Dass der „Mastermind des deutschen Darkwave“ (a.k.a. Tilo Wolff) und seine musikalische Gefährtin und Sängerin Anne Nurmi in letzter Zeit wieder mächtig fleissig waren, um ihr neues Album mit dem bedeutungsschwangeren Titel „Lichtgestalt“ an den Start zu bringen, dürfte ja schon in aller Munde sein. (Für alle Unwissenden unter Euch gibt´s zur Einstimmung auch eine Review von uns – einfach unter „Rezensionen“ nachschauen!) Um der steigenden Spannung ein wenig Abhilfe zu schaffen, erklärte sich Tilo höchstpersönlich dazu bereit, mir als „Appetizer“ ein paar Fragen rund um die Vergangenheit, die Zukunft und das aktuelle Schaffen des glorreichen Duos zu beantworten. Neugierige vor!

Shirin: Grüss dich, Tilo! Ersteinmal danke, dass du dir die Zeit für ein kurzes Interview genommen hast!

Tilo: Gerne doch und entschuldige die kleine Verspätung… (Hey, die akademische Viertelstunde ist nun wirklich nicht wild;-) – Anm.d.Verf.)

Shirin: Ist doch kein Problem, ich bin heute ohnehin den ganzen Abend daheim. Also als kleine „Vorabinfo“ wollte ich kurz anmerken, dass ich mir überlegt habe, vielleicht vorwiegend allgemeinere Fragen zu stellen, da wir von Mindbreed dich ja quasi zum ersten Mal interviewen und daher wäre es vielleicht dienlich, Lacrimosa im Allgemeinen ein wenig vorzustellen – obwohl Fragen zum neuen Album sicherlich nicht fehlen dürfen. Wäre das okay für dich?

Tilo: Ja sicher!

Shirin: Gut. Zuersteinmal ist mir bei eurem musikalischen Schaffen über die Jahre aufgefallen, dass ihr wirklich eine beachtliche Entwicklung hinter euch gebracht habt, es aber dennoch einige Dinge gibt, welche euch als Band charakterisieren, und diese Merkmale zogen sich quasi als Konstante durch alle eure Alben. Ich finde diesen Balanceakt recht beeindruckend und von daher würde mich mal interessieren, ob du dir Gedanken über deine musikalische Entwicklung machst – sprich: ob du irgendeine bestimmte Richtung, in die die Musik gehen soll, irgendwie forcierst – oder ob das einfach so geschieht.

Tilo: Ich denke, man kann die Art von Kunst, wie ich sie betreibe, nur dann betreiben, wenn sie langfristigen Bestand und Wert hat. Da ist es immer das Beste, wenn man sich von seinem Herzen und nicht von seinem Kopf beraten lässt – sprich: Man sollte versuchen, so wenig wie möglich mit dem Kopf zu arbeiten und soviel wie möglich zu erfühlen. Dementsprechend entsteht auch meine Musik.

Also, ich setze mich nicht hin und sage mir: „So, jetzt brauchen wir noch ´nen tanzbaren Song auf dem Album oder wir brauchen noch ´ne Nummer, die unter drei Minuten ist, oder sonst irgendetwas..“ , sondern ich komponiere einfach, lasse meinen Gefühlen freien Lauf und das, was dann dabei herauskommt, das kommt halt dabei heraus und ist dann hinterher Lacrimosa…

Shirin: Das kann ich sehr gut nachvollziehen! Wenn man mal auf eure Alben zu sprechen kommt: Die haben ja alle recht prägnante und kurze Titel, und da drängte sich mir die Frage auf, ob da eine bestimmte Absicht hinter steckt oder ob eure Titelwahl eher zufällig passiert…

Tilo: Nee, da steckt natürlich schon eine gewisse Absicht dahinter. Man macht ja mit der Musik ziemlich viel….(überlegt kurz)…Lärm sozusagen (wir schmunzeln beide), also man produziert viele Töne, viele Klänge, viele verschiedene Frequenzen und besingt auch in den Texten sehr viele Bilder, sehr viele Ausdrücke und so weiter und ich finde es wichtig, dass es ein spezielles Wort gibt, an welchem man das Ganze festmachen kann. Der Titel einer Platte sollte also als eine Art Bündelung ihres kompletten Inhaltes fungieren.

Shirin: Welchen Bedeutungsgrad hat denn der Titel einer Platte für dich ganz persönlich? Machst du dir sehr viele Gedanken über seine Auswahl? Schließlich ist so ein Titel ja schon etwas, woran man eine bestimmte CD als Erstes erkennt, wenn man in einen Plattenladen geht…

Tilo: Das stimmt absolut und von daher ist mir der Titel einer CD auch sehr wichtig. Ich mache mir sehr, sehr viele Gedanken darüber! Es wäre für mich ganz schlimm, ein Album abzuliefern, dessen Titel mir nicht gefällt. Dadurch hätte die CD dann immer so einen leicht negativen Anstrich…

Shirin: Was mich auch nochmal interessieren würde, da du ja schon relativ lange im Geschäft bist: Wie bist du eigentlich ans Musizieren geraten?

Tilo: Das war relativ simpel eigentlich: Ich schreibe seitdem ich denken kann Texte und Prosa und habe dies als Weg gewählt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Früher war das eher so eine Art Zwiegespräch zwischen einem imaginären Menschen und mir – eine Art Tagebuch in lyrischer Form – und irgendwann habe ich festgestellt, dass mich das alleine nicht mehr befriedigt, dass mir die Worte als Ausdruck zu wenig sind. Ich wollte dem Ganzen eine weitere Dimension hinzufügen und bin so darauf gekommen, Texte in Klangbilder zu kleiden. Das hat sich dann erst mit der Zeit in konkrete Musik entwickelt, da die ganze Sache anfangs eher noch eine Art Collage sein sollte.

Ich habe dann irgendwann auf dem Klavier „Seele in Not“ geschrieben (wobei das gar keine große kompositorische Leistung war, da der Song lediglich aus einer einzigen Basslinie besteht), bin damit ins Studio und hab´ den Song aufgenommen. Daraufhin hatte ich Blut geleckt und wollte damit nie mehr aufhören, weil ich gemerkt habe, dass das genau die Ausdrucksform ist, die für mich Sinn macht und die mir Spaß macht. Ich wollte davon einfach nicht mehr weg…

Shirin (lacht): Das kann ich gut nachvollziehen! Die „Angst“ war glaube ich eine der ersten Platten, welche ich mir in düsterer Richtung gekauft habe…

Tilo: Ja, wirklich?

Shirin: Ja, da war ich elf oder so!

Tilo (lacht): Iss´ ja geil!

Shirin: Um mal ganz kurz auf euer neues Album „Lichtgestalt“ zu sprechen zu kommen: Was ich recht interessant fand, war die auf dem Cover abgebildete Figur. Sie stellt ja eine Art Mischung aus einem Engel und einem Dinosaurier dar und ich habe mich gefragt, woher die Idee zu dieser Figur kam und welchen Bezug sie zu dem Inhalt des Albums hat…

Tilo: (überlegt kurz) Ich bin ja sehr christlich veranlagt und wenn man sich mal näher mit der christlichen Mythologie befasst, dann stößt man dort auf den gefallenen Engel, welcher ja eigentlich der Engel des Lichtes sein sollte. Er hat sich dann jedoch gegen Gott aufgelehnt, weil er größer sein wollte als er und ist dadurch von einer „Lichtgestalt“ quasi zum Gegenteil geworden, nämlich zu etwas Dunklem. Der Mensch hat ja einen ähnlichen Werdegang hinter sich: Eigentlich stellt er ja die „Krone der Schöpfung“ dar – so war es zumindest gedacht – jedoch hat er sich dann letztenendes doch als Abschaum, als Versager profiliert – als Zerstörer der Schöpfung sozusagen.

So sind wir alle eigentlich gefallene Engel, welche zwar die Möglichkeit haben, ins Licht zurückzukehren, aber zur Zeit nicht dort sind. Daher die Coverfigur, als Sinnbild eines gefallenen Engels, wobei die Flügel für mich die Liebe symbolisieren. Die Liebe ist das, was uns Göttlichkeit gibt, quasi das Wesen Gottes. Jedoch sind die Flügel hier ja nicht mit Federn bedeckt, wie bei einem schönen Engel, sondern sie sind kahl, weil wir uns eben auf dem Weg ins Dunkel befinden und nicht mehr in „engelsgleichen“ Regionen verweilen. Die zum einen sehr erschöpfte, aber dennoch stolze und demütige Haltung der Coverfigur soll diesen Zweispalt sinnbildlich noch einmal unterstreichen. Übrigens präsentiert sich unser Harlekin ja auf dem Cover zum ersten Mal ohne Kleider, aber dafür mit Flügeln.

Shirin: Ja, das ist mir auch aufgefallen! Die Kleider sind auf der Rückseite des Covers zu finden,richtig?

Tilo: Genau!

Shirin: Ich habe mal gelesen, dass ihr vor allem in südländischen Regionen unheimlich erfolgreich seid! Was kannst du mir denn über eure Erfahrungen und Erlebnisse dort berichten?

Tilo: Ja, das stimmt! Wir sind im ganzen südamerikanischen Sektor recht erfolgreich und das auch in einer Weise, die mit Europa gar nicht zu vergleichen ist! Hier ist Lacrimosa sicherlich eine wichtige und szene-relevante Band, aber dort sind wir der Inbegriff der schwarzen Szene und eine der bedeutensten Rockbands aus Europa. Das ist recht merkwürdig, weil wir ja deutsche Texte haben und wir werden dort dennoch mehr gehört, als einige Bands mit englischen Texten. Aber es ist auch wunderschön mitzuerleben!

Shirin: Ihr habt ja auch eine Tour durch besagte Region gemacht und mich würde mal interessieren, wie ihr diese Tour in Erinnerung behalten habt! Wie war das Publikum, verglichen mit den deutschen Fans?

Tilo: Wir betouren diese Länder ja schon seit vier Jahren und es ist wirklich nicht mit Europa vergleichbar! Die Fans sind viel aufgeschlossener und es gibt diese Barrieren zwischen den Szenen nicht. Dort existiert eine große Undergroundszene, ohne irgendwelche „Untergrüppchen“ und Trennlinien. Zum anderen geht es dort auch sehr enthusiastisch zu. Wir können dort nicht ohne Security aus dem Hotel treten und müssen uns auch unter falschem Namen einbuchen, weil die ganze Stadt immer voll ist mit Fans, welche versuchen herauszufinden, wo wir wohnen. Das ist ein richtiger Hype dort, den man sonst an sich nur aus dem Fernsehen kennt.

Teilweise sind die Leute dort natürlich auch etwas rücksichtsloser. Wenn wir zum Beispiel auf irgendwelche Aftershow-Parties gehen, dann kommt es vor, dass unsere Bodyguards einfach umgerannt werden. Das ist wirklich unfassbar!

Shirin: Oha, das klingt wirklich unfassbar! Werdet ihr denn zu eurem neuen Album auch eine Tour machen? Wie sehen die konkreten Pläne diesbezüglich aus?

Tilo: Also, wir planen eine große Europatour, und Südamerika sowie Mittelamerika werden wir auch betouren, nur wissen wir noch nicht genau, ob wir das direkt an die Europatour anschließen oder dort erst im Winter sein werden.

Shirin: Wenn man schon so viele Alben veröffentlicht hat, gibt es dann überhaupt noch so etwas wie ein persönliches Lieblingsalbum?

Tilo: Also im Endeffekt ist es schon so, dass jede Platte ihren ganz eigenen Stellenwert hat und man liebt sie alle in gleichem Maße. Das ist vergleichbar mit einer Mutter, die mehrere Kinder hat. An einem Tag mag sie das eine vielleicht ein bisschen mehr und dann mal wieder ein anderes, aber letztendendes liebt sie alle ihre Kinder. So geht es mir mit meinen Alben auch: Sie sind alle meine Kinderlein und ich liebe sie alle gleich. Nur geht es mir oft so, dass ich das jüngste Album anfangs immer ein wenig mehr ins Herz geschlossen habe als die übrigen. Das gibt sich jedoch mit der Zeit auch wieder.

Shirin: Du interessierst dich neben deinen musikalischen Aktivitäten doch auch sehr für das Filmemachen, stimmt das?

Tilo: Ja, ich interessiere mich sehr dafür, nur fehlt mir leider die Zeit, um mal einen eigenen Film zu drehen.

Shirin: Gibt es denn irgendwelche Pläne bezüglich einer neuen Lacrimosa-DVD oder Ähnlichem?

Tilo: Jein. Also im Herbst wird es eine weitere Lacrimosa-DVD geben und es ist ein weiteres Projekt in Planung, dass aber erst Ende nächsten Jahres spruchreif werden würde. Mehr kann ich dazu im Moment leider noch nicht sagen.

Shirin: Wenn du mit irgendeinem Künstler zusammen (von Anne mal abgesehen) ein Duett aufnehmen könntest, wer käme da für dich in Frage?

Tilo: Also solange mir ein Projekt gefällt, bin ich stets offen für eine Zusammenarbeit. In der Vergangenheit habe ich ja auch schonmal mit Kreator und Dreams of Sanity zusammen gearbeitet. Konkrete Wünsche diesbezüglich habe ich derzeit aber nicht…

Shirin: Und last but not least würde ich gerne noch wissen, was ihr zwei für Pläne und Wünsche für die Zukunft habt!

Tilo: Es ist uns natürlich sehr wichtig, als Lacrimosa weiterhin viele Platten zu verkaufen, um derartig teure Produktionen mit Orchester etc. auch finanzieren zu können. Allerdings wollen wir trotz des Erfolges auf keinen Fall ins Fahrwasser der Massenproduktion und des aktuellen „Szenehypes“ gelangen, sondern weiterhin eigenständig und autonom unser Ding machen, ohne zu irgendwelchen Major-Labels zu wechseln und ähnliches.

Daher haben wir ja mit „Hall of Sermon“ auch unser eigenes Label auf die Beine gestellt und können dadurch selbstständig und authentisch agieren. Dass all das weiterhin so gut klappt… ich denke, dass wäre wohl der Hauptwunsch bezüglich unserer Musik!

Shirin: Tja, dann sage ich mal: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview und ich wünsche dir alles, alles Gute für die Zukunft!

Autor: Shirin

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