Wie ein Donnerwetter nach dem letzten Sturm sind Rammstein endlich wieder zurück. Nach etlichen Nachahmern beweisen Rammstein mit ihrem am 27.09.04 erschienenen Album „Reise, Reise“, dass das Original doch besser ist. Vier Jahre haben die Berliner sich Zeit gelassen und das letzte Album „Mutter“ sacken lassen.
Und es ist auch wieder alles beim Alten. Till Lindemanns rollendes „R“, das gerade bei den nicht-deutschsprachigen Ländern für Begeisterung sorgt, Paul Landers und Richard Kruspe Bernsteins verzerrtes Gitarrenspiel sowie Christan Lorenz’ Keyboard-Zaubereien haben schon seit dem Debüt „Herzeleid“ vor fast 10 Jahren für Furore gesorgt.
Gehasst und geliebt, als Naziband mit heroisch-germanisch-ästhetischen Inhalten verschrien, waren Rammstein nie in Bedrängnis geraten, sich selbst erklären zu müssen. Stattdessen heizten sie die Provokation noch mehr an, als das skandalträchtige Video zu „Stripped“ mit Ausschnitten vom Filmmaterial von Leni Riefenstahl erschien. Als Steckenpferd für den fragwürdigen Begriff „Neue Deutsche Härte“ Ende der 90er Jahre plakatiert und wieder verworfen.
Rammstein sind immer im Gespräch geblieben und niemand hätte nach dem fulminanten Senkrechtstart von „Herzeleid“ und „Sehnsucht“ gedacht, dass sie sich selber übertreffen würden. „Mutter“ stellte alle Skeptiker in den Schatten.

Und nun Rammstein anno domino 2004. Gleich der erste Track „Reise, Reise“ gibt den Kurs an und wie einst „Seemann“ (gecovert übrigens von Apocalyptica und Nina Hagen) handelt es vom Abschied und dem Kampf darum.
„Mein Teil“, die erste Singleauskopplung, die vom Kannibalismus handelt, sollte jedem bekannt sein. „Dalai Lama“ rechnet kritisch mit Flugkatastrophen ab, gewohnt auf die rammstein’sche Art und Weise.
Bei „Keine Lust“ nehmen sie kein Blatt vor den Mund und plaudern unverfroren von Sodomie und Onanie, Tod und Teufel – nach „Mein Teil“, „Reise, Reise“, „Morgenstern“ und „Amerika“ der nächste starke Song auf dem Album. „Los“ ist vermutlich eine Abrechnung mit sich selbst.
„Amerika“, die zweite Singleauskopplung, rechnet – wie der Titel vielleicht suggeriert – mit Amerika ab. Gleich danach geht die Reise nach „Moskau“ in den Rotlichtbezirk weiter, hübsch mit typisch russischen Ziehharmonikaklängen und russischem weiblichen Hintergrundgesang (russisch sollte man können).

Das nächste Highlight: „Morgenstern“. Man kann nichts anderes als Superlative zu benutzen, sowohl musikalisch als auch lyrisch.
Zum Ende hin übertreffen sich Rammstein textlich noch einmal mit „Stein um Stein“. Was romantisch anfängt („Ich baue dir ein Haus. Jeder Stein ist eine Träne und du ziehst nie wieder aus…“) artet in Hass aus („Ich schaffe dir ein Heim und du sollst Teil des Ganzen sein […] mit den Füßen im Zement verschönerst du das Fundament, draußen wird ein Garten sein und niemand hört dich schreien […] Stein um Stein mauere ich dich ein…“). Eine weitere Perle in einem gesamten wirklich sehr sehr starken Album.

Zum Abschluss dann nehmen Rammstein den Fuß vom Gas und bringen mit „Ohne Dich“ und „Amour“ zwei sehr schöne Balladen.

Als Fazit kann man am Ende nur noch durchatmen und erneut die Playtaste drücken und sich das Ganze noch mal anhören. Wenn Rammstein eines verstehen, dann dass man nach „mehr“ verlangt. Mit einem Mal Durchhören ist es nicht getan, das Album geht nicht spurlos an einem vorbei und man hat Freude an den Texten und an der Musik. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich die vier Jahre gelohnt haben. Es wurde Zeit für ein neues Rammstein-Album, und „Reise, Reise“ übertrifft alle Erwartungen und lässt alles weit weit hinter sich.
So, als würde man eine Reise machen und alles hinter sich lassen, ganz weit weg…

Autor: Eniz

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