Nach der Veröffentlichung seines neuen Bildbandes „H.E.L.P.“ (Hell:Enters:Life:Permanently – Mindbreed berichtete), welcher vor einigen Wochen auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurde, nahm sich der Fotograf Thomas van de Scheck etwas Zeit, um sich einigen Fragen zu stellen.
Matthias Irrgang (Mindbreed.de): Hallo Thomas.
Danke dass du dir die Zeit nimmst, und dich erneut meinen Fragen stellst. Es ist ja schon fast anderthalb Jahre her, dass dein Erstlingswerk „Cuts“ erschienen ist.
Mit „Cuts“ tratst du ja das erste Mal „richtig“ in Erscheinung, so dass auch der Durchschnittsbürger über deine Fotos im gut sortierten Buchhandel stolpern konnte. Wie war insgesamt die Resonanz auf „Cuts“?
Thomas van de Scheck: Na ja, CUTS ist ja nun mal tatsächlich gerade erst anderthalb Jahre auf dem Markt und Bücher, insbesondere Bildbände, funktionieren eigentlich eher auf lange Sicht. Aber für den Zeitraum, den CUTS nun auf dem Markt ist, bin ich sehr zufrieden.
Nicht nur, weil CUTS vom Börsenverein des deutschen Buchhandels zum Auswahltitel 2004 gekürt wurde, sondern vor allem, weil mir mein Erstlingswerk fantastisch viele Türen geöffnet hat. So konnte ich sehr gut Fuß in der Gothic- und Fetish-Szene fassen und arbeite nun regelmäßig für verschieden Designer, wie z.B. Fetishuniverse in Rosenheim und Torture Garden in London.
Aber auch gibt es inzwischen kaum noch ein Magazin in den Szenen, was nicht über CUTS und meine Arbeit berichtet hat. Das gibt mir ein gutes Gefühl und zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Matthias: Eine Frage die natürlich kommen muss: Hat sich die Produktion auch finanziell für dich gelohnt, oder blieb „Cuts“ bislang eher ein „Insidertipp“?
Thomas: Wie gesagt, CUTS war, soweit man das bis jetzt absehen kann, ein großer Erfolg. Aber eins der großen Geheimnisse ist, was Außenstehende vielleicht nicht so nachvollziehen können oder wollen, dass man mit einem Bildband nicht reich werden kann.
Man erzielt Achtungserfolge und finanziell lohnen sich dann eher die Synergieeffekte, die ein Buch, welches von der Öffentlichkeit gut angenommen wird, mit sich führen.
Matthias: Dein neuer Band „H.E.L.P. [Hell:Enters:Life:Permanently]“ steht ja seit Ende März in den Buchläden. Wann hat die Arbeit an diesem Buch begonnen?
Thomas: Wenn man es genau nimmt, ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als das fertige Layout zu CUTS in den Druck gegangen ist. Insofern ist H.E.L.P. auch im ersten Kapitel die konsequente Fortsetzung zu CUTS. Man kann also sagen, da wo CUTS aufhört, fängt H.E.L.P. an. Allerdings entwickelt H.E.L.P. dann eher schnell eine sehr hübsche Eigendynamik.
Matthias: Und wie kann man sich die Entwicklung eines solchen Buches vorstellen? Ist zuerst eine Idee da, nach denen die Shootings ablaufen und die Fotos ausgewählt werden, oder werden „nur“ thematisch zueinander passende Fotos ausgewählt?
Thomas: Nun, ich habe vor langer Zeit damit aufgehört, meine Kamera in die Hand zu nehmen und einfach nur wild drauflos zu knipsen. Bevor ich ein Foto mache, muss eine Bildidee da sein, die in der Regel von dem Modell und mir gemeinsam erarbeitet worden ist und vom Konzept in eine Richtung geht, die ich vorher festgelegt habe.
Dabei habe ich jedoch noch keine klare Vorstellung davon, wie das später vielleicht in einem Buch funktionieren könnte. Das kommt dann erst später, wenn man dem Buch eine bestimmte Richtung geben will, indem man schaut, welche gemachten Fotos sich prima einbinden lassen und vom eigentlichen Buchkonzept her, gut zueinander passen.
Dabei passiert es jedoch leider immer wieder mal, dass ein sehr schönes Foto zugunsten des Bildlaufs ausgemustert werden muss, was mir dann in der Seele wehtut.
Matthias: Das Vorwort wurde von Tony Mitchell geschrieben, dem Herausgeber des Skin Two Magazins. Warum ausgerechnet er, was verbindet dich mit ihm?
Thomas: Im Gegensatz zum Bildband CUTS, welcher vorrangig für den deutschen Markt produziert wurde, ist H.E.L.P. bereits von vornherein international angedacht worden. Dazu kommt noch, dass H.E.L.P. eher fetishlastig ist, CUTS aber tendenziell mehr in Richtung Gothic ging. Daher hatte damals auch Martin Sprissler vom Gothic-Magazine ein einleitendes Vorwort geschrieben.
Diesmal wollte ich also jemanden haben, der auch mehr mit der Fetishszene zu tun hat und darüber hinaus über ein internationales Standing verfügt. Wer hätte also besser passen können, als der Herausgeber eines der international angesehensten Fetishmagazine. Und da in der Skin Two CUTS sehr gut besprochen wurde und ich wusste, dass Tony Mitchell nicht nur schön schreiben kann, sondern mir auch sehr wohlgesonnen ist, habe ich ihn einfach gefragt und er hat zugestimmt.
Ja ja ja, so war das… ;-)
Matthias: In seinem Text kritisiert Tony Mitchell die „landläufige“ Auffassung der Fetisch-Fotografie, die oftmals in selbstauferlegten Dogmen erstickt.
Würdest du das so unterschreiben?
Thomas: Wenn ich mir die grobe Masse der Fetish-Fotografen und deren Arbeiten anschaue, und Fetish-Fotografie ist ja scheinbar gerade sehr populär, dann ja. Aber ich denke auch, dass sich dass nicht nur auf die Fetishszene reduzieren, sondern allgemein in jeden andern Bereich der Fotografie, Kunst, Musik und Kultur ausweiten lässt.
Wenn irgendwas hipp wird, dann gibt es auch jede Menge Trittbrettfahrer. Aber was Tony meint, ist, dass die Fotografen, von denen er spricht, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Sie fotografieren jemanden in Lack, in Latex, packen noch ne Peitsche und ein paar Handschellen hinzu, und fertig ist das Fetish-Bild. Das aber noch mehr dahinter stecken muss, als nur reine Klischeebefriedigung, das verstehen leider die wenigsten.
Daher wird gerne immer wieder von bekannteren Künstlern, die über eine ganz eigene Handschrift verfügen, abgekupfert, kopiert und zitiert. Aber es gibt z.B. nur einen Helmut Newton. Und wenn man es genau nimmt, ist er auch überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Wer jedoch heute noch meint, er müsse sich in Newton-Klischees suhlen, kann allerhöchsten noch eine gewisse Achtung bei Leuten erzielen, die mehr auf Technik als auf Inhalt wert legen, und schiebt sich auf ein Abstellgleis.
Daher gilt heute noch genauso wie eigentlich immer schon: Wer was besonderes schaffen möchte, muss auch besonders innovativ sein. Und von dem Moment an, wo man dann selbst von anderen zitiert bzw. kopiert wird, hat man es eigentlich geschafft.
Matthias: Und wie siehst du selbst deine Fotos im Vergleich zur „konventionellen“ Fetisch-Fotografie?
Thomas: Tja, wenn ich ehrlich bin, dann habe ich eigentlich schon lange damit aufgehört, mir überhaupt noch andere Fotografen anzuschauen und zu analysieren. Damals allerdings dachte ich auch noch, ich muss unbedingt solche Fotos machen, wie Trevor Watson oder Christoph Mourthé. Aber dann ist mir klar geworden, dass ich mich auf den Kopf stellen kann…
Ich werde das niemals hinbekommen. Weder verfügte ich über die entsprechenden Modelle, noch über das notwendige Equipment und die notwendigen Locations. Ich musste also schauen, wie ich mir dem arbeiten konnte, was ich hatte. Und das war alles andere als viel. Eigentlich, genau genommen, hatte ich gar nichts. Ich verfüge bis heute nicht mal über eine Kamera, die ich mir selber hätte finanzieren können. Ich hatte jedoch das Glück, immer wieder auf Gönner und Menschen zu stoßen, die es gut mit mir meinten, und mich in dem unterstützt haben, was ich wollte und mir dabei unter die Arme griffen.
Aus all den äußeren Umständen und weil der Teufel in der Not Fliegen frisst und es in mir gebrannt hat wie die Hölle, ist es mir dann auch gelungen, was recht eigenständiges zu schaffen. Und das daraufhin die Gothic- bzw. Fetishszene auf mich aufmerksam wurde, ist halt eine von diesen vielbeschriebenen Synergien. Und genau genommen sehe ich mich selbst nicht speziell als Fetish- bzw. Gothic-Fotografen, sondern als jemanden, der immer nur kinky Bilder machen wollte, um was zu produzieren, was ich selber anderswo gerne gesehen hätte, aber leider nie zu sehen bekam.
Mein Fetish liegt weniger in Latex-Klamotten und Nietenhalsbändern, sondern eher in der Psyche des Menschen und diese in bizarren Situationen zu sehen, begründet.
Matthias: Wo wir gerade dabei waren: Skin Two ist ja ein ausländisches Magazin. Wie sieht es in diesem Bereich mit deiner Bekanntheit aus? Publizierst du auch in ausländischen Magazinen, und werden deine Werke auch dort vertrieben?
Thomas: Jepp, das Ausland ist toll! Ich habe inzwischen ein recht hübschen Bekanntheitsgrad in Europa, Amerika und Kanada. Und fast überall dort gibt es auch meine schönen schönen Bücher zu kaufen. Und bei speziellen internationalen Magazinen habe ich auch mittlerweile viele Freunde gewonnen, die gerne und immer wieder Fotos von mir präsentieren und über meine Arbeit berichten möchten.
Meine deutschen Freunde sind aber auch nicht zu verachten, die ich an dieser Stelle ganz besonders herzlich grüßen möchte. ;-)
Matthias: Mit „H.E.L.P.“ führst du ja einerseits die bereits mit „Cuts“ begonnene Thematik im ersten Kapitel „H.E.L.L.“ fort, andererseits kommen auch mehr oder weniger „Modeaufnahmen“ („P.V.C.“) und fast schon Karikaturen in Fotoform („L.I.F.E.“) vor.
Wie ist diese Komposition zu erklären? Wolltest du einfach dem Betrachter mehr Abwechslung bieten, oder steckt noch mehr dahinter?
Thomas: Hm, vielleicht hatte ich ja nicht genügend Bilder in einer Thematik, um damit ein ganzes Buch zu füllen. Nein, jetzt mal in ernst! Ich wollte einfach einen netten Querschnitt durch mein Schaffen der letzten zwei Jahre zeigen und dabei nichts auslassen.
Auch wenn, wie gesagt, nicht alles Platz fand und leider ausgemustert werden musste. Aber um es ganz grob auf den Punkt zu bringen, H.E.L.L. [Hell:Enters:Life:Permanently] zeigt auf, was dem Individuum von außen angetan wird, L.I.F.E. [Lessons:In:Free:Experiences], was man sich im Wunsch nach Individualität selber antut und das letzte Kapitel P.V.C. [Pictures:Versus:Commerce], wie Modefotografie noch aussehen könnte und beinhaltet ausschließlich Auftragsarbeiten.
Und meiner Meinung nach ist damit insgesamt ein sehr rundes und auch abwechslungsreiches Werk entstanden.
Matthias: „H.E.L.P.“ wird ja im Gegensatz zu „Cuts“ über Ubooks vertrieben. War die Arbeit mit der Art-Manufaktur nicht zufriedenstellend, oder warum der Wechsel auf einen anderen Verlag?
Thomas: Doch, die Arbeit mit der Art-Manufaktur war sehr schön und zufriedenstellend und ist sie auch immer noch, da CUTS ja auch noch immer hochaktuell ist. Bücher werden nicht so schnell alt! Aber als Ubooks an mich herantrat und fragte, ob sie mit mir einen weiteren Bildband machen könnten, war die Art-Manufaktur gerade mit vielen Neuerscheinungen beschäftigt und hatte keine Kapazitäten für einen weiteren Bildband zu diesem Zeitpunkt.
Insofern habe ich das Angebot von Ubooks mit Einverständnis der Art-Manufaktur angenommen und ich muss sagen, dass ich auch mit Ubooks sehr gerne zusammenarbeite. Insofern ist alles schön und alle sind glücklich.
Matthias: Auf der Leipziger Buchmesse warst du in diesem Jahr mit deinem neuen Werk vertreten. Wie wurde es von den Besuchern und der hiesigen Presse aufgenommen?
Thomas: Ubooks hatte H.E.L.P. in Leipzig außerordentlich schön präsentiert und es gab Poster, Postkarten und Buttons. Und für mich kleine Schaumgummipilze zum aufessen.
Und während ich damit beschäftigt war, konnte ich beobachten, wie die ausgelegten Exemplare von H.E.L.P. ständig in den Händen von Besuchern waren und hochinteressiert durchgeblättert wurden, was auch viele Verkäufe zur Folge hatte. Insofern war die Leipziger Buchmesse wohl schon ein voller Erfolg.
Ebenso scheint auch die Presse, jedenfalls nach dem zu urteilen, was bisher an Artikeln, Interviews usw. erschienen ist, sehr angetan zu sein. Natürlich hoffe ich, dass das so bleibt, da es eigentlich gerade erst jetzt mit den Rezensionen und allem so richtig losgeht.
Matthias: Wie hat dir die Arbeit an deinem zweiten Buch gefallen? Und wie schaut es mit weiteren Veröffentlichungen oder Ausstellungen aus?
Thomas: Nun, dieses Jahr wird noch einiges spannendes passieren. Tatsächlich werde ich mich jetzt wieder ein wenig mehr um Ausstellungen kümmern, was ich in den letzten Jahren doch etwas arg vernachlässigt habe. Und als Auftakt stehen vorerst mal zwei Gruppenausstellungen mit international namhaften Künstlern aus der Fetishszene in Essen auf der Fetish Evolution und in Berlin auf dem German Fetish Ball an.
Weiter geht es dann mit einer Ausstellung in München bei „No Respect“ und, und nun ja, alles weitere werden wir dann sehen.
Mit Veröffentlichungen sieht es nicht anders aus, da dieses Jahr noch zwei große Fetish-Anthologien erscheinen werden. Zum einen im Feierabendverlag/Berlin und zum anderen die legendäre Anthologie der SECRET, die bereits seit vielen Jahren in unregelmäßigen Abständen erscheint.
Und für nächstes Jahr ist ein ganz besonderes Buch geplant, welches ich zusammen mit dem begnadeten Künstler und Illustratoren Hanspeter Ludwig veröffentlichen werde. Um was es sich dabei handelt und worum es geht, darüber möchte ich jetzt noch nichts sagen, da ja sonst die Überraschung verloren gehen würde. Nur soviel: Es wird wohl wieder bei Ubooks erscheinen und ein Buch werden, was man so nicht von mir erwartet hätte. Denke ich jedenfalls. Und es wird grandios, witzig und auf jeden Fall mehr als szeneübergreifend.
Matthias: Nun ein ganz anderes Thema: Drei Monate vor der Veröffentlichung von „H.E.L.P.“ ging deine neue Webseite online.
Im Vergleich zu deiner alten Präsenz stehen dem Besucher weitaus weniger Bilder zur Ansicht zur Verfügung, dafür gibt es jetzt einen kostenpflichtigen Member-Bereich. Warum diese Änderung?
Thomas: Nun, CUTS ist im Ausland immer noch relativ schwer zu bekommen ist und dank der Pay-Seite können nun interessierte Menschen an diese Bilder herankommen und sich herunterladen, auch wenn sie das Buch nicht erwerben können. Und da CUTS im Buchhandel Geld kostet, halte ich es für fair, wenn für diese Bilder ebenfalls ein kleiner Obolus entrichtet wird.
Matthias: Viele „alte“ Aufnahmen und Projekte, die zum Beispiel auf deiner letzten Seite ausgestellt wurden, fehlen – auch im Mitgliederbereich. Dafür findet man viele Aufnahmen „behind the set“ und Making-Off’s. Werden die Archive nach und nach ergänzt, und irgendwann einen Gesamtüberblick über dein Schaffen bieten?
Thomas: Ja klar, nach und nach werden im Memberbereich wohl eine sehr große Anzahl meiner Arbeiten zu sehen sein. Meist aber natürlich die alten zuerst und ab und zu auch mal Bilder, die eigentlich nicht für Buchpublikationen und Ausstellungen bestimmt waren, wie Strip-Serien und etwas frivolere Geschichten, die ich für z.B. Suicide Girls.com oder das Pirate-Magazine gemacht habe.
Matthias: Eine allerletzte Frage zum Schluss: Was wünschst du dir, für deine berufliche und private Zukunft?
Thomas: Finanzielle Unabhängigkeit, um uneingeschränkt meine Arbeit fortführen zu können, geistige Unversehrtheit, um mich noch bis ins hohe Alter in meiner Kunst auszudrücken und Frieden, Frieden, Frieden … vor allem natürlich inneren!
Matthias: Vielen Dank für deine Antworten und Informationen zu deinem Schaffen.
Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und – wie sollte es auch anders sein – allzeit gut´ Licht!












