„Schmutzige Hände“ heißt das neueste Werk der Ruhrpottler Stendal Blast, die mit ihrem außergewöhnlichen Stil schon seit etwa fünfzehn Jahren für Aufsehen, Ver- und Bewunderung, Entsetzen und viele Lacher sorgen.
Kurzbiographie der Band
Kaaja Hoyda, Marc Degens, Hajo Mönnighoff und Torsten Franz gründeten 1989 das Projekt „Doda“, das sich völlig unkontrollierte Musik auf die Fahne geschrieben hat.
In den nächsten fünf Jahren wurde am Rande des Ruhrgebiets mit Vogelkäfig, Baumsäge, Vibrax, Xylophon, V2A-Stahlträger und einer alten Waschmaschinentrommel mit Glasscherben gefüllt musiziert. Das Demo „Müll“ entsteht, die Band heißt nun „Stendal Blast“.
Torsten Franz steigt aus. Frank Maleu und Markus Loebb steigen für kurze Zeit bei der Band ein.
1995 gehen „Stendal Blast“ (Besetzung: Kaaja Hoyda, Bernhard Lottes, Hajo Mönnighoff und Tom Steinseifer) bei „Gymnastic Records“ unter Vertrag, dessen Ergebnis das Album „Was verdorrt“ ist. Zwischen 1996-1997 wird das eigene Studio namens „Kakophonia“ eingerichtet. Tom Steinseifer verlässt die Band.
Ein Jahr später erscheint das zweite Album „Alles Liebe“. 1999 wird die Band erneut umbesetzt, Hajo Mönnighoff verläßt die Band, Fabian Dimski ersetzt ihn.
Im Jahr 2000 wird „Morgenrot“ veröffentlicht. 2001 steigt Fabian Dimski wieder aus. Der Ersatzmann heißt Valek Devkar.
Anfang 2002 gibt es endlich „Fette Beute“ zu hören, auf dem auch ein Duett mit Alexander Veljanov ist.
Im Juni 2004 wartet eine Zusammenarbeit mit Chris Pohls Erfolgsformation Blutengel auf die Fans, die die Zeit auf „Schmutzige Hände“ verkürzte…
„Schmutzige Hände“
Zu Gründungszeiten der Band stand die Idee völlig unkontrollierter Musik. Dies ist sie zwar zum Glück nicht mehr, die Produktionen klingen sehr professionell, aber sind dennoch nicht vorhersehbar und immer wieder wird man von der Umsetzung oder dem Inhalt überrascht und überrumpelt. So geht es dem Hörer auch beim neuesten Album.
In alter Tradition wird die nicht mögliche Zuordnung zu einem bereits existierenden Musikgenre weitergeführt. Irgendwo schwankend zwischen Rock, Satire, Groteske und etwas Tragik muss der Hörer feststellen, dass es da keine Schublade gibt, diese Kunst zu katalogisieren.
Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Pop und Rock, aber das, was die Band ausmacht, ist der oft fragwürdige Inhalt. Meist rätselhafte, vor Sarkasmus triefende und verwirrende Texte regen den Hörer zum Denken darüber an, was die Künstler uns wohl sagen wollen. Immer noch gewöhnungsbedürftig ist die Doppelstimme von Kaaja Hoyda, die zum einen als quäkend leidende Stimme und zum anderen als tiefe, fast schon grunzende wiedergegeben wird.
Das neueste Werk beinhaltet 14 Titel, wovon es sich bei den beiden letzten um die mittlerweile recht üblichen Bonustracks handelt. Dies sind hier die mit Blutengel gemeinsam aufgenommenen Stücke „Mein Babylon“ und „In der Erde“. Die Gesamtspielzeit mit diesen beträgt etwas mehr als eine Stunde und so fühlt man sich als Käufer zumindest dahingehend keineswegs ausgenommen.
Der Eröffner „Trümmer“ konfrontiert den Hörer sofort mit dem Thema unglücklicher Liebe. In recht bizarren Vergleichen schildert uns Kaaja die Tragik dieser Beziehung. Mit dem Verbrechen und den daraus resultierenden Folgen geht es scheinbar in „Schmutzige Hände“ weiter, aber der wahre Sinn dieses Stückes wird sich ebenso wie manch anderes nur im Gespräch mit dem Erdenker entdecken lassen. Vielleicht möchten Stendal Blast aber auch nur wieder einmal zum Denken anregen.
„Der Präsident ist tot“ rechnet mit einem Land ab, in dem es üblich ist, die Staatsoberhäupter vor Ende der Amtszeit ins Jenseits zu befördern. Beachtenswert ist hier die ansatzweise tragische musikalische Untermalung, sie trifft genau das, was man sich als Soundtrack der Zusammenfassung eines Attentats vorstellt. Sie klingt irgendwie typisch amerikanisch verheißend und tragisch zugleich.
„My private Puff“ prangert zwischenmenschliche Zustände an. Prostitution, Leiden und gegenseitige Rücksichtnahme sind zugunsten unseres eigenen Wohls in den Hintergrund gerückt und interessieren nicht mehr.
Die Sorgen um das Leben nach dem Tod, den Gang in den Himmel oder die Hölle beschreibt „Fährmann“. Einher geht die Sorge, ob man auch gut genug war, den Himmel zu erobern.
Neben diesen düster anmutenden Hymnen versteckt sich auch ein potentieller Tanzflachenfüller auf der CD. „Die totale Disko“ hat einen gut tanzbaren Rhythmus und einen ebenso skurilen Text. Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und deren Folgen sind hier der Mittelpunkt.
„Pussy“ handelt von der Ausnutzung schwacher Menschen durch Starke und „Headshot“ behandelt die Gefühle eines Mörders, der seine Tat tatsächlich bereut und in seiner Verzweiflung nach den Eltern ruft.
Spätestens beim Stück „Im Monsun“ gerät man ins Wanken, wie ernst man diese Musik überhaupt nehmen soll. Was ist dieses Stück? Ein Kriegsszenario? Eine kranke Vision ohne Sinn? Das drängt sich zumindest auf, als es sich Kaaja nicht nehmen lässt, mitten im Stück mit seinem „Vadder“ zu telefonieren um danach ungehemmt düster und apokalyptisch weiterzuflüstern.
„Paradies“ ist eine Hymne an die Selbstachtung, von der man durch „Die Frau im roten Kleid“ über die Liebe zum Betrug in „Der Kuss“ geführt wird.
So gibt man sich ständig wechselnder Thematik hin, die mal mitzieht, mal nach balladenähnlichen Ausbrüchen von Stendal Blast nachdenklich stimmt und ebenso zurücklässt, um danach wieder eine andere Laune herauf zu beschwören.
Während sich „My private Puff“, „Pussy“, „Im Monsun“ und der „Der Kuss“ als reine gesprochene Stücke präsentieren, zeigen die anderen gute Tanzbarkeit und runden so eine typische Stendal-Blast-Mischung ab. Verwirrung, sowohl musikalisch als auch textlich, ist hier Programm, aber ebenso Erfrischung im sonst so eintönigen Elektro- und Rockgenre. Einzig als akustisch völlig daneben wird man den verzerrten Refrain aus „Paradies“ empfinden. Mit sehr heller und verdrehter Stimme wird hier das Können der Band weit unter den Scheffel gestellt. Vielleicht ist es auch eine Art Provokation, aber es klingt irgendwie nach weit unter dem Niveau der Künstler.
Fazit
Es ist ein gelungenes Album durch diese Band veröffentlicht worden. Individualität, Provokation, aber auch morbider Spaß steht an oberer Stelle. Es wird alt bewährte Stendal-Blast-Kost geboten und das ist sehr gute Abwechslung zur üblichen Musik!
Titel:
01. Trümmer
02. Schmutzige Hände
03. Der Präsident ist tot
04. My Private Puff
05. Fährmann
06. Die totale Disko
07. Pussy (insert coins)
08. Headshot
09. Im Monsun
10. Paradies
11. Die Frau im roten Kleid
12. Der Kuss
13. Mein Babylon (Bonus mit Blutengel)
14. In der Erde (Bonus mit Blutengel)
Autor: Michael












