auf elf Stücke wieder eine gute Stunde Unterhaltung, wenn auch der etwas anderen Art. In erster Linie ist „A world…“ verwirrend, beängstigend, erneut sehr monumental und atmosphärisch, gewaltig, mit- und herunterreißend und herumschleudernd.
Experimenteller als je zuvor wechseln sich hier ruhige, fast stille Sequenzen mit Monologen oder gekonnt hohem Gekreisch oder rein instrumental mit hinwegspülenden, verdichtetsten Passagen ab, deren Dichte kaum erfassbar scheinen. Fast zuviel Information stürzt auf den Hörer ein, aber eben nur fast. Es passt immer irgendwie und die Wirkung ist überwältigend.
Die bisher eh schon immer beeindruckenden Passagen wurden ins kaum beschreibliche gesteigert. Was vorher Imposanz genannt werden konnte, ist nun mit Monumentalität fast abwertend umschrieben. Die Hörer, die diese Art von Musik mögen, werden förmlich hinweggefegt sein.

Mit dem Titel „A world in their screams“ setzen sich die Musiker ein hohes Ziel. Die Welt schreit momentan sehr laut auf und dies umzusetzen, könnte durchaus der Mehrheit der bisherigen existierenden Bands Probleme bereiten.
“Ophis puthôn” eröffnet das Album definitiv schön, aber noch scheinbar recht unspektakulär mit weiblichem Sopran, der von ersten klagenden Orchester- und sehr dominanten Geigenklängen abgelöst wird und dem ganzen eine Tragik einhaucht, die ich auf den ersten beiden Scheiben des „Winds-Zyklus“ vermisst habe. Diese Tragik steigert sich kurzzeitig immer wieder in eine musikalische Aggression, die zum Ende des Stückes aber letztendlich wieder abschwillt und mit einem erwarteten, aber sadistisch lang hinausgezögerten Schlag endet.
Das Titelstück setzt dann völlig unvermittelt, aggressiv und flirrend ein. Mehrere Sopranstimmen scheinen sich zu einer vielschichtigen und betörend beängestigenden Stimme zu vereinen, die in unheilverkündende, relativ hart abgestufte orchestrale Begleitung eingebettet ist. Der männliche Teil des Textes wird gehaucht hinzugegeben und vervollständigt das Klangbild.
Mit Klagerufen beginnt „Ondes de sang“ und windet sich förmlich über die gesamte Spiellänge von knapp drei Minuten in dieser Stimmung, die wie kaum anders zu erwarten, auch von Orchester und männlichem Sprachteil würdig unterstützt wird.
Mit einem förmlichen Krachen setzt auch schon das nächste Stück ein, Dramatik ist angesagt. Dies zeigen wogende Streichinstrumentalik und Gesang, die sich gegenseitig zu mehr anstacheln und recht plötzlich wieder abflachen, um kurzzeitig Geräuschen eher elektronischer Art Platz zu machen. Diese sind aber nur Vorbereitung auf eine weitere Erzählsequenz, die lediglich von einzelnen Streichereinsätzen und Donnergrollen begleitet wird, um wieder auf die orchestralen Allgegenwärtigkeit hinzuarbeiten, die erneut plötzlich endet. Ein erneuter Wechsel zum Erzähler ist das Bindeglied zum nächsten Stück „Le fleuve infini des morts“, welches im gröbsten ähnlich wie der Vorgänger „Le Dévoreur“ funktioniert. Die Musik verdichtet sich jedoch, hinzu kommen noch mehr Schichten und die bereits bekannten Muster werden nur minimal verändert, aber dadurch wird das Gehirn an eine Überreizung herangeführt. Diese tritt nicht ein, denn alles ist stimmig und passt zu 100 Prozent, aber man ist nicht weit davon entfernt. Lagen je musikalisch Genie und Wahnsinn nah beieinander, dann definitiv hier.
So anspruchsvoll, wie das letztbehandelte Stück endete, so beginnt „Je rassemblais tes membres“, vielschichtig, mit bisher nie gehörten instrumentalem Kreischen und Schreien. Klingen hier Instrumente wie ein kreischender Vogelschwarm, muss dieser sehr in Panik und Aufregung versetzt worden sein. Ein etwas hervorgehobener Steichereinsatz verschlimmert das heraufbeschworene Szenario. Gegen Mitte des Stückes flaut die Aufregung ab, durch Minimalistik kommt der Hörer von seinem Musikrauch wieder herunter, um diesem kurz vor Ende erneut zu verfallen.
Die Überleitung zum Stück „Stasis“ ist perfekt. Aufdoktrinierende und befehlende Klänge halten weiterhin gefesselt und lassen keinen Widerspruch zum Zuhören zu. Kompromisslos steigert sich das Tempo zum einen der klassischen Elemente, zum anderen der Erzählweise und auch der vorantreibenden pochenden Hintergrundmelodie, die als Antrieb nicht vernachlässigt werden sollte. Nach energieziehenden fünf Minuten endet auch dieses Stück mit einer Art Paukenschlag.
Das Unheil entfaltet sich vollends und der weibliche Schrei, der erst Gänsehaut verursacht und (gedanklich) „Borée“ durchzieht, ist ein weiterer Auftakt zu einem grusligen Kapitel dieses Kunstwerks und zollt der Urgewalt dieser perfekten musikalischen Schöpfung entsprechenden Tribut. Spätestens hier sollten selbst Nichtfans dieses einzigartigen Genres aufmerken und zumindest das Genie hinter dieser Musik erkennen. Auf die pure musikalische Gewalt folgt ein Moment scheinbarer Ruhe und Entspannung, die ins nächste Stück überleitet.
Tragisch und ruhig beginnt „La Carrière d´ombre“ und hält dies auch gut bis zur Mitte des Stückes ein. Seichtes Gefiedel verwundert, doch der Umbruch kommt plötzlich und hart. Für gute 40 Sekunden ist Fassung eine Illusion, die Eskalation tut fast weh. Ihr folgt Ernüchterung durch ebensolch ruhige klänge, wie wir bereits zu Anfang hörten.
„J´ai touché aux confins de la mort“ stellt dann wohl die Ruhe nach dem vernichtenden Sturm dar. Es wird in dieser typischen männlichen Elend-Stimme erzählt. Die Erzählweise ist ruhig, geheimnisvoll und gleichzeitig fesselnd wie nebensächlich. Drumherum wabert eine Art Soundtrack eines 70’er Jahre Gruselfilms, in den sich vereinzelte bassige oder weiblich wimmernde Akzente mischen.
Mit „Urserpens“ endet das bisher anspruchsvollste und anstrengendste Album dann auch und es scheint anders zu enden, wie es begann. Der Anfang vom Ende setzt die Bedächtigkeit fort, die das Vorgängerstück ausstrahlte. Doch dann lässt man das ganze Album Revue passieren. Der weibliche Schrei meldet sich erneut, verdichtetste Passagen erleben eine Wiederbelebung. Erneut ziehen sie sich zurück und sammeln Kraft für den letzten vernichtenden Schlag. Dieses Luftholen zögert sich ewig hinaus, man kann das Ende riechen, fühlen und schmecken, doch es scheint nicht zu kommen. Plötzlich endet das Stück einfach und hinterlässt das, was der Abschluss einer Trilogie nicht haben sollte: ein irgendwie offenes Ende durch 30 Sekunden völliger Stille…

Fazit
Bei der Bearbeitung dieses Artikels unterlief mir ein Phänomen, mit ich bisher nur einmal konfrontiert wurde: die Musik schrieb den Artikel. Kein Zurückspulen, kein mehrmaliges Hören während des Schreibens.
„A world in their screams“ ist erneut ein Ausflug in musikalische Abgründe, der die Erstlingstriologie „Officium Tenbrarum“ tatsächlich in einigen Belangen übertrifft. Elend haben gelernt, ihr ohnehin vorhandenes Talent derart einzusetzen, dass gemäß dem Werbetext des Labels propehecy eine Steigerung gänzlich unmöglich scheint. Das vorliegende Album ist das bisher reifste Werk der Ausnahmeband und stellt meiner Meinung nach den bisherigen Schaffenshöhepunkt dar. Das Album ist natürlich sehr kompliziert und keinesfalls einfach zu verdauen. Die richtige Stimmung für solche Art von Weltuntergangsmusik sollte vorhanden sen, ebenso aber etwas Bereitschaft, sich auf das musikalische Experiment der Monumentalität von Klassik und der Aggressivität des Metal einzulassen. Auf diese Art und weise kann man auch einem derart gewählten Albentitel vollauf gerecht werden.
Ich hoffe, der Band trotz meines mangelnden inhaltlichen Wissens in diesem Artikel gerecht geworden zu sein und kann nur sagen: Beängstigend gut! Beeindruckend! Hinwegreißend! Überirdisch!

Autor: Michael

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