Lacrimosa sorgte beim diesjährigen Summer Breeze im Vorraus für viel Furore. Was Tilo Wolff dazu zu sagen hat, wie es mit Lacrimosa weitergeht, und wie Snakeskin die Arbeit bei Lacrimosa beeinflusst, erfahrt ihr in unserem Interview.
Von einer gemütlichen Atmosphäre konnte man leider nicht sprechen, als mein Interview mit Tilo Wolff von Lacrimosa stattfand: In der hintersten Ecke eines Bierzelts direkt neben der Mainstage des Summer Breeze Festivals war es ziemlich laut, so dass ich jetzt von mir behaupten kann, den Star höchstpersönlich angeschrieen zu haben (denn sonst hätten wir uns nicht verstanden). Ganz locker und leger, aber mit Sonnenbrille saß er da, und ließ sich nichts von den Starallüren anmerken, die ihm angedichtet werden.
Sylvia:Es ist ja euer erster Auftritt auf dem Summer Breeze. Als Headliner fallt ihr schon etwas aus dem Rahmen, da ja ansonsten hauptsächlich härtere Metalbands spielen. Was erwartet ihr denn vom Publikum? Meint ihr, es wird anders sein? Habt ihr vielleicht vor, eher ältere und gitarrenlastigere Songs zu spielen?
Tilo: Nein, nicht wirklich, da wir in unserem Publikum immer auch viele Leute aus der Metalecke haben. Ich meine, wenn Lacrimosa auf so einem Festival gebucht werden, dann weil offensichtlich die Musik gefragt ist und dann wäre es ja blödsinnig, wenn wir versuchen würden, einen auf Supermetal zu machen. Also machen wir das, was wir immer machen.
Sylvia:An kaum einer Band scheiden sich die Geister so wie an eurer. Es scheint, als gäbe es nur entweder die Fans oder die „Feinde“. Wie empfindet ihr denn die Anfeindungen der Band bzw. der Person Tilo Wolf gegenüber? Bekommt ihr davon überhaupt etwas mit?
Tilo: Also ich kriege es kaum mit. Das ist ja bei jeder Person, die in der Öffentlichkeit steht und die nicht so glatt gebügelt ist. Da gibt es natürlich immer für und wieder. Damit muss ich leben und das klappt dann schon.
Sylvia:Auf der anderen Seite stehen natürlich jede Menge Fans, darunter ganz viele Neulinge in der Szene. Was hältst du von dem Hype der schwarzen Szene?
Tilo: Den finde ich im Prinzip gut. Vielleicht werden in ein paar Jahren viele von denen nicht mehr dabei sein, aber einige werden immer trotzdem noch dabei bleiben und die Szene somit am Leben erhalten. Es gibt nichts schlimmeres als eine Szene, die langsam ausstirbt, weil die Mitglieder viel zu alt geworden sind.
Sylvia:Meinst du, die Kommerzwelt kann überhaupt verstehen, was du mit deiner Musik ausdrücken willst? Das entspricht doch eigentlich nicht deiner Intention?
Tilo: Nö, natürlich überhaupt nicht. Aber letzendlich habe ich auch kein Recht zu entscheiden, wer meine Musik hören darf und wer nicht. Ich freue mich natürlich über jeden der die Musik hört, respektive die Gefühle teilt. Das heißt ja, dass in ihm etwas schlummert, was über die kommerzialisierte beziehungsweise über die materielle Welt hinausgeht.
Sylvia:Ist in nächster Zeit Neues von Lacrimosa zu erwarten?
Tilo: Die DVD, die ich angekündigt hatte, wird erst nächstes Jahr erscheinen, weil ich noch Nachdrehs machen will. Von Lacrimosa ist ansonsten nichts in der Pipeline, dafür erscheint am 6. Oktober das neue Snakeskin Album.
Sylvia:Bald erscheint das neue Album von Snakeskin. Inwiefern beeinflusst Snakeskin die Arbeit bei Lacrimosa?
Tilo: Die beiden Bands befruchten sich gegenseitig. Ich hatte es auch kürzlich auf meiner Homepage geschrieben: Lacrimosa hat das Konzept, dass jeder Titel eine Lyrik zugrunde hat. Also ich schreibe einen Text und der inspiriert die Musik. Das ist natürlich aber auch ein Korsett. Das heißt, wenn ich Musik komponieren will, die unabhängig von einer Lyrik, die ich geschrieben habe, stehen soll, dann ist das innerhalb Lacrimosas nicht möglich. Sonst müsste ich das Konzept über den Haufen schmeißen. Also habe ich, um mich aus diesem Korsett zu befreien und gleichzeitig dem Konzept Lacrimosas treu zu bleiben, Snakeskin gegründet, um dort Musik zu machen, die einen Text nach sich zieht. So befruchten sich die beiden Bands gegenseitig, weil man neue Dimensionen kennen lernt und letztendlich ja auch alles aus dem gleichen Herz kommt und ins gleiche Herz wieder zurückfließt.
Sylvia:Wie kam dein Entschluss ein zweites Snakeskin Album aufzunehmen?
Tilo: Genauso wie damals bei Lacrimosa. Ich habe einfach gemerkt, dass es eine Sache ist, die mir sehr gut tut. Es kommen schöne Sachen dabei heraus und ich war richtig süchtig nach dieser Musik. Ich habe das erste Album zehntausend Mal angehört und brauchte sozusagen einfach mehr „Stoff“.
Sylvia:Zurück zu Lacrimosa. Bisher konnte man eure Alben thematisch immer in Dreiergruppen anordnen deren Themen die Gesellschaft bzw. die Liebe waren. Weißt du schon, welches Thema folgen wird?
Tilo: Im Moment überhaupt nicht. Ich komme jetzt gerade erst aus der Produktion von Snakeskin raus. Ich switche jetzt zwar heute wieder zu Lacrimosa, habe aber noch überhaupt keine Ideen wie das nächste Lacrimosa Album sein könnte.
Sylvia:Meinst du, die Leute kennen dich ein Stück weit, wenn sie deine Musik und deine Texte kennen? Oder nervt es eher, wenn sie das glauben?
Tilo: Sie kennen natürlich einen gewissen Teil von mir, das ist ganz klar. Was man aber natürlich nicht machen darf ist, einen Menschen auf diesen Teil zu reduzieren. Das heißt, sie kennen zwar einen Teil von mir, aber außer diesem Teil gibt es natürlich noch viel mehr Facetten, wie zum Beispiel auch die Facette Snakeskin, die viele ja auch ziemlich schockiert hat. Demzufolge stört es mich nicht, wenn Menschen glauben, etwas über mich zu wissen, was sie ja auch wirklich tun, aber es ist natürlich falsch, wenn sie dann denken, sie würden mich in- und auswendig kennen und wüssten besser über meine nächsten Taten bescheid als ich selbst.
Sylvia:Wie nehmen denn die Leute deine Musik auf, die deine Sprache nicht sprechen? Die Texte sind ja ein tragendes Element…?
Tilo: Das faszinierende ist, viele Mexikaner oder Südamerikaner, oder auch Leute in Russland haben mir gesagt: „Ich muss die Texte gar nicht verstehen, weil die Musik drückt so viel aus, dass ich weiß worüber du singst.“. Das bedeutet mir natürlich extrem viel. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die aufgrund Lacrimosas Deutsch studieren, und das ist natürlich auch eine große Ehre.
Sylvia:Nachdem ich die Berichte von eurer Mexiko-Tour gelesen habe stellt sich mir die Frage: Sind die Konzerte in Europa für euch inzwischen langweilig geworden?
Tilo: Nein, überhaupt nicht. Das Publikum ist einfach nur anders als das Publikum hier. Die Deutschen sind zum Beispiel zurückhaltender, aber dafür sind die Empfindungen, die sie dabei haben, vielleicht sogar größer, aber mindestens genauso groß wie bei Menschen, die ausflippen, wenn sie die Musik hören. Ich finde es einfach schön, dass ich beides erleben kann, dass ich die verschiedenen Kulturen und Art und Weisen, wie das Publikum mit uns umgeht, in Europa, Südamerika und demnächst auch in Asien erleben kann.
Sylvia:Jetzt noch was ganz anderes. Habt ihr mitbekommen, dass es deutschlandweit einen Entrüstungssturm gab, als Hall of Sermon die ominöse „Lackier Mich Rosa“-Kühlschrankauktion stoppen ließ? Wieviel hattet ihr damit direkt zu tun? Und war das wirklich nötig?
Tilo: (sichtlich verwirrt)Davon weiß ich gar nichts. Worum gings da?
Sylvia:Es ging um einen rosafarben lackierten Kühlschrank, auf den euer Logo gemalt war, der bei ebay privat versteiger werden sollte. Anstatt dem Lacrimosa-Schriftzug stand allerdings „Lackier mich rosa“ darauf. Angeblich hat Hall of Sermon die Auktion stoppen lassen.
Tilo: Die wurde nicht gestoppt von Hall of Sermon. Hall of Sermon ist meine Firma, und was da gemacht wird weiß ich. Und ich weiß überhaupt nichts von so nem Kühlschrank.
Sylvia:Gut, dann werde ich das mal so weiterverbreiten!
Wie kommt es, dass deine Texte immer traurig sind oder gar depressiven Charakter haben? Lässt sich davon auf deinen Charakter schließen?
Tilo: Text schreiben ist für mich ein Ventil. Man versucht ja, starke Emotionen zu kanalisieren. Wenn es mir gut geht, dann kann ich diese ausleben und wenn es mir schlecht geht, dann schreibe ich lieber einen Text, anstatt mir dann irgendetwas anzutun.
Sylvia:Der viele Kommerz hat natürlich viele negative Seiten, aber auch ein paar gute. Durch euren Erfolg verdient ihr ja jetzt auch mehr und habt mehr Möglichkeiten. Schöpft ihr die auch aus, oder bleibt und blieb alles etwa auf dem gleichen Niveau?
Tilo: Mit der Internetpiraterie und dem Brennen ist das genaue Gegenteil der Fall. Die Musikindustrie, und damit ist die Independet-Szene umso mehr betroffen, hat in den letzten Jahren 70% Umsatzeinbussen gemacht. Das heißt, wir haben vor 5 Jahren 70% mehr verdient, als wir jetzt verdienen. Das betrifft nicht nur uns, sondern die ganze Musikbranche. Ich weiß zum Beispiel von einer Band aus der Szene, die von Plus/ Minus 100 000 Alben inzwischen nur noch 15 000 Alben verkaufen. Das ist eine Riesenbedrohung, und die wird letztendlich auch die Szene mit zerstören, wenn da nichts passiert. Die Plattenfirmen haben kein Geld mehr, um Anzeigen zu bezahlen. Wenn sie keine Anzeigen mehr schalten, gibt es keine Magazine mehr. Wenn es keine Magazine mehr gibt und damit keine Unterhaltung und Weiterbildung für die Szene…
Das ist eine Riesengefahr. Darum kann ich nur sagen. Jeder, der eine CD brennt und nicht in der Lage ist, für die Arbeit, die andere geleistet haben, ein bisschen was auszugeben, der arbeitet mit daran, die Szene zu zerstören.
Sylvia:Das wars dann von meiner Seite. Vielen Dank für das Interview und dir viel Spass und Erfolg bei deinem Auftritt heute Abend!
Tilo: Danke, den Spass wünsche ich dir auch!
Autor: Sylvia












