Der Frontmann von The Fair Sex veröffentlichte am 24. März 2006 das erste Balladenalbum „Zenith Is Decline“. Myk Jung zeigt sich hier von seiner leisen Seite. Wie es zu dem Album kam, wer und wie lange dran gearbeitet hat, aber auch wie es mit The Fair Sex weitergeht, könnt ihr hier nachlesen…
Eniz: Hallo Myk. Danke, dass du bereit bist, die paar Fragen für uns und für unsere Leser zu beantworten. Am 24. März ist es soweit. Dein Balladen-Album wird Wirklichkeit. Wie fühlt man sich in dieser Woche, wo es erscheint?
Myk Jung: Es steckt jede Menge Arbeit in dem Album. Im Mai 2003 sind wir aufnahmetechnisch den ersten Song angegangen; hernach haben wir uns um andere Projekte gekümmert, im Winter 2004/05 dann die eigentlichen Sessions begonnen; und, wie Du schon sagst, jetzt, in dieser Woche wird “Zenith Is Decline“ endlich veröffentlicht. Weit nach meinem ursprünglichen Zeitplan: aber das passiert ja andauernd, und nicht nur mir, denke ich. Momentan habe ich sehr stark den Eindruck, dass ich genau das Gegenteil von dem fühlen werde, was ich zu manchen The Fair Sex-Veröffentlichungen gespürt habe: nämlich nichts mehr. Die Gedanken waren damals des öfteren schon weiter gewandert, zu den nächsten Projekten. Eine völlig unpassende Zerstreuung, wie ich eigentlich finde: Der Release war für mich manchmal ganz unreal geworden. Als würde man in einer unwirklichen Zeitblase hängen, in der einen nichts mehr angeht…
Eniz: Wie ich der Pressinfo entnehmen konnte, war dein Produzent und Arrangeur Ramon Creutzer derjenige, der 2001 mit der Initiative zum Balladenalbum den Stein ins Rollen gebracht hat. Hattest Du schon länger mit dem Gedanken gespielt?
Myk Jung: Der Gedanke, einige der teilweise wirklich schon alten Akustikgitarren-Stücke aufzunehmen, ist in der Tat älter als fünf Jahre. Doch im Frühjahr 2001 gab’s die Initialzündung: ich stellte Ramon ein paar Songs vor, die ich ihm im Rahmen eines anderen Projekts anbot. Und bei der Gelegenheit fragte er mich, ob ich solche Songs nicht auch mal unter eigener Flagge ausproduzieren wollte. In einem Klanggebilde, fern vom Industrial-Krach.
Eniz: Deine Bandkollegen Lawrence Molnar, Lydia Nwokedi und L’O arbeiteten unterstützen dich genauso wie Krischan Wesenberg von Rotersand. Wie war die Zusammenarbeit in der Zeit mit allen?
Myk Jung: Das Album wurde in vier verschiedenen Studios produziert und von Beginn an war es mein Ziel, dass möglichst viele derer, mit denen ich durch die Jahre gearbeitet hatte, an dem Projekt beteiligt sein würden. Bevor die Produktion startete, verteilte ich in einer Art Vorkonzeption die Songs auf die jeweils anvisierten Studios und entwarf ein paar Arrrangement-Pläne. Zuweilen haben wir uns sehr eng an diese Vorlagen gehalten, in anderen Songs uns aber einigermaßen von ihnen entfernt. Langsam wurde alles immer erhabener, intensiver, trauriger: es spiegelte sich tatsächlich immer mehr die düstere Melancholie wider, die wahrscheinlich der Urquell des gesamten Unterfangens ist. Abgründe, in denen ich hänge.
Eniz: Deine 10jährige Tochter Allegra übernahm bei zwei Stücken den Gesang. Also ich war sehr überrascht über die englische Artikulation und man merkt gar nicht, dass eine 10jährige hinter dem Gesang stecken soll. Du musst mächtig stolz sein auf deine Tochter. Wie kam das zustande, dass sie zwei Songs beisteuerte?
Myk Jung: Die Melodiebögen der zwei Allegra-Songs „Veiled“ und „A Dream Of Sway“ sind tatsächlich von ihr selbst entworfen worden, und das schon vor über zweieinhalb Jahren, im Herbst 2003. Da sie das Englische noch nicht beherrscht, bediente sie sich für die allerersten Aufnahme ihrer Ideen einer Art Pseudo-Englisch, einer dem Englischen ähnlichen Lautmalerei. Aus ihren klangmalerischen Elementen habe ich den letztendlichen Text geformt, wobei ich mich sehr an das von ihr vorgegebene Soundgebilde gehalten habe. Sozusagen hat sie damit die Texte mitgeschrieben, die sie dann, allein nach ihrem Klang, ohne den Inhalt wirklich zu verstehen, auswendig gelernt hat… In ihrer Umsetzung war sie tatsächlich, wie ich dann ziemlich perplex feststellte, gar nicht mehr so „kinder-like“ wie ich es erwartet hatte. Sie hatte wohl schon zuviel Avril Lavigne gehört.
Eniz: „Zenith Is Decline“ trägt den Untertitel: „The Nine Lost Ballads“. Könntest Du erläutern, warum sie verloren sind? Verloren im Sinne von verschüttet oder verloren im Sinne, dass man sich in den Balladen verliert?
Myk Jung: Schon seit der ersten Konzeption des Tracklistings waren es diese neun Titel, die ich aus einem großen Pool herausfischte: es mussten aus irgendeinem Grunde genau diese sein. Hätte ich mich nicht dazu entschlossen, das Balladenwerk endlich anzugehen, wären sie das geblieben, was sie zwischenzeitlich waren: verloren im Trudel der Zeit – oder eben verschüttet, wie Du es passend bezeichnest. „Toys Of Time“ zum Beispiel ist in seiner Urform ein unglaublich altes Lied, und als ich es wieder ans Tageslicht beförderte, kam es mir so vor, als würde ich einen lang vermissten Schatz bergen, sozusagen aus der Vergessenheit hervorhieven. Aber das ist lediglich mein eigener Erklärungsansatz. Jede andere Interpretation ist willkommen: Dass man sich in den Balladen verlieren kann, ist eine schöne Vision.
Eniz: Ich habe in der Rezension bereits angeschnitten, dass wenn Du ein reines Balladenalbum gemacht hättest, es sehr schwierig gewesen wäre, wenn die Flight-Segmente nicht eingestreut wären. War es von Anfang an so geplant? Ich meine, würde ja auch zum Konzept des Albums passen…
Myk Jung: Die Flight-Collagen bilden einen eigenen Handlungsstrang, wie einen zweiten Roten Faden, der thematisch mit den Neun Balladen verwoben ist – stärker hingegen noch untereinander. Der Niedergang des Moments, das Dahinsiechen des Glücks, die Unwiederbringlichkeit des Augenblicks (allesamt Themen, die ebenfalls die Neun transportieren), werden durch „Flight I-VI“ noch einmal aufgegriffen, darüber hinaus noch mit einer eigenen Note versehen: es ist wie ein Storyplot, der einen Suchenden, einen niemals das Ziel erreichenden Wanderer präsentiert. Man könnte es solchermaßen zusammenfassen: Das Driften ohne Halt und Zentrum (I). Die Hilflosigkeit im Anblick des Unglücks eines anderen (II). Die Suche nach dem Herzstück des Daseins (IV). Die Nichtigkeit unserer Taten, die ohnehin im Nebel entschwinden, durch den Zeitfluss irgendwann unerheblich werden (V). Der Moment, der ewig dauern soll (und es, verdelli, natürlich nie tut). (VI).
Eniz: Hattest Du Zweifel daran, dass der Hörer – so schön die Balladen auch sind – eventuell mit soviel Ballade nicht durchhält, das Album in einem Mal durchzuhören?
Myk Jung: Seltsamerweise (wie oben schon angedeutet) habe ich niemals den Plan gehabt, mit zwölf oder fünfzehn Balladen zu hantieren – obgleich eigentlich genügend am Start sind. Vielleicht habe ich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt gefühlt, dass einer gewissen Anzahl von Balladen ein Kontergewicht entgegen gesetzt werden sollte. Wahrscheinlich wäre es wirklich für das Ohr ermüdend, über eine gesamte Albumlänge hindurch lediglich schlagwerklosen Edelschnulzen zuzuhorchen. Kleine Widerhaken, die das Ohr ein bisschen ärgern, auch mal lospoltern, leicht industrialine Züge aufweisen: das war die musikalische Grundidee des „Flight“-Zyklus’. Denn die Neun selbst habe ich von solchen Widerhaken relativ frei zu halten geplant.
Eniz: Ich persönlich finde, dass es eine sehr gute Idee war, die Flight-Segmente mit einzubauen. Das gibt „Zenith Is Decline“ die nötige Abwechslung.
Myk Jung: Ich denke, (und hoffe), dass Du da nicht der einzige bist. Es ist eben nicht nur der Rote Faden, den sie spinnen: sie werden als ästhetisches Element wahrscheinlich benötigt. Sie wildern ein bisschen zwischen den ‚erhabenen’ Liedern herum, machen drei Minuten leichten Akustik-Nerv, sodass der Hörer wieder bereit sein mag, sich auf den nächsten Schmachtfetzen zu freuen.
Eniz: Inwieweit würdest Du von „Ten Thousand Centuries“ und „The Ancient Moon“ von Geschwisterstücken sprechen? Und was macht diese beiden Songs zu Geschwistern deiner Meinung nach?
Myk Jung: Ich befürchte, dieser Begriff ist so eine Marotte von mir; indes habe ich immer wieder das Gefühl, dass es ein solches Phänomen tatsächlich gibt: zwei Titel innerhalb eines Repertoires, die sich ähnlich sind, und doch auch wiederum ganz eigene Facetten mit sich bringen, wie die zwei Seiten einer Münze. Sie greifen ähnliche Themen auf, sind ästhetisch-musikalisch miteinander eng verwandt – und doch ganz eigenständige „Individuen“. Vielleicht habe ich mir diese Theorie auch nur in meinem Kopf zusammengebastelt – aber schon in frühen Jahren meinte ich, solche „Geschwisterstücke“ anzutreffen… Ich geb mal, unnötig ausufernd, klar, ein paar Beispiele:
bei den Beatles waren es für mich immer „Can’t Buy Me Love“ und „A Hard Days Night“ (oder auch „Hey Jude“ und „Let It Be“), zum Beispiel, bei den Stones „Satisfaction“ und „Jumping Jack Flash“, bei den Sisters „Alice“ und „Body Electric“, bei Skinny Puppy „Last Call“ und „Deadlines“, bei The Fair Sex z.B.„The Naked And The Dead“ und „The Wild Ones Fade“, und ich weiß noch weitere… Solche Stücke sind vielleicht zu nahezu demselben Zeitpunkt entstanden, oder aus einem ähnlichen Grundgefühl heraus – oder sie ergänzen sich gegenseitig thematisch. Diese Gefühl, das ich gar nicht weiter belegen kann, hatte ich auch in Bezug auf „Ten Thousand Centuries“ und „The Ancient Moon“. Jause, jetzt hab ich verdammt viele Begriffspaare gebracht…
Eniz: War es Absicht, dem letzten Stück „Flight VI: Zenith“ entgegensetzt des Titels eine verwegene, vergängliche Note zu geben? Ich hatte das Bedürfnis ein Lagerfeuer anzufachen.
Myk Jung: Ich finde es sehr schön, dass Du es so empfindest. Der Abschluss des Albums „Flight: Zenith“ stellt beileibe nicht den Höhepunkt, das Ewigwährende oder was auch immer dar – ist eher ein melancholischer, vom Verlustschmerz durchwallter Rückblick auf einen vergangenen Glücksmoment, der einfach nicht zu halten war. Somit ersteht zwar dieser Moment noch einmal (und vielleicht ist dies auch der einzige Zenit, der uns Sterblichen bleibt: das Nichtvergessen), doch gerade dadurch, dass er noch einmal durchlebt wird, wird auch umso deutlicher, dass er nicht mehr das Hier und Jetzt darstellt. Ich finde auch: diese Collage hat eine verdammt „vergängliche“ Note…
Eniz: Wie wertest Du nun das Album? Also was wird damit nun passieren? Wird es als Nebenprojekt angesehen, was live nie zu hören sein wird? Ich vermute, dass Du The Fair Sex weiterhin die größte Aufmerksamkeit schenken wirst.
Myk Jung: Von jetzt an sind alle Wege offen – und alles ist sozusagen möglich, was ja ein beruhigender Gedanke ist. Im Augenblick möchte ich nicht darüber nachdenken, was Hauptprojekt/Nebenprojekt-Wertungen angeht. Wie es mit The Fair Sex weitergeht, wird sich im Laufe der nächsten Monate herausstellen. Nur so viel: Mehrere musikalische Eisen sind weiterhin im Feuer, und vor allem die abschließende Arbeit am zweiten Schuldt-Album, dem Nachfolger des „First Error Code“-Albums, steht als dringlichste Aufgabe an.
Eniz: Oder gibt es da bereits Gedanken, dass man es live umsetzt?
Myk: Es gibt verschiedene Live-Konzepte, auch verschiedene mögliche Besetzungen und bis zum Herbst will ich es zu Ende geplant haben, und dann… kann man es mal angehen.
Eniz: Das war es dann auch schon. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit dem Album und dass es gut ankommt.
Myk Jung: Vielen Dank! Und bis bald
Autor: Eniz












