Anlässlich des Erscheinens seines Bildbandes „Cuts“ stellte sich der Fuldaer Fotograf Thomas van de Scheck einigen Fragen rund um Fotos, religiöse Inhalte und persönliche Grenzen…

Matthias Irrgang: Hallo Thomas.

Jetzt ist ja die erste Anspannung verflogen, Dein Bildband „Cuts“ ist erschienen und hat in Kennerkreisen schon einen gewissen Kultstatus erreicht. – Gratulation an dieser Stelle zu diesem Werk!

Ein paar Fragen haben sich von Seiten der Leser aber angesammelt, daher möchte ich Dich mit ihnen in Form eines kurzen Interviews konfrontieren.

Wie würdest Du jemandem, der noch nie von Dir und Deinen Fotos gehört hat, deine Kunst beschreiben?

Thomas van de Scheck: Nun, ich denke, ich würde sie als bunt, schrill, laut, leise, aggressiv, provokant und sensibel beschreiben. Als moderne Pin-Up’s, als fotografierte Mangas und comic-hafte Karikaturen. Als zerrüttend und als Mut gebend. Als hier und da weltbildverändernd, je nachdem, wo der Betrachter abgeholt wird.

Aber egal, was sie sind und was sie auslösen, eins sind sie auf jeden Fall: Polarisierend. Ich lege den Finger in Wunden und zeige Dinge auf, die existent sind, aber unangenehm, weil man sie nicht gerne sieht. Meine Kunst greift Thematiken auf, vor denen gerne die Augen verschlossen werden, schließlich besteht die Chance, dass sie den Betrachter selbst betreffen könnten.

Das tut weh und man kann sich darüber echauffieren. Andererseits gilt meine Kunst aber auch als Sprachrohr für all die, die sich in meinen Arbeiten wiedererkennen und glauben, dass sie mit ihren Problemen alleine dastehen. Was aber nicht so ist. Meine Kunst besteht darin, Tabuisiertes publik zu machen und damit aus dem „darüber Schweigen“ in eine „öffentliche Diskussion“ zu heben.

Matthias: In diese Sinne würde es mich interessieren, wie Du Dich selbst siehst, in Deiner Tätigkeit, Deinem Schaffen…

Thomas: Also in erster Linie bin ich jemand, der wirklich Spaß an seiner Arbeit hat. Darüber hinaus bin ich aber auch noch von jeher ein pedantischer Weltverbesserer mit dubiosen messianischen Ansprüchen. Ich bin eine Art therapeutischer Regisseur, der den Menschen, die zu mir kommen, dabei hilft, unterbewusste Wünsche an die Oberfläche zu zerren, Unverarbeitetes zu offenbaren und einmal ohne Schranken so sein zu können, wie es ihrem Inneren entspricht.

Ob das nun verwerflich ist oder nicht, ist mir egal. Ich bin Künstler. Ich darf das nicht nur, ich verlange das sogar von mir. Und andere inzwischen auch. Die Kamera, derer ich mich dazu bediene, ist lediglich das Medium zwischen mir und dem Modell, das die daraus resultierenden Ergebnisse festhält und für die Öffentlichkeit transportiert.

Matthias: …und natürlich, wie Du überhaupt zum Fotografieren gekommen bist, bzw. warum Du dabei geblieben bist. Du warst ja vorher schon in vielen Bereichen aktiv, neben dem journalistischen und musikalischen Bereich hat es Dir ja auch die Malerei angetan. Warum also der Sprung und die Festlegung auf das Fotografieren?

Thomas: Das Bedürfnis, sich ausdrücken zu wollen, war schon immer vorhanden. Welchem Mittel ich mich zu diesem Zweck bediente, war für mich eigentlich eher nebensächlich, solange ich nur nicht an der Oberfläche kratzte, sondern auch versuchte, dabei tiefer zu gehen. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, das besserwisserisch und mit erhobenem Zeigefinger tun zu müssen, sondern eher irgendwie humorvoller und hinterhältiger. Manchmal vielleicht sogar bösartiger.

Naja, jedenfalls brachte es dann irgendwann das Malen mit sich, dass ich alle schönen Fremdfotos, die ich besaß, gemalt habe und der Meinung war, zukünftige Motive selbst fotografieren zu müssen, um mit ihnen zu arbeiten. Nur erreichten diese Fotos relativ schnell eine Eigenständigkeit, so dass das Bedürfnis, nach ihnen zu malen, relativ schnell verschwand.

Gemalt wären diese Bilder nicht besser geworden und so habe ich es bleiben gelassen und mich ausschließlich nur noch auf die Fotografie konzentriert.

Matthias: Wenn ich „Freier Fotograf“ denke, frage ich mich spontan, ob man davon überhaupt leben kann.
Lebst Du denn einzig vom Fotografieren (und jetzt durch den Verkauf von „Cuts“) oder ist das lediglich ein nettes Zubrot?

Thomas: Hach, ich weiß ja nicht. Wenn ich „Freier Fotograf“ höre, dann denke ich hauptsächlich an Werbung, Mode und Hochzeiten, und davon kann man bei entsprechenden Kontakten schon relativ gut leben.

Aber so einer bin ich nun mal leider nicht. Wobei mich allerdings der Bereich „Mode“ reizt. Dafür habe ich revolutionäre Ansätze im Kopf, die ich gerne irgendwann mal umsetzen würde. Aber eigentlich bin ich „Künstler“. Im klassischen Sinne. Ich mache derzeitig nichts anderes als das, was man von mir kennt. Und dazu gehört viel Grießbrei und Knäckebrot essen.

Allerdings besteht die Chance, dass „CUTS“ mir Türen öffnet, hinter denen sich wenigstens einigermaßen gefüllte Kühlschränke verbergen. Durch das Buch selbst jedoch wird keiner reich werden … aber es ist eine wunderschöne Referenz, in der einiges an Potential steckt.

Matthias: Deine Themen liegen weitab von den üblichen Motiven des Fotografierens. Wie bist Du auf diese Motive gekommen und was macht bei Dir ein gutes Bild aus?

Thomas: Ich erwarte von einem guten Bild größtmöglichen Einsatz und einen hohen Grad an Authentizität von meinen Modellen, weshalb ich ihnen auch nicht sage, was wir machen werden. Die Ideen zu den Motiven stammen daher hauptsächlich von ihnen.

Ich sorge dann nur noch dafür, dass sie umsetzbar sind und, nachdem erst einmal solche Ideen gefunden wurden, dass das Modell auch in der Lage ist, diese entsprechend nach ihren eigenen und meinen Vorstellungen verkörpern zu können.

Wenn das jedenfalls alles stimmt, dann erst kann ich sagen, dass ein gutes Bild entstanden ist, mit dem ich auch zufrieden bin. Und das Modell natürlich auch. Immerhin entscheidet es mit darüber, mit welchen Fotos nachher weitergearbeitet wird und mit welchen nicht. Das ist halt eine Sache der Identifikation.

Matthias: Gibt es bei dem, was Du ablichtest, Grenzen? Oder bist Du dabei für alles offen?

Thomas: Solange ich in einem Motiv einen Sinn sehe und ich das Gefühl habe, dass es einen Grund gibt, warum ein Modell eine bestimmte Sache machen will, gibt es für mich keine Grenzen. Es sei denn, der Gedanke, der hinter einem Bild steckt, ist für mich aus bestimmten Gründen nicht vertretbar. Das können politische, aber auch meine persönlich moralischen Gründe sein. Aber niemals würde ich z.B. etwas machen, wo jemandem gegen seinen Willen Gewalt angetan wird oder eine Message transportiert wird, hinter der ich nicht stehen kann.

Matthias: In einigen Bildern wird recht provokant mit religiösen Symbolen umgegangen, als Beispiel fällt mir da unter anderem „Jesus, my dear“ ein. Ohne jetzt die Gretchenfrage zu stellen, würde es mich dennoch interessieren, wie Du zu diesem Thema stehst, und sei es nur in Bezug auf Deine Bilder.

Thomas: Ich habe großen Respekt vor Religion und Menschen, die an Gott oder an eine Philosophie glauben. Ich denke, dass jeder da so was hat und auch braucht. Kritisch allerdings finde ich es, wenn Menschen im Namen einer höheren Macht damit beginnen, andere Menschen zu manipulieren oder ihnen eine gewisse Doktrin aus Eigennutz aufs Auge drücken. Ein gutes Beispiel dafür sind Kirchen, religiöse Sekten und pseudopolitische Gruppierungen.

Zwar steckt hinter all denen eine Philosophie, die auch garantiert ihre Daseinsberechtigung hat, aber in ihrer Umsetzung und Ausführung doch eher meist zu wünschen übrig lässt und dazu dient, den Anhänger ruhig zu stellen oder sich an ihm zu bereichern. Mal ganz abgesehen vom Umgang dieser Gemeinschaften mit Andersdenkenden und Andersgläubigen.

Somit handelt es sich hierbei um ein jeher schwarzes Kapitel seit Anbeginn der Menschheit, welches es anzuprangern gilt und was ich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten versuche.

Matthias: Der Bekanntheit Deiner Bilder nach zu urteilen, dürfte ein reger Andrang an Modellen herrschen. Wie wählst Du Deine Modelle aus, oder kann sich bei Dir jeder ablichten lassen?

Thomas: Ja, das stimmt. An regem Zulauf brauche ich mich inzwischen nicht mehr beschweren. Aber das ist auch gut so, weil ohne meine Modelle wäre ich natürlich nichts. Und somit ist mir jede Bewerbung recht. Dass ich dann aber auch wirklich mit jemandem arbeite, hängt, wie gesagt, von den Ideen ab, mit denen sich das Modell bewirbt.

Und dann entscheide ich natürlich auch noch für mich nach einem gewissen persönlichem ästhetischen Empfinden. Das Modell muss für mich über Charisma verfügen und in mir den Eindruck wecken, dass es kreativ und experimentierfreudig ist. Wenn das alles stimmt, dann steht einer baldigen prima Session auch nichts mehr im Weg.

Matthias: Wie darf man sich ein „übliches“ Shooting mit Thomas van de Scheck vorstellen? Gibt es da ein Procedere wie bei gewissen Werbefotografen, arbeitest Du situationsbezogen? Stellst Du Deine Fotos, oder fotografierst Du aus der Bewegung, um es möglichst natürlich zu halten?

Thomas: Lebendigkeit und Ausdruck ist für mich auf einem Foto alles. Daher fotografiere ich ausschließlich aus der Bewegung heraus und erfülle damit alle Klischees, die man von einem Fotografen hat, wenn man ihn z.B. im Fernsehen sieht. Ich dirigiere meine Modelle und lass sie nicht eine Sekunde alleine.

Immerhin gilt es, ein Ziel zu verfolgen und gewisse Aussagen zu verkörpern. Nur geht es bei mir nie respektlos zu und auf so blöde Sprüche, wie „Komm, Baby, gib mir alles!“ und „Ja, komm, Du hast es drauf, Du bist die beste!“ verzichte ich gerne geflissentlich. Das geht auch anders! Und das meine Modelle die besten sind, weiß sowieso jeder!

Matthias: Auf Deinen Bildern ist ein Bezug zur Gothic-Szene unübersehbar. Wie stehst Du selbst zur Szene, oder bist du lediglich über deine Arbeit mit ihr in Kontakt?

Thomas: Mist, ich wusste, dass diese Frage irgendwann mal kommen wird. Dann muss ich jetzt wohl mal Farbe bekennen. Und „schwarz“ ist ja bekanntlich keine. Also gut, die Wahrheit ist, dass ich eine große Affinität zur Gothic-Szene habe. Immerhin habe ich ja sogar einige Jahre bei „Cancer Barrack““ für diese Szene Musik gemacht und ihr das feine Lied „Beischlaf mit 60 Kg Hackfleisch“ und noch viele andere mehr geschenkt. Obwohl ich persönlich eigentlich eher aus dem Hardcore kam. Aber da ich, solange ich zurückdenken kann, mehr oder weniger schwarz getragen habe, hat man schon immer dazu geneigt, mich der Gothic-Szene zuzuordnen.

Jedoch das Schwarz, das ich trage, ist ein „Existentialistenschwarz“ und findet sich eher in der Beatnik-Ecke wieder. Und von dem, was ich an Musik höre, bin ich eigentlich nach allen Seiten offen. Egal, um welchen Stil es sich handelt, es muss originell sein. Und da gibt es überall außergewöhnliche Perlen zu finden. Allerdings empfinde ich die Gothic- und Punk-Szene als wunderbar schillernd in all ihrem Facettenreichtum und ich liebe es, mit den Menschen aus diesen Szenen zu arbeiten, da sie häufig, wenigstens nach außen, unkonventionell zu sein scheinen. Und manche Vertreter sind es ja dann auch tatsächlich. Genauso wie es Menschen aus anderen Szenen ebenfalls sind.

Mit anderen Worten, ich werde auch zukünftig gerne mit „Grufties“ arbeiten, werde aber niemanden, der z.B. aus der Techno- oder Rockabilly-Szene kommt, vor den Kopf stoßen und ablehnen. Vorausgesetzt, die Ideen sind kompatibel mit den meinen. Was zählt ist hauptsächlich die Individualität desjenigen, mit dem ich arbeiten werde.

Matthias: Abschließend ein kleiner Ausblick in die Zukunft…
In der Fotocommunity kündigst Du bereits die Arbeit am nächsten Bildband an – was wird uns da erwarten? Ein Cuts Vol. II, oder etwas gänzlich Neues?

Thomas: In Arbeit sind derzeitig zwei neue Bücher. Das eine soll ein kleines Kinderbuch für Erwachsene werden, in dem eine niedliche und hoffentlich ansprechende Geschichte erzählt wird. Und das andere quasi ein großer Bildband ähnlich wie „CUTS“. Nur wird dieser sich weniger mit autoaggressivem Verhalten beschäftigen, sonder sich eher mehr mit grotesken, erotischen und politischen Inhalten auseinandersetzen.

Aber nach wie vor werden diese Fotos Geschichten erzählen und zum Nachdenken anregen, zum weinen und zum lachen sein und Meinungen spalten. Halt so, wie man es von mir gewohnt ist.

Darüber hinaus wird es aber auch Kunstdrucke zu kaufen geben, Postkarten und vielleicht im nächsten Jahr einen Kalender. Lasst euch überraschen. Schaut einfach ab und zu mal ins Internet unter www.tvds.de oder in den Shop meines Verlags unter www.art-manufaktur.de und informiert euch darüber, was es so alles schönes neues gibt. Habt Vertrauen, alles wird gut!

Matthias:Vielen Dank fürs Interview, Thomas, Dir noch weiterhin viel Erfolg und gut´ Licht!

Thomas: Vielen Dank für die schönen Fragen, ich hoffe, es macht den Lesern genauso viel Spaß wie mir das Beantworten.

all pictures © Thomas van de Scheck 2004

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