Die Zeitreise öffnet ihr zweites Kapitel und befördert uns in die Mitte der Neunziger – um genau zu sein: Ins Jahre 94, welches kein leichtes war für den Kopf von Velvet Acid Christ. Geplagt von Depressionen geriet er mehr und mehr in den Sumpf der Drogen, der schließlich symbolisch als prägende Station seine Lebens in dem Projektnamen verewigt wurde. Gerade in so einer schlimmen Zeit ist die Musik ein auffangender Zufluchtsort; sei es die eigene oder die anderer. Und welche Klänge könnten einen passender in solch einer Zeit der emotionalen Düsterkeit begleiten als die von The Cure? Deutlich bewegt durch die Klänge der Briten schöpfte Bryan Inspiration, um seine inneren Werte hörbar zu gestalten.
Heute – 10 Jahre später – wurden die Aufnahmen endlich aus dem Archiv gekramt, um die Lücken der Projektzeitleiste zu schließen. Angelehnt an Skinny Puppy’s „Back & Forth“-Katalog, konzentriert sich nun die zweite „Between the eyes“-Folge das erste Mal ganz allein auf einen gezielten vergangenen Abschnitt der VAC-Ära, um so einige Demos und Raritäten ans Tageslicht zu bringen, die uns den Anfang von Velvet Acid Christ und die persönliche Krise ihres Schaffers näher bringen sollen.

Analog düster zur Biographie präsentieren sich die Songs auf „Between the eyes Volume 2“. Ausser „Hell Two“ bewegt sich das Album dauerhaft in einem niedrigem Tempo und strahlt totale Verzweiflung, Melancholie und Verletzung aus, anstatt gewohnt druckvoller Progressivität. Ihren Gipfel erreicht die Traurigkeit, als Bryan während der Gesangsaufnahme des aussagekräftigen Titels „Killing Me“ anfängt zu weinen. Das trifft einen nicht zwischen die Augen, sondern geht direkt unter die Haut.
Gerade am Karriereanfang ist es nie leicht, aus budgetbegrenztem Equipment anständige Masteringwunderwerke zu zaubern, aber Disease Factory macht aus seiner Not eine Tugend und setzt seinen rauchigen LoFi-Sound geschickt in Szene und verleiht der Sammlung eine Atmosphäre, wie man sie aus besten „Pornography“-Zeiten von The Cure kennt. Wenn die verhallten Vocals über die trashigen Drums ihre Klagelieder singen, spürt man förmlich den Schmerz und das Verlangen nach klaren Verhältnissen. Zwar trashig und oldschooliger, aber immer noch mit Tendenz zur neuen EBM-Schule, steckt ein enormer Gothic-Touch in den Songs, der aus dem eigentlichen Demotape-Release eine Zusammenstellung mit intensivem Charakter macht.

Hardcore-Sammler werden natürlich verteilt einige Tracks von limitierten oder längst vergriffenen Raritäten wiedererkennen, doch für die meisten Europäer lohnt es sich, im Gegensatz zum ersten Teil, bei der Fortsetzung zuzuschnappen. Von der ersten Sekunde bis zur 73. Minute verdient es jeder Song, veröffentlich zu werden, obwohl die Sammlung mehr als sphärisches Gesamtkunstwerk als durch einzelne Ohrwürmer oder Dancefloorkracher überzeugt.
Mit weniger Acid, aber dafür mehr Velvet überlässt uns Mr. Erickson seinem nachdenklichen Gothic-EBM und dem Geheimnis, ob es bloß reiner Zufall ist, dass auf beiden Katalogteilen der Klassiker „We have to see, we have to know“ als Track 9 notiert ist, oder pure Absicht…

Autor: Francois

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