„Nigredo“ ist erschienen und Adrian Hates berichtete uns am Telefon, wie es ihm und Gaun:A, seinem Partner und Gitarristen bei der Produktion erging, was er über Melancholie denkt, und was die weiteren Pläne sind.

Eniz: Hallo Adrian und danke zunächst, dass du dir die Zeit genommen hast, für uns und unsere Leser ein Interview zu geben. „Nigredo“, das neue Diary of Dreams-Album nach dem 2002er Werk „Freak Perfume“ und dem Mini-Album „Panik Manifesto“ sowie „Dream Collector“ ist Ende Oktober erschienen. Wie war die Herangehensweise und was hast du während dieser zwei Jahre gemacht? Eine Pause nach der ausgiebigen letzten Tour war sicher nötig.

Adrian Hates: Pause war da nicht wirklich drin. Wir arbeiten eigentlich wirklich konstant an Diary of Dreams und an den damit zusammenhängenden Jobs, von Merchandise-Gestaltung bis zu Internetpräsenz, wo wir ständig gucken und uns neue Sachen ausdenken, Livevorbereitungen, Line-Up der Band, wir erweitern und überlegen, was man an den Konzerten noch verbessern kann. Auch Studio-Updates und Produktionsverbesserungen und so was. Im Grunde hat man rund um die Uhr zu tun mit Diary of Dreams und mittlerweile sind da eine ganze Reihe von Leuten inzwischen involviert.

Nachdem das letzte Album „Panik Manifesto“ fertig war, habe ich direkt noch vor der Tour mit dem neuen Album simultan angefangen.

Das war zu dem Zeitpunkt, wo Gaun:A, mein Gegenstreiter derzeit, dann im Studio fundamentale Präsenz bekam und wir seitdem wirklich zwei Jahre fast durchgehend gearbeitet haben; am Album und an allen anderen Tätigkeiten.

Wie wir darangegangen sind ist relativ schwierig: Also hatten wir uns retrospektiv mit den Vorgänger-Alben auseinandergesetzt und interpretiert, was wir anders machen möchten und haben das dann erstmal versucht, in zwei ersten Titeln umzusetzen. Diese zwei ersten Titel, die wir da gemeinsam gemacht haben, haben wir dann sogar fürs neue Album fertiggestellt. Das sind „Cannibals“ und „Charma Sleeper“, also „Charma Sleeper“ war das erste Stück überhaupt, was Gaun:A und ich zusammen erarbeitet haben.

Wir haben erstmal ein grobes musikalisches Layout erstellt und dann simultan mit dem Fortschreiten in der musikalischen Arbeit das Konzept des Albums erarbeitet, die graphische Realisierung umgesetzt, das Fotoshooting in Island organisiert, sind nach Island geflogen, die meterlangen Fahnen mußten geschneidert und bemalt werden – Gaun:A hat sie selbst bemalt mit den Logos. Das ist ein Wahnsinnsaufwand gewesen, das kann man sich so gar nicht vorstellen. Ein 6-tägiges Photoshooting in Island zu organisieren ist wirklich nicht so einfach.

Ja, und so hat man sich dann von einer Aufgabe zur nächsten fortgearbeitet und Ruckzuck waren zwei Jahre um und man saß dann irgendwann beisammen und merkte, dass man sich so langsam einem Ende nähert. Das ist schon eine Sisyphus-Arbeit gewesen und auch wirklich ein großes Stück Arbeit.

Eniz: Danach ist man doch sicher ausgebrannt, oder?

Adrian Hates: Eigentlich nicht. Also man ist nur ziemlich ausgebrannt, gerade weil die letzten Wochen, die wir gearbeitet haben, bevor das Album vollendet wurde, eine Tag- und Nachtgeschichte war, wir haben nur ein paar Stunden geschlafen. Die letzten Wochen vor Vollendung sind irgendwie immer so, ich weiß auch nicht, warum das immer so sein muß (lacht), aber wenn man sich der Dead-Line nähert, dann muss noch mal so richtig Gas gegeben werden.

Aber man ist dann kopftechnisch ausgepowert, aber körperlich irgendwie nicht. Ich habe dann erstmal ganz viele andere Sachen, um die ich mich erstmal kümmere. Und das sind natürlich unheimlich viele Sachen, die erstmal liegengeblieben sind und um die man sich in den letzten Wochen überhaupt nicht gekümmert hat, sei es die Web-Präsenz oder sei es das Bearbeiten von Fan-Mails, die wir zu 80, 90% komplett selbst machen. Sei es Neuauflagen von alten CDs, die wir gerade im Moment komplett durcharbeiten. Es gibt immer so viele Sachen, die eine große Ruhepause nicht zulassen, und Urlaub ist glücklicherweise sowieso nicht Gaun:As und mein Ding.

Wir haben lieber ein Glas Weißwein im Studio, quatschen über Pläne, was wir als nächste Schritte machen möchten. Da erholen wir uns besser und haben mehr Spaß bei, als 12 Stunden im Flugzeug zu sitzen und 5 Tage sich irgendwo aufzuhalten und dann wieder zurückzufliegen.

Worauf wir uns außerordentlich freuen ist die kommende Tournee. Das hat für uns, obwohl es ein wahnsinniger körperlicher Stress ist, unglaublich viel Vorbereitung bedarf und an Privatsphäre im Bus nicht unbedingt viel gegeben ist, dennoch fast den Charakter von Urlaub.

Ich hoffe, ich werde nicht krank (lacht)…

Eniz: Das hoffe ich auch…

Adrian Hates: …also, es ist wirklich wie Urlaub. Ich mag es unheimlich gern, das Leben im Bus.

Eniz: Nigredo übertrifft meiner Meinung nach „Freak Perfume“, was ja schon eine Glanzleistung war. Woher kommt dieser ganze Ideenreichtum und die Inspiration? Und hat man nach einer so hohen Messlatte die Befürchtung, dass man selbige beim nächsten Mal nicht mehr erreicht?

Adrian Hates: Ja, jedesmal (lacht). Wenn man anfängt, an einem neuen Album zu arbeiten, fällt es einem manchmal sogar schwer, überhaupt einen Anfang zu finden, weil man fast respektvoll zurückblickt und sagt: „Das kannst du nicht übertreffen“. Da muss man aber irgendwann anfangen, sich von dem Gedanken zu lösen, weil dann kann man ja aufhören, Musik zu machen, wenn man meint, das nicht mehr übertreffen zu können. Ich finde den Motor, zu sagen: „Doch, du kannst es besser.“ viel interessanter und hoffentlich schafft man es dann auch.

Es ist in der Tat eine Angst, die man hat, besonders natürlich in den Kritiken. Man liest äußerst ungern: „Schönes neues Album, aber das letzte war besser“. Das ist natürlich nicht das, was man gerne lesen möchte. Irgendwann wird es wahrscheinlich auch mal kommen, weil man sich natürlich nicht 20 Jahre lang immer nur übertreffen kann. Glaube ich zumindest. Aber wir werden es probieren.

Es ist auf jeden Fall ein schwieriger Ansatz jedesmal.

Eniz: Und der Ideenreichtum und die Inspiration, wo kommen die her nach deiner Meinung?

Adrian Hates: Ich weiß es nicht. Aber ich habe eigentlich nie wirklich einen Mangel an Inspiration und Ideen gehabt. Und Gaun:A ist zudem ein unheimlich kreativer Mensch und wenn wir zusammensitzen und uns über Konzepte und Ideen unterhalten, dann ist aus einem Funke ganz schnell ein Großbrand geworden. Wir wissen gar nicht, wo wir aufhören sollen mit unseren Ideen.

Wir haben eher das Problem des Mangels an Zeit, anstatt Mangel an Ideen.

Eniz: Dann ist also der Ideenbrunnen noch lange nicht ausgeschöpft?

Adrian Hates: Noch lange nicht, keine Sorge.

Eniz: Dein Gesang auf den Diary of Dreams-Werken ist sehr vielschichtig und akzentuiert. Hattest du dir dieses Talent autodidaktisch angeeignet oder gar Gesangsunterricht genommen?

Adrian Hates: Ich habe ganz ganz früher im Chor gesungen.

Da war ich klein (lacht).

Da habe ich das Bedürfnis gehabt, von vornherein mehrstimmig zu singen. Ich mochte Kymrisch immer sehr gerne, was man heute noch unschwer hören kann. Der größte Teil ist autodidaktisch angeeignet, wobei ich glaube, dass die meisten Menschen, die ein Instrument klassisch lernen, also Harmonielehre angeeignet bekommen, sehr starkes Empfinden für Vokalität bekommen allgemein.

Das Instrument, was jeder von uns tagtäglich benutzt, ist das eigene Stimmorgan. Ich glaube, dass man, wenn man talentiert ist im musikalischen Bereich, auch sehr schnell anfängt, das auf seine eigene Stimme zu übertragen. Und wenn man dann anfängt, zu komponieren und noch nicht die Stücke alleine für den Gesang schreibt, kann man dennoch den anderen vorsingen, wie es klingen soll.

Ich glaube, dass ist so eine Trainingsache, die sich für den einen ergibt und für den anderen nicht. Denn wenn das Ziel ist, nur Komponist zu sein, weil man einen guten Sänger hat, dann reicht das zu präsentieren, wie es in etwa klingen soll. Das war bei uns dann jedenfalls nie so und dass ich meine gesanglichen Leistungen verbessern wollte, und so habe ich von Album zu Album hart gearbeitet, viel, viel gesungen, und die gesamte Tournee ist das härteste Gesangstraining, was man machen kann.

Vier Wochen Tournee, also wenn man da zurückkommt und noch Stimme hat, dann weiß man auf jeden Fall, dass man einen Schritt weiter ist.

Eniz: Abgesehen von einigen Stücken wie „Giftraum“ und „Traumtänzer“ ist der Großteil der Diary of Dreams Stücke – meiner Meinung nach – nicht allzusehr clubtauglich, da sind „Diorama“ z.b. schon eher flotter… Ist es dir wichtig, dass Diary of Dreams Lieder in Clubs gespielt werden?

Adrian Hates: Also, das ist eine relativ schwierige Antwort. Zum einen ist der Club natürlich ein super Promopool, das ganz zu unterschätzen wäre fahrlässig, aber seine Musik daraufhin zu produzieren wäre auch ziemlich schwachsinnig. Da hätte ich keine Lust drauf. Ich will dann lieber weniger im Club laufen, aber für meine Musik stehen können und sagen können: „Ich habe diese Musik so gemacht, weil sie mir gefällt“ und nicht einen Break weglassen müssen, weil der Break der Tanzflächenkiller ist. Auf so was habe ich keine Lust.

Deine Meinung, dass „Diorama“ tanzbarer ist, kann ich jetzt nicht zu 100% nachvollziehen, aber das ist auch nicht so schlimm. Ich glaube einfach, dass das unterschiedlich ist.

Wir haben jetzt in München eine Releaseparty gegeben und ich kann dir sagen, was da für Titelwünsche auf dem Zettel standen. Da haben wir sehr gestaunt. Da wurden Sachen wie „Babylon“ und „She and her Darkness“ gewünscht. Ich bin dann immer zum Haus-DJ gelaufen und hab gefragt: „Das kann man hier doch nicht laufen lassen, das fegt doch die Tanzfläche leer?!.“, meinte er immer so zu mir: „Nö, nö, nö,… mach mal“. Und da haben wir Stücke laufen lassen, die puren Balladen sind und die Tanzfläche war arg voll. Gerammelt voll.

Das haben wir in der letzten Zeit mehrfach festgestellt, und ich habe ganz viele DJs, die uns angesprochen und gesagt haben: „Wir haben gerade in eine super Kerbe geschlagen, weil dem Anschein nach Mid-Tempo-Songs zunehmend besser im Club ankommen“.

Ich selbst bin ja nur, ich möchte sagen, Freizeit-DJ, das heißt, ich such mir meine Locations aus, wo ich auflege. „Traumtänzer“ z.B. war vom letzten Album der Clubhit und ich weiß nicht, ob das wirklich eine tanzbare Nummer war, aber das war definitiv in vielen Clubs bis heute das absolute Standardprogramm.

Das ist schon bedeutend, insofern weiß ich nicht, ob man Bpm-Zahl und 4/4 Bass-Drum unbedingt als Maßstab für Tanzbarkeit nehmen muss oder sollte.

„Diorama“ haben z.b. mit „Advanced“ natürlich, ohne Frage, einen absoluten Clubklassiker hingelegt, ein fantastisches Stück. Aber ich glaube, wir mit „O’Brother Sleep“, „Traumtänzer“, „Chemicals“ „Butterfly:dance!“, „The Curse“ oder aus dem aktuellen Album „Kindrom“, „Giftraum“ brauchen uns nicht zu verstecken.

Eniz: Ich habe das bemerkt, dass die DJs sich an Diary of Dreams-Lieder selten herantrauen.

Adrian Hates: Ja, das ist richtig. Aber ich denke, das ist auch eine Frage der DJs und der DJ-Erziehung. Das Publikum kriegt ganz oft nicht das, was es gern hören würde, weil der DJ es nicht spielen möchte. Die Fans sind auch oft dankbar, wenn überhaupt was von einer gewissen Band läuft. Die Fans wünschen sich was von Diary of Dreams und der DJ spielt dann das, was er von Diary of Dreams als Standard im Programm hat, aber da kann man den DJs auch nicht reinreden, das müssen die schon für sich selbst beurteilen.

Wenn Diary of Dreams viel im Club läuft, dann bin ich glücklich, wenn es weniger läuft, schade, aber danach werde ich meine Musik nicht ausrichten.

Eniz: Die Ähnlichkeit der Stimmlage zwischen Torben Wendt – dem Sänger von Diorama – und dir ist schon recht komplementär… Verwechseln die Leute euch manchmal? Als ich Diorama zum ersten Mal gehört hatte, dachte ich zunächst, es wäre was von Diary of Dreams…

Adrian Hates: Es ist auf jeden Fall schon vorgekommen. Gerade auf dem Diorama Debüt-Album „Pale“, das habe ich ja auch produziert und war bei dem einen Stück auch gesanglich präsent. Und es geht bis heute herum, dass ich angesprochen werde, ob ich nicht endlich das Rätsel lösen will und offiziell bekannt geben möchte, dass Diorama nur mein Nebenprojekt ist.

Da muß ich natürlich immer herzlich lachen, wobei es mir für Torben gleichzeitig unheimlich leid tut. Ich habe mit Diorama nun wirklich nicht viel mit zu tun. Ich war mal so was wie ein Mentor, also der Entdecker, für Diorama, der Demotapes zu Accession Records geschleppt und veröffentlich hat. Es besteht seitdem eine enge Zusammenarbeit zwischen Diorama und Diary of Dreams. Wir haben auch Tourneen zusammen gemacht und spätestens dann sollten die Leute begriffen haben, dass es Torben ist, der da singt und die meisten haben das auch. Es gibt nur ein paar Individuen, die das wahrscheinlich nicht wahr haben wollen.

Torben hat schon seine sehr eigene Gesangsmarke, obwohl es da schon eine Ähnlichkeit in der Lage und im Klang gibt. Aber wenn man sich seine und meine aktuelle Platte anhört, sind da doch schon ganz schöne Unterschiede mittlerweile.

Ich würde jetzt mutmaßen, dass Torben früher auch Diary of Dreams gehört hat und so kam er dann überhaupt dazu, mir ein Demotape seiner Arbeit zu schicken. Und es hat ihm wohl ganz gut gefallen und vielleicht hat das im Entstehungsprozess seine Gesangsstilistik ein bisschen inspiriert, ich weiß es nicht. Aber Diorama und Diary of Dreams gleichzustellen, wäre der unglaublich kreativen Arbeit von Torben nicht fair gegenüber, weil er wirklich ein begnadeter Musiker ist.

Er ist am Klavier ein kleiner Gott. Die Fähigkeiten, die er am Klavier hat, die habe ich in 100 Jahren nicht. Unglaublich talentiert, ich würde auch jederzeit wieder mit ihm ein Lied aufnehmen.

Eniz: Sowohl bei „Bastard“ auf „Freak Perfume“ und als auch nun auf „Nigredo“ hat Torben Wendt an einigen Stellen mitgewirkt. Besteht Hoffnung, dass Diorama nicht nur als Support von Diary of Dreams mitspielt, sondern dass wir auch irgendwann mal wieder ein Adrian Hates / Torben Wendt-Gesangsduo auf der Bühne erleben, wie das vor ein paar Jahren war?

Adrian Hates: Das ist eine Frage, die mir relativ häufig gestellt wird. Es war natürlich sehr eindrucksvoll; Torben und ich ein komplettes Konzert zweistimmig durchzusingen, das war ein wirklich schöner Event. Ich habe das auch unheimlich genossen und Torben mit schweren Herzen damals gehen lassen. Ich mag auch einen jungen Künstler in seiner Entwicklung nicht bremsen, weil ich ihn mit Diary of Dreams zu sehr unter Beschlag nehme. Er hat neben Diorama noch ein Eigenleben und gleichzeitig daneben eine Ausbildung, musste etliche Monate nach Kanada und Spanien, was ihn beansprucht. Daneben Arbeit, damit er mit seiner Ausbildung vorwärtskam…

Da war kein Platz mehr. Das mussten wir beide auch schweren Herzens einsehen. So kam es dann, dass er damals die Band verlassen hat und ich habe zu ihm gesagt, dass er jederzeit immer herzlich willkommen ist und frische dieses Angebot regelmäßig wieder auf, damit er das immer weiß.
Und wenn er es sich irgendwann zeitlich wieder leisten kann, vielleicht macht er es dann.
Ab und zu sind wir immer mal wieder als Guest-Vocal auf der Bühne des jeweils anderen zu sehen.

Ich war in Athen schon als Gastsänger bei Torben auf der Bühne und er hat auf der letzten Tour in Stuttgart beispielsweise „Butterfly:dance!“ mit mir gesungen.

Ob das mal wirklich wieder eine komplette Tournee sein wird, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Kann gut mal sein. So projektmäßig kann ich mir das gut vorstellen, aber gerade wegen solcher Äußerungen, Diorama/Diary of Dreams-Verwechslungen, und dass Diorama Diary of Dreams ähnlich sind, kann es sein, dass Torben diese zu enge Bindung scheut. Und das kann ich sehr gut verstehen.

Eniz: Was auffällt ist, dass ein Bandmitglied, und zwar Gitarrist Gaun:A, mit auf Bildern von „Giftraum“ und auch im Booklet mit abgebildet ist. Hat das was damit mit zu tun, dass er verstärkt, wie du am Anfang schon erzählt hast, mitgearbeitet hat? Auf früheren Alben warst du ja ganz allein abgebildet.

Adrian Hates: Wir haben grundsätzlich zusammengearbeitet und er hat wahnsinnig viel gearbeitet und zusammen mit mir intensivst in diesen zwei Jahren und ich fände es hochgradig egozentrisch, dann zu sagen: „Dennoch bin ich allein in der CD abgebildet.“. Das liegt mir total fern. Würde ich im Leben nicht machen wollen.

Wenn man als Duo arbeitet, ist man auch als Duo abgebildet, ganz einfach.

Und in der Vergangenheit war es aber auch nicht nur so, dass nur ich abgebildet war. Damals schon im Debüt „Cholymelan-“ ist mein damaliger Gitarrist Alister Kane abgebildet, in der „Psychoma?“ sind alle vier abgebildet, die bei der Platte mitgewirkt haben, in „Moments of Bloom“ auch.
Es gab da schon mal Ausnahmen, man muss sagen, je nach Platte hat man das dann angepasst. Wenn ich eine Platte alleine gemacht habe, war ich auch alleine drin.

Wurde schon ganz richtig interpretiert. Es ist auf jeden Fall ein optisch-visuelles Zeichen dafür, dass die Präsenz von Gaun:A einer normalen Gitarristenpräsenz nicht gleichkommt, weil er schon wesentlich mehr mitgewirkt hat.

Eniz: Und was mir noch aufgefallen ist, sind die Orchesterelemente, gerade bei „Mask of the Shame“. Werden wir in zukünftigen Veröffentlichungen mehr davon in dieser Richtung hören?

Adrian Hates: Du meinst, den Klang eines Orchesters zu imitieren?

Eniz: Ja. ich habe schon vermutet, dass es vom Keyboard kommt, aber es klang schon ziemlich echt.

Adrian Hates: Da sind sogar echte Elemente bei, aber wenn ich das mal so retrospektiv sagen kann, ist das ein Stilmittel, was ich schon immer benutzt habe. Das ist auf dem Debüt, auf dem zweiten Album ganz besonders. Das war jetzt nichts, was ich auf „Nigredo“ neu erfunden hätte.

Eniz: Ich frage, weil es mir dort besonders ins Ohr gestochen ist.

Adrian Hates: Das kann natürlich sein, weil es auch ein sehr reduziertes Stück war. Auf die Essenz reduziert.

Eniz: Melancholie und Bedrückung sind Hauptbestandteil deiner Texte. Da liegt die Vermutung nahe, dass du die Musik und die Texte als Ventil benutzt… Aber woher kommt dieser Stau an Emotionen, die letztendlich dann eine Ventil brauchen, ehe die Maschine Mensch nicht mehr funktioniert?

Adrian Hates: Vielleicht liegt es daran, dass der Mensch eben keine Maschine ist und dass der ein oder andere Mensch sich in seinem Umfeld wohl fühlt und der andere wiederum nicht. Dass man versucht, die unterschwelligen Emotionen, die sich anstauen, irgendwann per Ventil versucht abzulassen, weil man sonst nämlich damit nicht klarkommt. Wie es um einen herum läuft und was sich in seinem Leben abspielt.

Ich betrachte das und habe das auch mehrfach so bezeichnet, durchaus als Selbsttherapie und auch als etwas Psychologisches, und man sagt ja auch, dass wenn man z.B. ein Tagebuch führt und alles niederschreibt, dass der Prozess auch eine Befreiung sein soll und dass man sich nach dem Schreiben besser fühlt und das ist in der Tat auch in vielen Fällen so, dass man sich danach besser fühlt.

Es gibt zwei Perspektiven: Was setze ich um, also was mache ich mit der Musik, und was macht die Musik mit mir. Das geht hin und her und das Resultat der Musik verändert und beeinflußt dich wieder.
Ein Geben und Nehmen sozusagen. Ich brauche die Musik auf jeden Fall. Ich merke auch, wenn ich ein paar Wochen keine Musik gemacht habe, was selten vorkommt, dass ich zunehmend unausgeglichen und verspannter werde. Ich brauche das wirklich, um mich wieder regenerieren und arbeiten zu können.

Eniz: Ich habe außerdem gelesen, dass du große Menschenmassen und –ansammlungen nicht magst und du heilfroh bist, dass du bei den Konzerten die Rolle des Künstlers auf der Bühne anstelle die Rolle des Zuhörers in der Menge hast… Wie ergeht es dir, wenn du zwangsläufig doch einmal in eine Menschenmenge gerätst und was löst es in dir aus?

Adrian Hates: Teilweise Panik. Ich hatte das letztens erst bei einer Veranstaltung gehabt. Da bin ich raus und nach Hause gefahren. Ich brauche grundsätzlich Platz zum Atmen. Der Platz kann nicht 1m² sein. Ich bin natürlich äußert dankbar, dass es Menschen gibt, die das ertragen können, aber ich persönlich kann das leider nicht.

Eniz: Deine Liebe, aber auch deinen Hass auf die Menschheit, gepaart mit Melancholie, kann man aus deinen Texten herauslesen, gerade auch jetzt aktuell in „Dead Letters“. In der Vergangenheit nannte man dieses Phänomen „Melancholia misantropica“. Wie lässt sich das im alltäglichen Leben miteinander vereinbaren? Diese zwei Seiten sozusagen.

Adrian Hates: Für mich ist das eine Frage der Dosierung. Auch zu solchen Veranstaltungen. Es gibt Tage, wo man entspannt und relativ gut gesonnen ist mit dem Umfeld und dann kann man sich auch am besten in das Umfeld begeben, aber manchmal bleibt man auch einfach mal drei bis vier Tage für sich alleine.

Und es gab durchaus auch Phasen, wo ich 14 Tage mein Studio überhaupt nicht verlassen hatte. Nur zum Essen und Schlafen; ich habe das große Glück, dass meine Wohnung und mein Studio übereinander sind – ich brauch noch nicht mal das Haus zu verlassen.

Ich krabbele dann quasi nur vom Mischpult zum Bett.

Eniz: Kommen wir zu einem ganz anderen Thema: Eure Tour fängt am 11.12.04 in Athen an…

Adrian Hates: In Athen ist das nur ein Vorgucker. Die eigentliche Tour fängt erst im Februar an (komplette Tourdaten hier; Anm. d. Red.) und da wird auch das komplett neue Programm zu hören sein. In Athen kriegt man vorab schon mal was zu hören, was einem auf der nächsten Tour in etwa zu erwarten hat.

Eniz: Ja, und führt dann durch Österreich, Schweiz, England, Belgien, Italien, Niederlande, Dänemark, Norwegen und natürlich durch Deutschland… Wie kommt es, dass ihr den Beginn gerade in Athen startet?

Adrian Hates: Das war, ehrlich gesagt, blanker Zufall. Im Moment ist noch ein weiteres Konzert in Verhandlung, was direkt nach Griechenland kommen soll, das wird dann Israel sein.

Das sind Zufallsergebnisse. Man bekommt Angebote und entweder man nimmt die Angebote wahr oder lehnt sie ab. Ich lehne Konzerte sehr ungern ab, weil ich das auf-der-Bühne-Stehen liebe. Und wir sind auch alte Hasen in Athen, ich glaube, dass wir jetzt zum 5. Mal nach Athen kommen. Wir waren auch einer der ersten Bands aus dem Genre, die in Athen gespielt haben. Denselben Vorreiter-Status haben wir auch in Süd-Afrika, da waren wir auch die erste Band, die ÜBERHAUPT aus dem gesamten Genre nach Süd-Afrika gekommen sind.

Ich finde toll, dass es Athen ist, da gibt es einige Sachen, die nicht so sensationell sind. Athen ist ein super Publikum. Wir haben da eine ganz tolle Fan-Base in Griechenland. Ich freu mich, dass ich mit den Menschen dort das erste neue Konzert mit dem neuen Album feiern kann.

Eniz: Werden „Psyche“ euch während der gesamten Tour begleiten oder nur in bestimmten Städten?

Adrian Hates: In diesem Tourblock, den wir von Februar bis Anfang März haben, werden sie komplett mit dabei sein.

Eniz: Gibt es, verglichen mit den deutschen Fans, Unterschiede in der Mentalität der ausländischen Fans?

Adrian Hates: Auf jeden Fall. Das zeigt sich auch in Deutschland sehr. Über den Kamm kann man das nicht scheren und sollte aber auch immer sehr vorsichtig sein, denn wenn man ein Publikum mit einem anderen vergleicht, kann man dem Publikum sehr stark Unrecht tun. Dass ein deutsches Publikum mit einem Konzert anders umgeht als ein Publikum in Israel, kann man sich gut vorstellen, denn wie viele Konzerte im Jahr bekommt ein israelisches Volk geboten, und wenn die eine Veranstaltung haben, wo sie hinrennen, dann feiern die. Das ist ja ganz klar. Die sind unheimlich dankbar, dass da überhaupt jemand mal hinkommt. Und wenn es dazu noch eine Band ist, die ihnen am Herzen liegt, freuen sie sich natürlich doppelt; das Gleiche hatten wir auch in Süd-Afrika, das war sensationell, da haben wir drei Tage nur Interviews gegeben, von morgens bis abends. Da staut sich natürlich alles auf, weil man so eine Aufmerksamkeit und so eine Euphorie in Deutschland einfach nicht bekommt.

Das ergibt sich natürlich von selbst und darf man auch nicht erwarten und wenn man das erwartet, dann fehlt einem auch ein wenig die Erfahrung, glaub ich.

Und ich finde, die Resonanzen, die wir in Deutschland haben, sind beachtlich. Ich finde, wir haben immer sehr schöne Konzerte gehabt. Ich denke auch gerne an München zurück oder an Stuttgart oder Hamburg, Essen… diese Liste könnte man natürlich endlos weiterführen, wo die Resonanzen des Publikums toll waren und wo wir wirklich super schöne Konzerte verbracht haben.

Das sind Unterschiede, aber die darf man nicht als qualifizierend oder disqualifizierend nehmen, sondern einfach unterschiedliche Mentalitäten mit unterschiedlichem Angebot, denn in Deutschland: Wie viele Konzerte haben wir die Woche? Ich weiß es nicht. Ist doch ganz klar, dass die Leute nicht alles angucken kommen, weil die Ansprüche und Bedürfnisse einfach höher sind.

Eniz: Das Publikum ist nicht mehr durstig…

Adrian Hates: Ja, das Publikum in anderen Ländern ist durstig und hier übersättigt.

Eniz: Ihr ward nun bei der letzten Tour auch in Moskau…

Adrian Hates: Ich war durstig, meinst du?

Eniz: Nee, nee, darauf wollte ich jetzt nicht hinaus…

Wenn Du die Wahl hättest, wo würdest du am allerliebsten auftreten, wo du vorher noch nicht warst?

Adrian Hates: Island. In Reykjavík würde ich gerne ein Konzert geben. Ansonsten haben wir noch kein Konzert in Schottland gegeben. Edinburgh wäre eine Stadt, wo ich gerne mal spielen würde. Ich hoffe, dass sich das in naher Zukunft ergibt. Aber die U.K. ist ja grundsätzlich so entweder die Old-School-Gothic-, Techno-, Synth-Pop- oder härtere Electro-Abteilung. Wir haben zwar ein Super-Following, aber in England ist es natürlich noch eine Ecke stärker als in Schottland.

Eniz: Ist man eigentlich in den USA auf euch schon aufmerksam geworden und was gibt es für Pläne hinsichtlich dessen?

Adrian Hates: Wir verhandeln gerade mit einem US-Kinovertrieb, wegen einem Soundtrack für eine US-Filmproduktion. Die neue Platte ist jetzt am 9.November bei Metropolis herausgekommen, Russland bei Iron-Records. Es geht jetzt gerade los und dann gucken wir mal.

Wir wollen versuchen, im Laufe des nächsten Jahres eine Reihe von Konzerten in den USA zu verwirklichen.

Eniz: Ok, das war´s dann. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg mit „Nigredo“ und dir und deiner Familie ein recht schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Adrian Hates: Danke Schön!

Autor: Eniz

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